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Hinten wird salutiert, drei in Deutschland geborene machen nicht mit: Kaan Ayhan (r.), Hakan Calhanoglu (l.) und Kenan Karaman (M.). 

Türkei

Im Dienste Erdogans

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Die türkische Nationalmannschaft macht sich in Paris zum Teil der Kriegspropaganda. Die in Deutschland geborenen Kaan Ayhan, Kenan Karaman und Hakan Calhanoglu verweigern den Militärgruß und stehen zwischen den Stühlen.

Steh stramm Europa! Mit dieser martialischen Überschrift ist die türkische Sportzeitung „Fanatik“ am Dienstag erschienen. Dazu das Foto, das zahlreiche andere türkische Zeitungen am Dienstag auch auf ihre Titelseite gehievt haben: salutierende türkische Fußballnationalspieler. „Von Paris an die Grenze, Gruß an die Soldaten. Oder: „Das soll Frankreich eine Lehre sein, ein Gruß an die Welt“, lauteten andere Überschriften. Die türkische Fußballnationalmannschaft ist spätestens seit dem EM-Qualifikationsspiel in Frankreich (1:1) endgültig zum Teil der Kriegspropaganda geworden. Das sind genau die Bilder, die Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan braucht, um allen das Gefühl zu geben, die Nation ist eins. Egal, ob der Einmarsch in Nordsyrien völkerrechtswidrig ist oder nicht. Eine öffentliche Diskussion, ob der Richtigkeit, der Motive und der Probleme der „Operation Friedensquelle“ gegen die Kurdenmiliz YPG, dem syrischen Ableger der Terrororganisation PKK, wird nicht geführt. In Kriegszeiten steht die Nation zusammen, das war in der Türkei schon immer so. Und je lauter die internationale Kritik wird, desto enger rückt das Land zusammen.

Deshalb war es nicht überraschend, dass trotz der Ankündigung der Uefa, den Militärgruß nach dem 1:0-Sieg der Türken am Freitag gegen Albanien untersuchen zu wollen, die Nationalspieler auch in Paris wieder, den eigenen Soldaten einen Gruß schicken würden. Mit drei Ausnahmen: Torschütze Kaan Ayhan, sein Düsseldorfer Teamkollege Kenan Karaman und der ehemalige Hamburger und Leverkusener Hakan Calhanoglu, jetzt beim AC Mailand in Lohn und Brot.

Ayhan wollte seinen Ausgleichstreffer ohne politische Botschaft bejubeln, nachdem Olivier Giroud die Franzosen in Führung gebracht hatte. Hinter ihm rannte jedoch Melih Demiral von Juventus Turin bereits mit Handkante am Kopf in Richtung türkischer Kurve und forderte den ehemaligen Frankfurter mit aggressivem Blick und dem Tippen auf die Stirn auf, er solle gefälligst salutieren. Ayhan verweigerte sich jedoch. Das ist bei so emotional aufgeladenem Gruppenzwang mutig. Das französische Fernsehen zensierte den anschließenden Militärgruß von sieben Nationalspielern und zeigte stattdessen die Wiederholung des Tores.

Nach der Partie ging der gesamte Spieler- und Betreuerstab noch einmal in die Kurve, die zuvor „Die größten Soldaten, sind unsere Soldaten“, skandiert hatten. Kapitän Burak Yilmaz und Wortführer Demirel forderten erneut alle zum Salut auf. Im türkischen Fernsehen war jedoch zu sehen, dass Ayhan, Karaman und Calhanoglu nicht mitmachen. Alle drei sind in Deutschland geboren und aufgewachsen; Ayhan (24) in Gelsenkirchen, Karaman (25) in Stuttgart, Calhanoglu (25) in Mannheim.

„Hinter dem Militärgruß eine schlechte Absicht zu vermuten, ist nicht richtig“, sagte Nationaltrainer Senol Günes auf die Frage eines französischen Reporters. „Wir treten nur für unsere Soldaten ein. Sie werden ja nicht gesendet, um zu töten, sondern um uns vor Angriffen zu schützen.“ Das ist sicher nur eine Seite der Medaille. Ja, es gibt Angriffe auf türkische Städte, aber die Türkei will im syrischen Norden ein Protektorat errichten, dass militärisch und administrativ dauerhaft unter eigener Kontrolle ist. Dann verwies der 67-Jährige Günes noch darauf, dass solche Fragen lieber US-Präsident Donald Trump oder Frankreichs Präsident Emmanuel Macron gestellt werden sollten, „die leiten schließlich die Welt, ich leite nur schwer ein Team an.“

Kaan Ayhan äußerte sich hinterher nicht. Es braucht jedoch nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass sich der Abwehrspieler vor einigen Kameraden hat rechtfertigen müssen. Zumal im Team zahlreiche Spieler sind, die sich offen zur Politik von Erdogan bekennen und sich schon beim letztlich erfolgreichen Referendum im April 2017 für das Präsidialsystem vor den Karren spannen ließen.

Die türkischen Fußballspieler in Deutschland, wo der türkische Militäreinsatz scharf kritisiert wird, stehen nun zwischen den Stühlen. Schweigen sie oder verweigern Unterstützung für türkische Soldaten, werden sie von Türken als Vaterlandsverräter gebrandmarkt. Ein Blick in die sozialen Netzwerke beim deutschen Nationalspieler Emre Can reicht aus. Er hatte wie Ilkay Gündogan sein Gefällt-mir-Klick beim Militärgruß-Foto von Cenk Tosun zurückgezogen und anschließend ein Bild mit der DFB-Auswahl mit der Zeile gepostet: „Ich bin ein Pazifist und bete jeden Tag für Frieden auf der Welt.“ Seitdem darf er sich von türkischen Nationalisten anhören, er habe Angst, sei die Niedertracht in Person und kein Mann. Und das sind nur die freundlichen Kommentare.

Auf der anderen Seite stehen die Spieler, die den türkischen Militäreinsatz gutheißen oder nichts schlechtes darin sehen, für sie zu salutieren. Zweitligaprofi Cenk Sahin wurde deshalb und wegen zuvor „weiterer Verfehlungen gegen die Werte des Klubs“ vom FC St. Pauli freigestellt. Er hatte geschrieben: „Wir sind an der Seite unseres heldenhaften Militärs und den Armeen. Unsere Gebete sind mit euch.“

Kaan Ayhan und Kenan Karaman hatten sich schon nach dem umstrittenen Kabinenfoto der gesamten türkischen Delegation gegenüber ihrem Arbeitgeber Fortuna Düsseldorf erklären müssen. Beide Akteure versicherten Sportvorstand Lutz Pfannenstiel, dass es sich lediglich um eine Solidaritätsbekundung für Soldaten und ihre Angehörigen handelte, verbunden mit dem Wunsch, dass sie wieder gesund zu ihren Familien zurückkehren können. „Wir sind davon überzeugt, dass ihnen nichts ferner lag, als ein politisches Statement abzugeben“, erklärte Pfannenstiel.

Welches Statement jetzt die Uefa abgeben wird ist völlig offen. Die zuständige Kontroll-, Ethik- und Disziplinarkammer soll sich am Donnerstag mit der Problematik befassen. Ob dann schon Sanktionen verhängt werden, die von einer Ermahnung über Geldstrafen bis hin zu Platzsperren und Punktabzügen reichen können, ist fraglich. Zumal es keinen vergleichbaren Fall gibt. Klar ist nur, dass jedwede Strafe die Türken noch weiter zusammenrücken und die nächsten martialischen Schlagzeilen folgen werden.

Kein Champions-League-Finale in Istanbul?

Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) und der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV) drohen Spielern, die den provozierenden Torjubel des türkischen Nationalspielers Cenk Tosun nachahmen, mit Konsequenzen. Nachdem im Bereich des BFV am vergangenen Wochenende Spieler bei mindestens zwei Partien nach Toren salutiert hatten, teilte der Verband mit, dass „ein solches provozierendes Verhalten nicht toleriert und jeder Fall zur Anzeige vor dem Sportgericht gebracht wird“. Verbandsspielleiter Josef Janker machte klar, dass der BFV es nicht dulden werde, „dass jemand unseren Sport für Diskriminierungen, Provokationen und Beleidigungen missbraucht“. Ähnlich äußerte sich NOFV-Geschäftsführer Holger Fuchs. 

Italiens Sportminister Vincenzo Spadafora hat zudem gefordert, dass das nächste Champions-League-Finale nicht in Istanbul ausgetragen wird. „Ich bitte Sie zu überlegen, ob es nicht inopportun ist, das für den 30. Mai 2020 geplante Finale der Uefa Champions League in Istanbul beizubehalten“, schrieb Spadafora laut italienischer Nachrichtenagentur Ansa in einem Brief an Uefa-Präsident Aleksander Ceferin. Man wisse gut, dass sich mit einem solchen Akt die Dramatik des Geschehens in Syrien nicht auflösen lasse, hieß es weiter. „Aber wir sind uns alle der Bedeutung bewusst, die eines der weltweit wichtigsten Sportereignisse einnimmt“, so Spadafora. (dpa/sid)

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