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Die Welt hat sich gedreht

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Von: Frank Hellmann

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2022: Birgit Prinz spielt noch hin und wieder beim Training mit.
2022: Birgit Prinz spielt noch hin und wieder beim Training mit. © Imago

Mit Birgit Prinz hat Deutschland einst eine EM in England dominiert. Heute hält sich die Rekordschützin als Teampsychologin der Nationalmannschaft eher im Hintergrund.

Es war ja fast klar, dass keines der Kamerateams, die vor einer hohen Hecke auf einem schmalen Weg am Sonntagabend die Ankunft der deutschen Fußballerinnen im Hotel Syon Park im Londoner Stadtteil Brentford filmten, am Ende Birgit Prinz eingefangen hatte. Wer nimmt schon lieber den Hintereingang als die im Hintergrund arbeitende Teampsychologin? Die wohl auf Ewigkeit unerreichte Rekordschützin (128 Tore in 214 Länderspielen) scheint zwar noch immer Deutschlands bekannteste Fußballerin, bewegt sich aber auch bei der Frauen-EM 2022 in England wieder wie eine Sphinx, die für die Öffentlichkeit abseits des Trainingsplatzes nicht auftaucht.

Gegenüber den DFB-Kanälen hat die 44-Jährige erklärt, warum sie lieber unsichtbar bleiben möchte. „Ich weiß, dass mein Name noch attraktiv ist, trotzdem geht es um andere Akteure: Wir haben tolle und interessante Spielerinnen, wo sich Geschichten schreiben lassen. Es geht einfach nicht mehr um Birgit Prinz!“ Es gehöre nun mal zu ihrer Rolle, „nicht über das zu sprechen, was ich jeden Tag tue.“

Dabei könnte die Frankfurterin als Zeitzeugin viel erzählen, was sich im Frauenfußball in diesem Jahrtausend getan hat – und wie sich vieles gegenüber ihren aktiven Zeiten gedreht hat. Es gab nämlich schon mal eine EM in England, 17 Jahre ist das jetzt her. Das Eröffnungsspiel fand damals wie heute in Manchester statt. Am 5. Juni 2005 sahen 29 092 Zuschauer die Premierenpartie gegen Finnland (3:2) im Stadion von Manchester City, als noch kein Scheich aus Abu Dhabi den Klub vereinnahmt hatte. Nun werden es 75 000 sein, die im Old Trafford, der Kultstätte von Manchester United, die „Three Lionesses“ zum Auftaktsieg gegen Österreich (Mittwoch 21 Uhr/ARD) brüllen wollen. Auch am Fernseher kündigt sich eine Rekordkulisse an.

Die BBC übertrug 2005 bereits alle EM-Spiele live, die meisten zur besten Sendezeit. ARD und ZDF hatten hingegen in jenem Sommer kein Interesse. Der Confed Cup der Männer schien zu diesem Zeitpunkt wichtiger: Ein Jahr vor der Heim-WM 2006 wollte Deutschland beim Testlauf wissen, wo Jürgen Klinsmann mit seiner Mannschaft steht. Die Frauen interessierten allenfalls am Rande. Immerhin Eurosport zeigte den hart erkämpften Finalsieg gegen Norwegen (3:1) – mit Birgit Prinz als letzter Torschützin in Blackburn. England, nur nebenbei, war in der Vorrundengruppe Letzter geworden.

Trotzdem brachte das Turnier im Mutterland des Fußballs etwas in Gange. Bereits bei der EM 2009 in Finnland kamen die englischen Fußballerinnen bis ins Endspiel. Im Olympiastadion von Helsinki aber rollte die deutsche Dampfwalze über sie hinweg. 6:2 hieß es am Ende. Die Torschützenkönigin hieß Inka Grings, die mit Prinz prächtig harmonierte. Beide steuerten einen Doppelschlag zur finalen Machtdemonstration bei, nach der das Boulevardblatt „Sun“ festhielt: „Es gab noch nicht mal Elfmeterschießen. Trotzdem war es ein Horror für Hope Powells Mannschaft.“ Noch zu diesem Zeitpunkt war der Kreis der Topteams überschaubar. Was sich aber rasch änderte.

Viel ausgeglichener ging es bereits bei der EM 2013 zu, als Trainerin Silvia Neid nach vielen Ausfällen trotzdem noch den achten und bislang letzten EM-Titel auf dem Frankfurter Römer feierte. 2017 erfolgte der deutsche Absturz unter der überforderten Bundestrainerin Steffi Jones fast mit Ansage. 2022 ist der Kreis der Titelanwärter groß wie nie. „Da mittlerweile alle Mannschaften, die bei einer EM sind, fußballerisch und taktisch sehr gut ausgebildet und athletisch sind“, sagt Prinz, „werden die Komponenten auf psychologischer Ebene einfach immer wichtiger, weil viel mehr Kleinigkeiten entscheiden und wir nicht mehr die riesigen fußballerischen Unterschiede haben.“ Umso mehr, komme es auf mentale Stärke an. Sie sei ohnehin kein Freund davon, Kopf und Körper zu trennen. „Freude ist eine wichtige Komponente“, rät die Torjägerin von früher. „Viel sprechen, nicht ablenken lassen.“ Im Letzteren ist sie heute noch führend. hel

2005: Birgit Prinz als Kapitänin fürs DFB-Team am Ball.
2005: Birgit Prinz als Kapitänin fürs DFB-Team am Ball. © Imago

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