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Die Richtung stimmt

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Von: Jan Christian Müller

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Hinterließ Eindruck: DFB-Verteidiger Nico Schlotterbeck (Nummer 23).
Hinterließ Eindruck: DFB-Verteidiger Nico Schlotterbeck (Nummer 23). © AFP

Bundestrainer Hansi Flick zieht vorsichtig Optimismus aus dem 1:1 in den Niederlanden und der Qualität seines Kaders – er weiß, dass in Katar alles stimmen muss.

Es ist immer ein bisschen gefährlich, aus einem ganz gelungenen Fußballspiel Voraussagen für die Zukunft anzustellen. Niederlande gegen Deutschland beim Test im Jahr der Weltmeisterschaft: 1:1. Gerecht so, fanden hinterher alle Beteiligten. Die Deutschen lobten die Niederländer und andersherum. Das ist eine gängige Methode, die eigene Leistung im Rückblick noch ein bisschen besser aussehen zu lassen, und dagegen ist ja auch gar nichts fundamental einzuwenden, solange der Faktencheck dem nicht entgegensteht. Der besagte am Dienstagabend in Amsterdam: Beide Teams scheinen genug Potenzial aufzubieten, in Katar weit zu kommen. Beide wirken aber auch nicht so stabil, dass man ihnen nicht gerade dann wehtun könnte, wenn sie eigentlich gar nicht damit rechnen, ehe sie in der Folge etwas aus der Spur geraten.

Vor drei Jahren hatte Deutschland an gleicher Stelle 3:2 gewonnen. Hinterher gingen die Interpretationen dahin, dass Bundestrainer Joachim Löw es geschafft hatte, das Team von den kurz zuvor brachial entsorgten Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng zu emanzipieren. Die Lobpreisungen gerieten zu enthusiastisch. Also Obacht, Hansi Flick. Das Unentschieden von Amsterdam war zwar der erste Punktverlust unter seiner Führung, dennoch sah es wie ein Schritt in die richtige Richtung aus. Aber nur wie ein kleiner Trippelschritt.

Am Freitag wird Flick in der katarischen Hauptstadt Doha weilen. Gemeinsam mit Manager Oliver Bierhoff und dem neuen Präsidenten Bernd Neuendorf bildet der Bundestrainer die Spitze der deutschen Delegation bei der WM-Auslosung. Flick sieht dem Prozedere maximal pragmatisch entgegen: „Wir gucken, was wir zugelost bekommen.“ Nüchterner könnte man die feierlichen Zeremonie im Wüsten-Emirat kaum erwarten. Fast spannender als die Gegner empfindet man beim DFB ohnehin die Terminierung. Gern würde man in eine der hinteren Gruppen gelost werden, somit erst ein wenig später ins Turnier einsteigen und auf dem Hinflug nach Katar noch ein paar Tage zum Kurz-Trainingslager in Dubai Halt machen.

Das, was Flick in seiner engen Coaching-Zone der Johan-Cruijff-Arena gesehen hatte, empfand er insgesamt als stimmig. Sein Zwischenfazit im Frühjahr 2022, acht Monate vor WM-Start: „Der Kader wird immer größer. Hervorragend, wenn man so viel Auswahl an Qualität hat.“ Tatsächlich haben sich in den vergangenen zehn Tagen drei deutsche Spieler besonders weit nach vorn geschoben, die die Auswahl an Qualität erhöhen. Zum Beispiel der Innenverteidiger Nico Schlotterbeck vom SC Freiburg, der bis auf einen Aussetzer am Samstag gegen Israel und ein, zwei kleinere Stellungsfehler am Dienstag gegen die Niederlande alles zeigte, was einen weit überdurchschnittlichen Abwehrspieler ausmacht. Inklusive der passgenauen Spielauslösung von hinten raus.

Auch der linke Außenläufer David Raum, wenngleich am niederländischen Ausgleichstreffer wahrlich nicht unschuldig, machte seine Sache besonders in der Offensive zum wiederholten Mal so gut, dass er auch eine Rückkehr von Robin Gosens nicht unmittelbar fürchten muss. Der Hoffenheimer Raum flankt von links so gut wie dereinst Manni Kaltz, der Erfinder der Bananenflanke, von rechts. Zudem verfügt der Modellathlet über ein läuferisches Vermögen, das ihm ermöglicht, die linke Seite über die gesamten 110 Meter Platztiefe abzudecken. Da ist sein Nachname sozusagen Programm.

Die größte Entdeckung aber war Jamal Musiala, zuletzt schon bei den Bayern vermehrt von Julian Nagelsmann aus dem offensiven Mittelfeld auf die Doppelsechs zurückgezogen. Wer vorher dachte, der Jungspund sei zu schwach auf der Brust für diese Aufgabe im Dschungel des Spielfelds, weiß es jetzt besser. Musiala kann auch die Sechs, und zwar so gut, dass einem beim Zusehen das Herz aufgeht (siehe weiteren Bericht auf Seite 21).

Bondscoach Louis van Gaal sagt mit Blick auf Katar sehr deutlich, dass er Deutschland zum ganz engen Favoritenkreis zählt. Dem Kollegen Flick ist bei allem Optimismus aber noch nicht alles ganz geheuer. Er dringt deshalb vehement darauf, das für Ende Mai geplante Trainingscamp in Herzogenaurach mit vier Spielen der Nations League (gegen Ungarn, England und zweimal Italien) um eine Woche auszuweiten. „Ich glaube, das würde uns mit Blick auf die WM helfen.“

Flick würde diejenigen Spieler, die nicht im Champions-League-Finale am 28. Mai beschäftigt sind, gern sehr zeitig um sich scharen. Das müssten die Klubs aber erlauben, die sich nachvollziehbar sorgen, dass gerade ihre Topspieler nach Ende der Bundesligasaison genügend Urlaub bekommen. Absprachen sind notwendig. Dass Flick seit Amtsübernahme einen engen Draht zu den Vereinstrainern pflegt, dürfte ihm dabei entgegenkommen.

Sollten die Bayern und der FC Chelsea es mit insgesamt elf deutschen Nationalspielern bis ins Endspiel der Königsklasse schaffen, hätte er in Herzogenaurach freilich zunächst nur einen Rumpfkader zur Verfügung. Was ihm nichts ausmachen würde. Ganz im Gegenteil. Flick würde sich über ein solches Finale sogar freuen, „weil Spieler, die in der Champions League weit kommen, dabei eine mentale Stärke entwickeln.“ Eine Stärke, die der Bundestrainer auch für eine Weltmeisterschaft unbedingt einfordert. Eine Stärke, von der er einige Zutaten in Amsterdam schon zufrieden zur Kenntnis genommen hat.

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