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Die Uhr ist abgelaufen

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Von: Jan Christian Müller

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Max Kruse
Wolfsburgs Max Kruse. © Swen Pförtner/dpa

Kurz bevor das Transferfenster in den europäischen Topligen schließt, weht noch einmal ordentlich Wind hinein und hinaus

Donnerstag, 1. September 2022: Die Reporter von Sky haben sich übers Land vor die Bundesliga--Geschäftsstellen der Republik verteilt. Sie leisten gemeinsam mit den Transferexperten im Studio gute Fleißarbeit am „Deadline Day“ - jenem mit reichlich Erregtheit, Dramatik und tatsächlichen Top-News aufgeblasenen Tag, an dem gezockt wird, dass sich die Balken biegen, an dem Profis die Nerven verlieren und ultimativ ihren Wechsel fordern und Klubs noch hoffen, billig einkaufen gehen zu können oder ihre üppigen Kader zu verschmälern, weil das Transferfenster der führenden europäischen Ligen bis zum 31. Dezember schließt. Von arbeitslosen Ladenhütern mal abgesehen.

Marlon Irlbacher meldet sich aus der Hennes-Weisweiler-Allee in Mönchengladbach. Gerade sei Volker Struth, der hochdekorierte Berater von Julian Weigl, freundlich grüßend in die Geschäftsstelle gestiefelt. Alles unter Dach und Fach: Weigl von Benfica (für den Julian Draxler kommt) zu den Fohlen. „Richtig spannender Transfer“, befindet Irlbacher.

Dirk Schlarmann steht vor der Geschäftsstelle von Schalke 04 im Ernst-Kuzorra-Weg, er muss gleich weiter nach Bochum zur Pressekonferenz. Vorher schnell noch die Info, dass der im Unterhalt viel zu teure Amine Harit vor einem Wechsel zu Olympique Marseille steht. Endlich. In letzter Minute. „Eine kaumgummiartige Geschichte“, sagt Schlarmann und hat gleich noch ein „irres Gerücht, das ich gerade erst bekommen habe“ parat: Geht Sebastian Polter, gerade erst von Schalke aus Bochum verpflichtet, gleich weiter zum VfB Stuttgart? Dennis Bayer, der sich in der Mercedesstraße beim VfB platziert hat, kann das nicht bestätigen. Dafür hat Bayer den in Stuttgart nicht mehr benötigten Mateo Klimowicz „mit einer durchsichtigen Plastiktüte“ auf dem Weg nach Bielefeld im Hof aufgespürt.

Marcus Jürgensen meldet sich vom Trainingsplatz in Wolfsburg - er ist dort hingeschickt worden, weil Max Kruse ja längst größer geworden ist als der VfL. Doch Kruse hat brav trainiert. Ein erwartete Wechsel des schwer erziehbaren Freigeistes, weiß Jürgensen, hat sich praktisch erledigt. Ähnliches berichtet Lisa de Ruiter aus Berlin: „Nichts dran“ am Geraune, dass Davie Selke zu West Bromwich übersiedelt.

Spannender geht es zwischen Barcelona und London zu. Marc Behrenbeck stürmt mit frischen Nachrichten ins Sky-Studio. Es geht um den Abgang von Pierre-Emerick Aubameyang - just mitsamt Familie Opfer eines Raubüberfalls mitsamt Kieferbruch - vom FC Barcelona zum FC Chelsea: „Wir hören; Zwölf Millionen Ablöse inklusive Boni plus Marco Alonso, der von Chelsea nach Barcelona geht.“

Dass Manuel Akanji last minute für 20 Millionen Euro vom BVB zu Manchester City wechselt, hätte selbst der gewöhnlich bestens informierte Behrenbeck nicht gedacht: „No Way. Super Deal für Akanji!“ Auch Sebastian Kehl, der BVB-Sportchef, sieht erleichtert aus. Die Akanji-Angelegenheit war bei der Borussia allen miteinander gehörig auf die Nerven gegangen. Denn der Verteidiger hatte sich als ausgesprochen wählerisch präsentiert.

Einen weiterer Super-Deal nach David Raum und Timo Werner (und vor Max Eberl?) wird zum Medizincheck bei RB Leipzig vermeldet. Abdou Diallo kommt von Paris Saint-Germain. Der ehemalige Mainzer und Ex-Dortmunder Verteidiger war in Paris aufs Abstellgleis gelangt. Ähnlich wie Julian Weigl bei Benfica Lissabon. Den kann Mönchengladbach allenfalls ausleihen. Benfica hätte den Mittelfeldspieler lieber verkauft. Stattdessen: satte Leihgebühr plus 15 Millionen Ablöseoption. In der Hoffnung auf mehr Geld in der Kasse im nächsten Jahr, wenn die Nachwehen der Pandemie nicht mehr so schmerzhaft sein mögen.

Während zehn von 18 Bundesligisten Transferüberschüsse erwirtschafteten, kommen in der Premier League nur Brighton an Hove Albion, Leicester City. Manchester City und Leeds United auf Gewinn aus An- und Verkauf. Der FC Chelsea dagegen erwirtschaftete minus 223 Millionen Pfund. Allein für die drei Abwehrspieler Wesley Fofana (80 Millionen), Marc Cucurella (65) und Kalidou Koulibaly (35) investierten die Londoner satte 180 Millionen Pfund (208 Millionen Euro), nachdem Antonio Rüdiger (Real Madrid) und Andreas Christensen (FC Barcelona) das Tuchel-Team ablösefrei verlassen hatten.

Eintracht Frankfurts Sportvorstand Markus Krösche kommentiert die Entwicklung im „Kicker“ so: „Das eklatante Ungleichgewicht zwischen der Premier League und dem Rest wurde einmal mehr offengelegt.“ Auch Aufsteiger Nottingham Forrest, Manchester United, West Ham United, Tottenham Hotspur und Newcastle United haben allein an Ablösen weit mehr als minus hundert Millionen Pfund verbucht. Krösche: „In England reden wir weiterhin von ganz anderen Dimensionen.“ Und ganz am Ende ist es am Deadline Day auch ein Zeitproblem. „Dann guckst du auf die Uhr“, sagt Hertha-Sportchef Fredi Bobic, „und weißt: Impossible. Das schaffst du nicht bis 18 Uhr.“ (Jan Christian Müller)

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