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Tristesse pur auf Schalke und Omar Mascarell. Foto: dpa
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Tristesse pur auf Schalke und Omar Mascarell.

Schicht im Schacht

Die Stadt. Die Kohle. Der Fußball. Der Niedergang.

  • VonThorsten Fuchs
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Der FC Schalke 04 steckt in der tiefsten Krise seit Jahrzehnten. Die Stadt Gelsenkirchen ist da schon lange. Und dann gibt es auch noch Corona. Was macht all das mit den Menschen?

Es wäre alles bereit, sie müssten nur kommen. Der Förderturm, 62 Meter hoch, der Aufzug in die Tiefe, die Grubenbahn, die sie unten zum Streb brachte, die Fördermaschine mit den armdicken Stahlseilen und dem gewaltigen Schwungrad: Alles noch da.

Klaus Herzmanatus steht zu Füßen dieses Turms am Zugang zum Schacht, er hat dafür gekämpft, dass alles so stehen bleibt. Und wenn sie nun wirklich wieder zu ihm kämen, die Spieler, die ganze Mannschaft, dann würde er ihnen erzählen, wie es war, wenn er und seine Kollegen 1200 Meter in die Erde gefahren sind und unten dicht an dicht bei über 30 Grad die Kohle aus dem Flöz gebrochen haben. „Da musste sich jeder blind auf den anderen verlassen können, sonst konnte das dein Tod sein“, sagt Klaus Herzmanatus. „Ob du den mochtest oder nicht oder die Hautfarbe, das war unten alles egal. Hauptsache, du standest füreinander ein.“

Alles das also würde er ihnen erzählen, wenn sie denn mal wieder hier wären, bei ihm, auf Zeche Hugo. Es ist nur leider schon viele Jahre her, dass sie das letzte Mal hier waren.Vielleicht ist das das Problem.

Klaus Herzmanatus, 59 Jahre alt, Kapuzenpullover unter der Jacke, markanter Schnurrbart, ist Bergmann. Weil man immer Bergmann bleibt, wenn man es einmal war. Seine Mannschaft, das ist Schalke 04. Schalke und der Bergbau, das war immer eine besondere Verbindung. Weil sich der Verein auf diese Tradition beruft als Klub der Kumpel und Malocher, ganz früher waren die Spieler selbst Bergleute. Die Stadt, die Kohle, der Fußball, das war hier immer eins. „Wenn du das weglöschst“, sagt Herzmanatus, „dann sind wir plötzlich ein x-beliebiger Verein wie Leipzig, Leverkusen, Wolfsburg.“

So handelt diese Geschichte von einer Stadt, die es schon lange schwerer hat als andere, von einem besonderen Verein und davon, was passiert, wenn so ein Verein aufhört, besonders zu sein. Wenn es auch keine Erfolge mehr gibt, die verdecken könnten, was nicht gut läuft. Gelsenkirchen ist die Stadt mit der höchsten Arbeitslosenquote in ganz Deutschland, 15,8 Prozent, „Hauptstadt der armen Kinder“ nannte sie eine Zeitung gerade. Schalke 04 ist Letzter der Fußball-Bundesliga, zehn Punkte, Abstieg sehr, sehr wahrscheinlich. Und dann ist da auch noch Corona. Nicht ganz einfach gerade, hier etwas zu finden, was aufbauen könnte.

Die Geschichte des Bergmanns Klaus Herzmanatus beginnt 1976. Da fängt er auf Hugo als Lehrling an, mit 15, wie vor ihm sein Urgroßvater, sein Großvater und sein Vater. Als Grubenelektriker arbeitet er unter Tage, wird Betriebsrat, und als Hugo im Jahr 2000 geschlossen wird, sucht er Hunderte Jobs, in denen er die letzten Kumpel unterbringen kann. Anschließend verhindert er mit Gleichgesinnten den Abriss und betreibt Hugo weiter, als Museum. „Ich war der Letzte, der abgeschlossen hat“, sagt Klaus Herzmanatus, „und der Erste, der wieder aufgeschlossen hat.“

Die Geschichte des Fans Klaus Herzmanatus beginnt auch in den Siebzigerjahren, als er mit Kutte in der Nordkurve steht. In den Achtzigerjahren steigt Schalke dreimal ab, und Herzmanatus stellt sich in den Farben des Gegners in den Block, aus Protest. Aber es ist auch die letzte bessere Zeit des Bergbaus, es gibt noch einmal zweistellige Lohnsteigerungen, da funktioniert der Trost also in diese Richtung.

1997, als Schalke den Uefa-Cup gewinnt, demonstriert Klaus Herzmanatus mit den anderen Kumpel volle drei Tage lang in Bonn für bessere Bedingungen, es ist das Jahr des Kampfes. Und nach 2000, in den Nullerjahren, mag die Zeche geschlossen sein, aber Schalke spielt Champions League in Mailand, Barcelona, und Klaus Herzmanatus ist mit dabei, der Kumpelklub auf großer Bühne, zwischen Tristesse und Glamour.

Einen Raum auf Hugo hat er Schalke gewidmet, die Wände sind tapeziert mit den Trikots früherer Spieler. Rost, Neuer, Thon, Sand, sie alle hängen hier, dazu Bilder von Spielern mit Helm und geschwärzten Gesichtern, Dokumente von Besuchen unter Tage, als das noch möglich war, und von Ralf Rangnick, der 2015 mit der Mannschaft hier war, auf Hugo. Bergbau, Fußball, hier fließt alles in eins. „Meine Schatzkammer“, sagt Herzmanatus.

Wann ihm sein Verein fremd wurde? Vielleicht begann es, als Felix Magath 2010 den Kader auf 40 Mann aufblähte, viel mehr, als je würden spielen können, eine Mannschaft in Massentierhaltung. Oder als immer mehr Spieler kamen, von denen Klaus Herzmanatus das Gefühl hatte, dass sie nicht mehr wissen, was wichtig ist, und Menschen „in Funktionen, die unsere Sprache nicht mehr sprechen“, aber so viele Schulden machten, dass sich alle fragen, wie das in der Zeit überhaupt möglich war und das Land sogar mit einer Bürgschaft einspringen musste. Oder sie sprachen eine Sprache, die zwar alle verstanden, aber viele als rassistisch empfanden, wie bei Clemens Tönnies, Fleischbaron aus Rheda-Wiedenbrück und lange Zeit der starke Mann auf Schalke.

Die Entfremdung war längst da. Und dann kam Corona. Seitdem hat Schalke nur noch einmal gewonnen, ein Sieg in 36 Spielen, aber viermal den Trainer gewechselt und zuletzt gleich die ganze sportliche Führung entlassen. Ein steiler Niedergang, nachdem die Mannschaft noch in der vorletzten Saison in der Champions League gespielt hatte. „Es ist eh schon vieles trostlos, du kannst nicht ins Stadion, und dann kommt auch noch so eine Phase, in der dein Verein so abkackt: Da zerbrechen dir schon die Illusionen“, sagt Klaus Herzmanatus.

Die Spiele guckt er jetzt im Fernsehen, aber neulich hat er sich dabei ertappt, wie er nebenbei Sachen eingescannt und aufs Handy geguckt hat. Dein Verein steigt ab, aber es scheint dich gar nicht richtig zu berühren – es sind schon eigenartige Zeiten.

Romantik ist im Fußball eine schwierige Sache, weil sich viele auf Kritik am Kommerz einigen können, längst nicht jeder aber bereit ist, für den Neuaufbau mit eigenen Nachwuchsspielern drei Jahre zweite Liga zu akzeptieren. Besonders misslich aber ist es, wenn man beide verprellt: die Romantiker wie die Erfolgsfans. Wenn man also die Seele verkauft und trotzdem absteigt. Zumal in einem so hochemotionalen Verein wie Schalke 04, wo der Mythos übermächtig und in der Stadt allgegenwärtig ist.

Eine kleine Rundfahrt also mit Klaus Johann, Journalist und Schalke-Fan qua Vererbung vom Vater. Johann ist Jahrgang 45, längst in Rente, aber noch immer als Lokaljournalist unterwegs, als Beobachter seiner Stadt Gelsenkirchen, und Besitzer von vier Dauerkarten, eine für sich, drei für seine Kinder, die längst ganz woanders wohnen, zwei sogar in Norwegen. „Aber eine Dauerkarte, die gibst du nicht ab“, sagt er, also verleiht er sie höchstens.

Die erste Station ist der Friedhof für Schalke-Fans, gestaltet in Form eines Fußballfelds, 1904 Urnengräber mit freiem Blick auf die Arena. „Auf Schalke musst du auch als Toter nicht verzichten“, sagt er, dann fährt er weiter zur Glückauf-Kampfbahn, wo er als Kind inmitten der Massen stand. Und weiter zur Schalker Meile, der Hauptstraße durch den Stadtteil Schalke, auch so ein Ort der Gegensätze. Eine vierspurige Durchgangsstraße mit den mythischen Adressen links und rechts, dem ehemaligen Tabakladen von Ernst Kuzorra und Stan Libuda. An den Fassaden hängen Fotos der Klublegenden, Günter Siebert, Rolf Rüssmann, stumpf vom Feinstaub. Und zwischen den Häusern ein Plakat, „Beseitigung von Problemimmobilien“.

Klaus Johann war 1958 da, als Schalke zum letzten Mal Meister wurde, er saß auf einem Baum am Bahnhof, als die Mannschaft ankam, und die Aufstellung kann er immer noch auswendig. „Orzessek, Brocker, Sadlowski…“ und so weiter, die Erfolge seines Vereins sind Bestandteile seiner eigenen Biografie.

Aber Johann ist ja auch Journalist, Schwerpunkt Gericht, und so hat er eben zum Beispiel auch darüber berichtet, wie Schalke 04 im letzten Jahr 24 Busfahrer seiner Jugendabteilung entließ, um zu sparen. Die meisten von ihnen waren Minijobber, Kleinverdiener, und wenn es für Johann noch eines Beleges bedurfte für die Entfernung seines Vereins von seinen Wurzeln, dann hatte er ihn damit.

Ob ihm der Abstieg nahegeht? Kaum, sagt er. Es ist etwas anderes, das ihn bedrückt. „Woran ich hänge, das ist nur noch der Begriff, die Idee Schalke 04“, sagt er. Es ist mehr Erinnerung als Gegenwart.

Aber was diese Krise eines Vereins mit den Menschen macht, das weiß wahrscheinlich kaum jemand besser als der Seelsorger des Vereins. Ernst-Martin Barth ist seit 2013 Pastor in der Kapelle im Schalker Stadion. Hier, vom Altar mit Blick zum Anstoßpunkt, tauft und traut er Fans, hält Gottesdienste, bietet Gespräche bei jedem Heimspiel. Außerdem ist er Gemeindepastor, deshalb spricht er auch jetzt mit Menschen, da die Kapelle zu ist. Von Alltagssorgen, Perspektivlosigkeit, einer regelrechten Depression angesichts der Pandemie erzählt er. Und dann noch der drohende Abstieg. Jetzt, da auch das Stadion geschlossen ist, „gibt es keinen Ort, an dem sie trauern können“, sagt er. „Dieses Ventil fehlt einfach.“ Barth ist selbst Schalke-Fan, seit Kindesbeinen. „Die Schalker Passionsspiele“, so nennt er diese Zeit, die Schalker Leidenszeit.

Sie persönlich, sagt Gelsenkirchens Oberbürgermeisterin Karin Welge, werde das „Gefühl nicht los, dass die Krise des FC Schalke mit Zuschauern niemals dieses Ausmaß angenommen hätte“. Was der Abstieg wirtschaftlich für die Stadt bedeuten würde, sei noch kaum zu beziffern. „Natürlich mache ich mir Sorgen, was die Arbeitsplätze bei Schalke 04 angeht“, erklärt sie. Mit knapp 2000 Mitarbeitern ist der Verein inzwischen einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Aber wichtiger ist ohnehin, was der Abstieg emotional für die Stadt bedeutet.

Auf die Frage, warum der Verein die Besuche in Zechen, diese Form der Traditionspflege, nach einem Besuch in Bottrop vor vier Jahren habe abreißen lassen, schickt die Pressestelle von Schalke 04 den Link zu einem gut dreiminütigen Youtube-Video aus dem vergangenen Jahr, vom Besuch der Mannschaft in der St.-Joseph-Kirche, in der sich Fans vor jedem Spiel treffen. Man sieht darauf junge Männer in dicken Jacken mit Sponsorenaufdruck, denen ein euphorischer Redner vorn erklärt, dass es sich bei Schalke 04 um den viertgrößten Fußballverein der Welt handele.

Dann sieht man Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus den Fünfzigerjahren, die volle Glückauf-Kampfbahn, Zuschauer, die sogar auf der Torlatte sitzen. Das Video endet nach drei Minuten und elf Sekunden. Dabei habe die Mannschaft die Geschichte des Vereins „hautnah erlebt“, erklärt eine Sprecherin.

Klaus Herzmanatus und der Zeche Hugo hat Ralf Rangnick, der frühere Schalker Trainer, vor einigen Tagen erst einen Videogruß geschickt, per Facebook. Er könne sich noch gut an seinen ersten Besuch mit der Mannschaft auf der Zeche Hugo erinnern, sie seien „in voller Montur auch unter Tage gewesen“ und hätten sich zum ersten Mal „vorstellen können, unter welche schwierigen Bedingungen Menschen damals ihren Lebensunterhalt verdient haben“. Das habe auch der Mannschaft „noch mal einen richtigen Schub gegeben in dieser Saison“.

Ein paar Tage lang war dieser Ralf Rangnick nun wieder der große Hoffnungsträger auf Schalke, in Gedanken jedenfalls. Eine Gruppe von Wirtschaftsvertretern wollte ihn zurückholen, als Sportvorstand, und Klaus Herzmanatus fand, dass dies die beste aller möglichen Lösungen wäre.

Doch Ralf Rangnick hat abgesagt, und eine weitere Hoffnung war zerstoben.

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