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Richarlison bei der WM: Die Taube mit Eis am Stiel

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Von: Thomas Kilchenstein

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Richarlison ist der politische Gegenentwurf zu Neymar und tut der brasilianischen Nationalmannschaft nicht nur deswegen gut.

Frankfurt – Es war vor etwas mehr als fünf Wochen, da hämmerte Richarlison de Andrade mit beiden Händen auf den Rasen in Nordlondon, die Tränen liefen ihm die Wangen herunter. Immer wieder fasste er an seine linke Wade, er musste raus, ausgerechnet im Spiel gegen den FC Everton, seinem alten Klub. Doch es ging nicht mehr beim brasilianischen Stürmer von Tottenham Hotspur. Das war es dann, der große Traum schien geplatzt, schoss es ihm durch den Kopf, die WM in Katar, die könne er abschreiben.

Fünf Wochen später schießt genau dieser Richarlison ein Traumtor bei dieser WM, eines der schönsten der letzten Jahre, in der Luft liegend per Seitfallzieher zum 2:0 in den Winkel, ein Tor, so kraftvoll, unwiderstehlich wie elegant, artistisch. Er habe solche Tore schon öfter geschossen, sagte der 25-Jährige hinterher, bei Fluminense etwa oder auch beim FC Watford. „Als wir Kinder waren, war es das, wovon wir träumten: Ein Tor bei der WM für Brasilien schießen“, sagte er. Vergessen war da jener Tag im Tottenham Stadium, als die Wade zwickte.

Er ist ja nie den leichten Weg gegangen, das hat er sich nicht ausgesucht: Er musste immer den schwierigeren gehen, dieser Richarlison aus dem Bundesstaat Espirito Santo im Süden Brasiliens. Erst seit drei Jahren, seit er für 39 Millionen zum FC Everton wechselte, hat seine außergewöhnliche Karriere Schwung bekommen. Zuvor hatte der Angreifer jede Menge Widrigkeiten meistern müssen, sehr oft war es nur das pure Glück, das ihn nicht hatte abstürzen lassen.

Artistisch: Richarlison trifft gegen Serbien.
Artistisch: Richarlison trifft gegen Serbien. © dpa

Richarlison hat diese Geschichte zu erzählen, wie sie viele Brasilianer erzählen können. Er stammt aus einem kleinen Städtchen, Nova Venecia, der Vater Steinhauer, die Mutter Putzfrau, vier Geschwister. Sie haben nicht viel zum Leben, aber sie schlagen sich durch, Richarlison spielt Fußball, wie alle Jungs, verkauft Eis am Stiel und putzt Autos, um die Haushaltskasse aufzubessern, und hat eines Tages den Lauf einer Pistole am Kopf, einmal falsch abgebogen, fand er sich in einem Viertel wieder, in der Drogendealer verkehren. Viele seiner Freunde, erzählte er später einmal, habe er verloren wegen der Drogen, inzwischen sind sie tot oder im Gefängnis.

Richarlison bei der Fußball-WM in Katar: Zehn Prozent für Soziales

Er hat sich da raushalten können - auch weil er besser Fußball spielt. Neun Kilometer ist er jeden Tag gelaufen, um im Klub kicken zu können. Er hat Einladungen zum Vorspielen bei größeren Vereinen bekommen, Avai und Figueirense. Das ist die große Chance, er ist 14, leiht sich Fußballschuhe von einem Freund, ein Schuh rosa, der andere blau, doch er fällt durch, eine Absage bekommt er an seinem Geburtstag. Und gibt nicht auf. Mit 17 darf er bei America Mineiro vorspielen, in Belo Horizonte, 500 Kilometer von Zuhause entfernt. Er kauft nur ein One-way-Ticket, der Rest des Geldes benötigt er für Essen. Er überzeugt bei America die Trainer, nachdem sein U17-Team erstmals seit Jahrzehnten eine regionale Meisterschaft gewinnt. Er erhält einen Profivertrag, macht aber zur Bedingung, dass der Klub seinem Vater, der unter Depressionen leidet, ein Haus zur Verfügung stellt. Bald wechselt er zu Fluminese nach Rio, er schießt verlässlich Tore, Europa wird aufmerksam, erst der FC Watford, dann Everton, jetzt Tottenham.

Richarlison, der sich die brasilianische Flagge als Herz auf die Brust und allerlei Comicfiguren auf die linken Arm tätowieren ließ, hat trotz Reichtums und Popularität nie vergessen, wo er herkommt. Er ist oft in seinem Heimatort, er spendet zehn Prozent seines Einkommens für soziale Zwecke, speziell in der Krebsbehandlung, er war einer, der sich vehement für die Impfkampagne der brasilianischen Gesundheitsbehörde stark gemacht hat.

Und er ist damit das genaue Gegenstück zu Megastar Neymar.

Das bestimmende Thema in Brasilien war zuletzt die Präsidentschaftswahl, von dessen Einfluss sich auch die brasilianische Nationalmannschaft bei der WM 2022 nicht völlig frei machen kann.

Richarlison bei der Fußball-WM in Katar: Spitzname „Pompo“ – Taube

Richarlison hat kein Hehl daraus gemacht, dass er ein Unterstützer von Präsident Lula („Votou 13“) ist, er hat ihn gewählt, anders als der derzeit verletzte Megastar, der dank Ex-Präsident Jair Bolsonario sogar Steuererleichterung in Millionenhöhe genießen konnte. Richarlison zahlt Steuern und steht sogar in einem Rechtsstreit mit einem der Bolsonario-Söhne.

Richarlison, der in der Selecão wegen seines Torjubels den Spitznamen „Pompo“, Taube, weg hat, ist eine der formstärksten Spieler, selbst wenn er in der Premier League bei Tottenham noch ohne Tor geblieben ist. In der brasilianischen Nationalelf, für die er 39 Spiele bestritten hat, sieht das anders aus, 19 Treffer stehen da zu Buche, zwei schon bei dieser WM. Zudem war er es, der beim letzten Gewinn der Copa America 2019 das 3:1 erzielte.

In der Halbzeit des Spiels gegen Serbien hat er seine Kollegen aufgefordert, ihm mehr Bälle zu geben, er werde schon treffen. Er hat Wort gehalten. Und will das auch heute gegen die Schweiz tun. (Thomas Kilchenstein)

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