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Debütantenball: Mahmoud Dahoud (inks) und Jonas Hofmann (rechts) beglückwünschen den Torschützen Luca Waldschmidt.

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Die Zeit der Seuchen

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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1:1 gegen Spanien, 1:1 in der Schweiz, 3:3 gegen die Türkei. Bei Schalke 04 würden die Fans sich angesichts einer vergleichbaren Serie glückselig in den Armen liegen - die Nationalmannschaft aber steht in der Kritik.

Das Grundrauschen des Genörgels um und über die deutsche Fußball-Nationalmannschaft wird lauter. Nach zehn Monaten der Pandemiepause, die ohnehin schon zur Entfremdung geführt hat, dann diese Geisterspiele: 1:1 gegen Spanien, 1:1 in der Schweiz, 3:3 gegen die Türkei. Bei Schalke 04 würden die Fans sich angesichts einer vergleichbaren Serie glückselig in den Armen liegen. Im Fall des DFB-Teams arbeitet sich das vom Boulevard noch in der Nacht erfundene Neuwort der „Unentschieden-Seuche“ Richtung Duden vor. Die Zeit der Seuchen, herrjeh.

Tags darauf vermelden die Agenturen absolute Tiefstwerte der TV-Beliebtheit in der Ära Joachim Löw. Deutschland spielt die Wohnzimmer leer. Böse Zungen fügen hinzu, Löws Leute könnten die Stadien nur deshalb nicht leerspielen, weil sowieso kaum Publikum geduldet ist.

Und, ja, auch als professioneller Beobachter, der wegen der Corona-Abstandsregeln nahezu auf Höhe der Eckfahne platziert worden ist, tut man sich schwer mit einer fairen Einordnung. Man ist geneigt zu meckern: Wieder so ein spätes Gegentor, wieder kein Sieg, wieder ein unstetes Spiel.

Aber wahr ist auch: Im Interview, das der übertragende Sender mit dem Debütanten Florian Neuhaus gleich nach Spielschluss führt, sieht man in leuchtende Augen des Torschützen. Der junge Mann ist nachvollziehbar stolz darauf, dass er erstmals fürs Eliteteam seines Landes spielen durfte und sogar noch bilderbuchschön zum 2:1 traf. Er hat seine Chance genutzt, aber hätte diese Chance gar nicht bekommen, wenn die Besten aus Bayern Sachsen, Madrid und London alle dabeigewesen wären. Das ist die Crux: Die übrig gebliebenen Fans langweilen sich in ein Spiel hinein, das für Männer wie Flo Neuhaus, Mo Dahoud und Jonas Hofmann der beste Tag ihres Sportlerlebens ist.

Und wahr ist auch: Es sind sechs Tore gefallen in einer Partie, die mächtig Fahrt aufgenommen hat, als der eine oder andere auf seiner Couch wohl schon selig eingedöst war. Der echte Unterhaltungswert war viel größer als der gefühlte - weil keine Leute da waren zum zugucken, weil der DFB mal wieder für Skandale sorgt, weil manch einer den Manager Bierhoff und den Bundestrainer Löw nach anderthalb Jahrzehnten nicht mehr sehen und hören mag, weil diese komische Fußballmüdigkeit durch das Nationalteam in seiner Hygieneblase, für die noch nicht mal Bierhoff was kann, noch potenziert wird - und weil Corona im Herbst düsterer wirkt als im Sommer.

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