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Raum für Innovation: Einblick in das neue Steuerelement der TSG Hoffenheim.

TSG Hoffenheim 

Digitaler Tischfußball

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Neues aus dem Hoffenheimer Fußballlabor: der Interactive Data Space

Die kleine Durchgangsstraße zum Trainingscenter der TSG Hoffenheim in Zuzenhausen ist kurzfristig gesperrt: Baumfällarbeiten und Krötenwanderung. Kein Fremder, der hier auf dem einsamen Bergkamm zwischen Horrenberg (1800 Einwohner), Zuzenhausen (2150) und Hoffenheim (3300) ins Tal blickt, würde jemals ahnen, dass sich in der Senke vor den Bahngleisen eines der modernsten Innovationszentren des globalisierten Profifußballs befindet. Der Bundesligist, von jeher mit dem Softwaregiganten SAP seines Mäzens Dietmar Hopp eng verbandelt, hat genau dort, wo sich abends Hase und Igel gute Nacht sagen, die Zukunft des Fußballs schon in die Gegenwart transformiert und nun ausgesuchten Medien vorgestellt.

Herzstück der neuen Einheit ist ein abgedunkelter, futuristisch anmutender Raum im ersten Stock: der sogenannte „Interactive Data Space“. An der Wand steht die Losung „The Future is now“ (Die Zukunft ist jetzt), im Zentrum des Spacelabs steht ein etwa zehn Meter langer, mit eingelassenen Touchscreens ausgerüsteter Tisch für bis zu 16 Personen, am Fußende befindet sich ein sieben Meter breites Touch-Display, auf welchem die Spieler, Trainer und ihr Team die von den Experten aus dem Big Data aufbereiteten Informationen bedarfsgerecht präsentiert bekommen.

So wird im Kraichgau Science Fiction zur Realität. Denn nach Angaben von TSG-Geschäftsführer Peter Görlich hat der Klub während seiner nunmehr elfjährigen Angehörigkeit zur Bundesliga inzwischen rund 200 Millionen Datenpunkte mit 830 Variablen von der U10-Nachwuchsmannschaft bis zu den Profis gespeichert, die in dem Raum allesamt multimedial aufbereitet werden können.

Görlich spricht von einer „Goldsuchermentalität“ im Klub und bezeichnet das Projekt als „einmalig auf der Welt im Fußball“. Die TSG wolle so ihre „Technologie-Vorreiterrolle in der Bundesliga ausbauen“. Bereits mit dem Footbonauten, in dem die Hoffenheimer seit nunmehr fünf Jahren vergleichende Messungen im Präzisionspasspiel vornehmen, und der derzeit von einem 180-Grad-Trainingstool zu einer 360-Grad-Projektionsfläche umgebauten Helix, mittels derer die Wahrnehmung geschult wird, sowie einem Digital Board Room, in welchem die mittels der kognitive Fähigkeiten getestet und weiterentwickelt werden, und einer 40 Quadratmeter großen Videowand direkt am Trainingsplatz ist die TSG hierzulande Innovationsmarktführer.

Videowand direkt am Trainingsplatz

Ein Vorteil der Videowand, die das 26 Quadratmeter große Vorgängermodell bereits abgelöst hat, ist laut TSG-Analyst Timo Gross die Möglichkeit, „den Spielern losgelöst von der Theorie im Besprechungsraum ein direktes Feedback zu geben“ mit der anschließenden Möglichkeit, die Analyse unmittelbar in die Praxis umsetzen zu können. Auf der Screen können zur Spielvorbereitung im Abschlusstraining auch typische gegnerische Muster im Video gezeigt werden.

Laut Görlich gehe es dem 2008 in die Bundesliga aufgestiegenen und von 99,6-Prozent-Mehrheitseigentümer Hopp mit rund 350 Millionen Euro aus der Kreisliga aufgepeppten Klub „nicht um die Verwissenschaftlichung des Fußballs, sondern darum, unserem Trainer Julian Nagelsmann, seinen Mitarbeitern und den Spieler mehr Entscheidungsmöglichkeiten zu geben“. Im Interactive Data Space stünden „völlig andere Darstellungsformen zur Verfügung“, als etwa auf einer Pinnwand, einem Flipchart oder einem Excel-Sheet. Görlich will so „Innovation erlebbar machen und Spieler weiterentwickeln“. Und der Betriebswirt und Sportwissenschaftler will bestenfalls für den Verein auch Geld damit verdienen. Görlich spricht von möglichem „Knowhow-Transfer“ auch ins Ausland, schließlich habe „kein Klub hat so viele Referenzdaten wie wir“.

Ein konkretes Beispiel für die Nutzung des Fußballlabors: Torwart Oliver Baumann kann dort (oder bei Bedarf auch auf seinem Mobiltelefon) mittels des SAP-Tools „Penaltys Insights“ sämtliche möglichen gegnerischen Elfmeterschützen und deren Eigenheiten beim Strafstoß inspizieren, inklusive Blickrichtung und Verhalten beim Schuss in eine bestimmte Ecke.

Der alsbald Richtung Leipzig scheidende Chefcoach Nagelsmann lobte das Projekt, mittels dessen es Möglichkeiten gebe, „Daten so gut aufzubereiten, ohne dass der Trainer Professor sein muss“. Der 31-Jährige sieht vor dem Heimspiel am Freitagabend gegen Bayer Leverkusen gleichwohl noch Optimierungsbedarf in der Datenerhebung und Auswertung. Momentan sei der Datenbestand noch nicht so, „dass es einem Trainer viel bringt“. Es würden reichlich statistische Daten erhoben, aber noch keine taktischen. Etwa auf die Frage: „Habe ich zu große Abstände in der Defensive, wenn der Ball 35 Grad vor unserem Tor ist?“ Wenn es gelänge, derlei Daten zu erheben, „freue ich mich extrem auf diesen Tag X“. Doch selbst im spätestens seit gestern weltberühmten Innovationszentrum der TSG Hoffenheim ist es bis dahin noch ein ziemlich weiter Weg. Wie jener über die gesperrte Straße für die lieben Kröten.

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