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Die Trends der WM

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Von: Günter Klein

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Als Einheit bis auf Platz vier: das Überraschungsteam aus Marokko.
Als Einheit bis auf Platz vier: das Überraschungsteam aus Marokko. © AFP

Welcher fußballerische Trend sich erkennen lässt, warum Brasilien doch nicht die beste Mannschaft ist und Marokkos Erfolg auf Europa beruht.

Vor einem Monat brach die Welt des Fußballs in unbekanntes Terrain auf. Sie hatte keine Vorstellungen, wie das sein würde: eine WM mitten in der Saison, in den Wintermonaten der nördlichen Halbkugel, noch dazu in einem Zwergstaat, alles komprimierter als sonst, örtlicher und zeitlicher? Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie machte sich der Zeitpunkt der WM in der sportlichen Qualität bemerkbar?

„Die kurze Vorbereitung hat die Qualität nicht beeinträchtigt“, findet Arsene Wenger, der Fußballentwicklungschef der Fifa, er fand das Niveau „außergewöhnlich“. Was seine These stützt: Es war das Turnier der prominenten und schon älteren Spieler aus großen Vereinen, die früher im Juni/Juli oft überspielt gewirkt hatten. Doch diesmal: Große Show von Lionel Messi (35), Olivier Giroud (36), Luka Modric (37) oder noch älteren Semestern wie dem Portugiesen Pepe (39). Unter den Top vier waren die Topklubs aus England, Spanien, Frankreich, auch Deutschland vertreten. Es fielen viele erinnerungswürdige bis ikonische Tore. Die Laufleistungen lagen über der EM 2021.

Gab es einen fußballtechnischen Trend?

Die Technical Study Group filterte aus den Datensätzen: Die Abwehrreihen standen im Schnitt zwei Meter höher als bei der WM vor vier Jahren, die Torhüter wurden häufiger angespielt, das Mittelfeld war verdichtet, sodass häufiger über die Flügel gespielt wurde. „Aus dem offenen Spiel gab es weniger Flanken als in Russland, aber bei den Toren aus Flanken einen Anstieg um 81 Prozent“, wunderte sich Wenger – und lieferte als Erklärung: „Die Qualität der Flanken ist gestiegen.“ Jürgen Klinsmann, der als Kapitän der Fifa-Studiengruppe fungierte, erkannte einen Trend zum Konterspiel, glaubt aber: „Das Tiki-Taka der Spanier ist noch nicht vorbei. Sie brauchen aber Spieler, die diese Sequenzen abschließen und den Ball ins Tor hauen.“ Darum habe der Tiki-Taka-Mastertrainer Pep Guardiola für Manchester City auch die Verwertungsmaschine Erling Haaland verpflichtet.

Welches Team kam den verdienten Finalisten am nächsten?

„Brasilien war die beste Mannschaft“, fand der marokkanische Trainer Walid Regragui. „Brasilien war mein Favorit“, gestand Klinsmann. Das Ausscheiden im Viertelfinale gegen Kroatien im Elfmeterschießen sah Klinsmann als Folge eines Konzentrationsverlust: „Die Brasilianer waren zu bequem und haben nur auf den Schlusspfiff gewartet. Von den Charakteristika hätten sie alle Voraussetzungen fürs Finale gehabt.“

Hat Afrikas Fußball den Durchbruch erlebt?

Durch Marokkos Halbfinalteilnahme und Senegal im Achtelfinale sowie die Prestigesiege von Kamerun gegen Brasilien und Tunesien gegen Frankreich (zwei Partien, in denen die großen Teams mit Reservespielern antraten) – ja. Überraschend vielleicht, dass es ein nord- und kein schwarzafrikanisches Team war, das bis auf Platz vier kam. Interessant, dass die afrikanischen Nationalmannschaften sich von (oft abgehalfterten) europäischen Trainern emanzipiert haben und nun eigenen Leuten vertrauen – denen allerdings die Europa-Erfahrung hilft.

Wie waren die Schiedsrichterleistungen?

Es gab keinen handfesten Skandal, aber etliche Reklamationen – vor allem seitens Uruguay und Marokko. Überfordert war der Spanier Antonio Mateu Lahoz mit Argentinien gegen die Niederlande. Fifa-Präsident Gianni Infantino lobte Stephanie Frappart, die als erste Frau ein Männer-WM-Spiel leitete (Deutschland gegen Costa Rica) – ein zweites Spiel gab man ihr aber nicht.

Wie gut organisiert war die WM?

Die Teams waren zufrieden. Stadien, Trainingsmöglichkeiten, Hotels, die kurzen Wege – das kam gut an. Klimatisch waren die Spiele durch die Kühlung auf dem Rasen und die ständig gleichen Bedingungen nicht so fordernd wie manche Hitzeschlacht bei früheren WM-Turnieren. Für die Zuschauenden gab es ein üppiges Rahmenprogramm und viele Helfer, die an jeder Ecke den Weg erklärten. Allerdings: Manchmal stieß Katar an seine Grenzen, vor allem der Rücktransport nach Abendspielen verlief problematisch, da stauten sich vor der neuen Metro mit ihrem Drei-Minuten-Takt oft (Zehn-)Tausende. Einige Stadien waren auch recht weit weg von der U-Bahn. Überraschend anfällig (da wohl auch überlastet) waren das im Vorfeld gerühmte katarische 5G-Netz – und das Wlan an öffentlichen Plätzen oft nur in der Theorie vorhanden.

Setzten Spieler und Teams Zeichen in Sachen Menschenrechte?

Die, die sich das vorgenommen hatten, gaben klein bei, als die Fifa Drohhaltung einnahm. Das Einknicken war beschämend. Einziges sichtbares Zeichen war der Auftritt eines italienischen Flitzers mit Regenbogen-Insignien im Lusail Stadium.

Gab es Fankonflikte?

Nach dem Spiel Iran gegen USA kam es zu Handgreiflichkeiten unter iranischen Fans – das Regime im Teheran hatte seine Leute in die Protestszene eingeschleust. Die katarische Polizei griff ein und stand dabei auf Seite der Regierungsfraktion. Vereinzelt einkassiert wurden Fans aus anderen Ländern, wenn sie mit Regenbogen-Symbolen erwischt wurden. In der Regel fand ein Stadionverweis statt. Weitgehend gewaltfrei war allerdings auch schon die WM 2018 in Russland, wo ebenfalls mit starker Polizeipräsenz gearbeitet wurde und der Staat durch die Visa-Erteilung (damals Fan-ID, nun Hayya Card) Kontrolle darüber hatte, wer ins Land kommt.

Waren die Stadien voll?

Zu Spielbeginn taten sich oft Lücken auf, erst zur zweiten Halbzeit waren dann die Plätze besetzt. Auffällig: die Flucht von (bezahlten?) Fans bei den katarischen Spielen – und dass Lücken in den VIP-Bereichen auszumachen waren.

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