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Die Tränen des Unvollendeten

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Von: Thomas Kilchenstein

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Untröstlich: Neymar vergießt bittere Tränen.
Untröstlich: Neymar vergießt bittere Tränen. © AFP

Alles schien für Neymar angerichtet bei der WM- nun hat er in der Selecão womöglich keine Zukunft mehr

Und dann war da nur noch Leere. Neymars Blick drückte nichts mehr aus, er hockte einfach nur da und starrte ins Nichts. Dann kam langsam der nicht minder demoralisierte Dani Alves, 39, er ist vereinslos, durfte bei dieser WM aber auch mitspielen. Er wollte Trost spenden, wo es keinen Trost gab, er drückte Neymar fest an sich, die Kamera zoomte heran, zeigte die Tränen, die sich Bahn brachen, die Tränen des Neymar. Auch Richarlison, der im Turnier zwei fantastische Tore erzielt hatte, weinte, Casemiro, Thiago Silva, Vinicius Junior - sie alle wie versteinert. Aus und vorbei. Wieder nichts mit der Hexa, dem sechsten Stern, dem Brasilien seit 20 Jahren, seit dem Sieg 2002 gegen Deutschland, hinterherläuft - geschlagen von einem Kroatien, das in zwei Stunden Fußball, trotz eines überragenden Luka Modric, genau ein einziges Mal aufs Tor geschossen hat, und gut beim Shootout aus elf Metern war.

Dabei schien alles angerichtet, schien das Drehbuch geschrieben für den Triumphmarsch des umstrittenen Künstlers, der noch beim Aufwärmen auf seine diversen Ohrringe nicht verzichten mochte. Eine Viertelstunde vor dem Ende der Verlängerung blitzte der Genius von Neymar auf: Er rannte mit dem Ball auf die kroatische Deckung zu, spielte zwei Doppelpässe, stand allein vorm Tor, umdribbelte Torhüter Dominik Livakovic und schoss den Ball unters Tordach zum 1:0.

Da war er endlich, der Neymar-Moment, der erhoffte. Es war sein 77. Tor für die Seleção, er zog damit mit Pelé gleich, dem Unerreichten. Auch Neymar wird ihn nicht erreichen, niemals, Pelé, der in São Paulo in einem Hospital um sein Leben kämpft, ist dreimal Weltmeister geworden, Neymar Olympiasieger, unfassbar reich und recht unbeliebt bei einem Teil seiner Landsleute wegen seiner Nähe zum Ex-Präsidenten Jair Bolsonario, wegen seines Hangs zur Theatralik. Er durfte nicht mal mehr seinen Elfmeter schießen, weil erst Rodrygo, dann Marquinhos scheiterten.

Daumendrücken für Pelé

Ausgerechnet Marquinhos, noch so eine tragische Figur – er spielte ein tolles Turnier, dann fälschte er den Schuss von Bruno Petkovic (117.) zum 1:1 ab, beim Elfmeterschießen zirkelte er den Ball an den Innenpfosten, der Torwart lag schon im anderen Eck. Neymar war als fünfter und vermutlich entscheidender Schütze vorgesehen, ein Fehler, ebenso wie jener, kurz vor Spielschluss bei eigener 1:0-Führung in Unterzahl in der Defensive zu sein. Die Defensive, bei diesem Turnier eigentlich eine Stärke des Fünffach-Weltmeisters.

Anderntags beschrieb der 30-Jährige in den Sozialen Medien drastisch seinen Schmerz. „Psychisch zerstört“ sei er, „das war mit Sicherheit die Niederlage, die mir am meisten wehtut.“ Sie tut mehr weh als das legendäre 1:7 im Halbfinale 2014, da spielte Neymar verletzungshalber nicht mit. Wie es mit ihm nun weitergehe, ließ er in diesem Abschiedstext von der Weltmeisterschaft offen. Schon als er das Stadion nach dem 2:4 im Elfmeterschießen spät in der Nacht verlassen hatte, wirkte er völlig antriebslos. Ob er dennoch die WM 2026 in Angriff nehmen oder überhaupt nochmal für die Seleção auflaufen wolle, ließ der Anführer offen: „Ich schließe die Tür zur Seleção nicht. Aber ich garantiere auch nicht zu 100 Prozent, dass ich zurückkehren werde.“ Er werde erst einmal ein wenig über alles nachdenken müssen.

Es gibt Menschen, die nah an ihm dran sind und davon berichteten, dass sich der nicht gerade für ausufernde Professionalität bekannte Neymar noch nie so professionell vorbereitet hatte wie auf diese WM. Nationaltrainer Tite, 61, der ebenso wie Kapitän Thiago Silva („Mein Zyklus ist beendet“) seinen Rücktritt bekanntgab, bestätigte diese Eindrücke vor dem Auftaktspiel gegen Serbien. Diese WM sollte die WM Neymars werden. Die Krönung im Nationaltrikot. Er hat viel dafür getan, im zweiten Spiel zog er sich eine Knöchelverletzung zu, fehlte in zwei Partien, er kam zurück, drehte am Schwungrad, versuchte immer und immer wieder, den kroatischen Abwehrblock zu knacken. Er hatte ja ein großes Ziel: Nur dieser goldene Pokal fehlte ihm noch. Jetzt könnte er für immer die unvollendete Nummer Zehn bleiben.

Der große Traum der Brasilianer ist unerfüllt geblieben, wieder einmal und wieder unnötigerweise. Sie hatten ein bestens austariertes Ensemble beisammen, atemraubende Angreifer, Vinicius, Richarlison, Raphina, Antony, eine sattelfeste Abwehr, einen Klassetorhüter Alisson Becker, keinen Knatsch im Team und einen Trainer Tite, der unfassbar viel ausprobiert und einen Plan hatte.

Jetzt drücken sie dem großen Pelé in Brasilien fester denn je die Daumen. Sie haben ja keinen anderen mehr. mit dpa

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