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Sorgt für Feuer auf dem Trainingsplatz: Bundestrainer Joachim Löw.

Kommentar

Die Suche nach der Glut

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Die Corona-Pandemie hat deutlich wie nie gemacht, dass der kriselnde DFB am Tropf der Melkkuh Nationalmannschaft hängt. Der Wert der acht Partien im Herbst ist vor allem finanziell und weniger sportlich. Der Kommentar.

Binnen 18 Monaten hat der Fußball-Bundestrainer Joachim Löw gerade mal fünf Länderspiele aus der Coachingzone heraus erlebt. Ein einziges davon unter Volllast gegen einen wehrhaften Gegner: das 2:4 im September 2019 in Hamburg gegen die Niederlande. Die eigene schwere Verletzung im Brustbereich nach einem Sportunfall im Frühjahr 2019 sowie die Corona-Pandemie haben Löw in einer Weise lahmgelegt, wie das noch kein Bundestrainer in den vergangenen 75 Jahren erleben musste. Persönlich scheint der 60-Jährige die ungewohnte Situation unversehrter überstanden zu haben, als es anfangs der Pandemie den Anschein hatte, damals, als Löw nicht nur die Fußballwelt von einem schlimmen Kollaps getroffen sah, sondern gleich die ganze Erde. Der Fußballlehrer mutete mit seiner dunklen Mähne dabei wahrhaftig an wie einer der letzten Mohikaner.

Die düstere Stimmung ist überwunden: Der Lockdown für die erste Fußballmannschaft im Land hat Löw auch seines entspannten Gemüts wegen weniger hart getroffen als die Workaholics und Alphatiere der Branche; ging der Bundes-Jogi halt wandern im schönen Schwarzwald.

Sicher hat es ihm geholfen, dass er Spieler und Kritiker gleichermaßen schon in der Phase vor dem persönlichen Gebrechen und Corona weitgehend davon überzeugt hatte, nach wie vor die nötige Autorität und Schaffenskraft aufzubringen, um das im Sommer 2018 in unruhigen Gewässern havarierte Schnellboot wieder auf Touren zu bringen. Der letzte größere Sieg, ein 3:2 in den Niederlanden im März 2019, war auf diesem Weg besonders hilfreich. Nun kommt mit Spanien eine Aufgabe, deren Lösung die künftige Richtung und Stimmung vorgibt.

Melkkuh DFB-Team

Für den Deutschen Fußball-Bund ist die virusbedingte Krise komplizierter zu managen. Nie wurde einem breiten Publikum so deutlich wie im Zeichen des Sars-CoV-2-Erregers aufgezeigt, dass der reiche DFB hochgradig abhängig von der Melkkuh Nationalmannschaft ist. Ein Komplettausfall sämtlicher Länderspiele in diesem Kalenderjahr hätte bei Einbußen von 77 Millionen Euro, vornehmlich aus Medien- und Sponsorenerlösen, zu einer Dysbalance geführt und die eisernen Reserven angegriffen. Stattdessen wird nun der Herbst mit acht Partien vollgepackt, deren finanzieller Ertrag sicher weit über dem sportlichen Wert einzuordnen ist.

Dass sich der DFB dabei gewissen Lähmungserscheinungen nicht entziehen kann, dürfte angesichts seines angegriffenen Allgemeinzustands nicht verwunderlich sein. Die These vom „letzten Lagerfeuer der Nation“, die der eifrige Präsident Fritz Keller dem Fußball zubilligt, ist gerade in diesen Zeiten als Mär entlarvt worden. Für die Nationalmannschaft gilt das ehrlicherweise seit einigen Jahren schon. „Kein Lager, kein Feuer“, konstatierte die „FAZ“ dieser Tage kühl und kommt zum Zwischenergebnis: „Das Virus hat den Fußball stillgelegt, der DFB aber sich selbst.“ Der Verband wisse nicht mehr, „wer er ist und was er sein soll. Er findet nicht zurück ins Spiel“. Selbst die Glut ist erloschen.

Zurück ins Spiel zu kommen, dürfte auch dem Nationalteam nicht leichtfallen. Die Distanz, die gerade corona-pflichtgemäß zwischen Eliteprofis und Fans vorherrscht, symbolisiert nur die Wirklichkeit schon vor Ausbruch des Virus. Manager Oliver Bierhoff traf mit seinem selbstironischen Hinweis, die „Mannschaft“ müsse ja nun zwangsweise in einer Blase unterwegs sein, „was uns ja immer wieder mal vorgeworden wird“, jedenfalls eher den Kern als seinerzeit bei seiner kühn selbstbeweihräuchernden Analyse, das DFB-Team sei „quasi die vierte Macht im Staat“.

Startup Akademie

Es bringt ohnehin wenig, die Nationalmannschaft gesellschaftlich zu überhöhen. Es sind gute Jungs mit einiger sozialer Kompetenz dabei (Leon Goretzka, Joshua Kimmich, Matthias Ginter und mehr) und ein paar wenige, die Reichtum und Extravaganz nur allzu gern zu Schau stellen. Aber die eigentliche Botschaft wird ohnehin auf dem Fußballplatz überbracht. Dass dabei die Emotionen des gemeinsamen Erlebens in den Stadien abgedreht wurden, hat nicht der DFB zu verantworten.

Und doch: Der Verband selbst sollte eigentlich mehr vermitteln können als Sieg und Niederlage, hat sich allerdings durch aberwitzige Abgründe an einer (auch bei bester Führung kaum zu bewerkstelligenden) Mammutaufgabe als Sandwich zwischen hochbezahlten Eliteprofis und der Basis in 25 000 Vereinen aufgerieben. Ein vom Präsidenten Keller als Befreiungsschlag gedachter Fünfpunkteplan ging öffentlich unter. Kellers daraus geborene Idee, dass kleine Klubs Corona-Reihentests organisieren könnten, ist sicher liebenswert gemeint gewesen, nach ersten Erfahrungen aber in der Praxis nicht umsetzbar und auch nicht zielführend.

Einige Dynamik strahlt immerhin das Großprojekt Akademie aus, dessen 150-Millionen-Euro-Investition fortgeführt wird. Dahinter steckt aber nicht nur ein opulenter Bau auf 150 000 Quadratmetern an der Frankfurter Galopprennbahn, sondern auch kluge Menschen, die, angeleitet vom Vordenker Bierhoff, in einem Start-up an einem erfolgreichen Fußball der Zukunft werkeln. Es droht nämlich Ungemach. Denn so gut wie die Stars von heute sind die Hoffnungen für morgen schon lange nicht mehr.

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