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Die perfekte Elf für Nostalgiker

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Von: Günter Klein

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Die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön in nüchterner Siegespose.
Die Mannschaft von Bundestrainer Helmut Schön in nüchterner Siegespose. © imago/WEREK Europameister 1972 BR Deutschland mit dem Coupe Henri Delaunay hi.v.li.: Franz Beckenbauer, Bundestrainer Helmut Schön, Hans Georg Schwarzenbeck, Jupp Heynckes, Gerd Müller, Horst Dieter Höttges, Günter Netzer; vorn: Erwin Kremers, Herbert Wimmer, ...; ... Paul Breitner, Torwart Sepp Maier und Uli Hoeneß --- quer, Sieg, Sieger, Feier, feiern Siegesfeier, Pokal Trophäe, Trainer, Nationaltrainer Siegerbild Siegerfoto EM 1972, Nationalmannschaft, BRD, Finale Endspiel, Vneg Vsw Brüssel Fußball Länderspiel Herren Mannschaft Totale Randmotiv Personen Objekte

Vor 50 Jahren führten Franz Beckenbauer und Günter Netzer Deutschland zum EM-Titel 1972.

Die Fußball-Europameisterschaft 1972 war – verglichen mit heutigen Turnierformaten – kein großes Ding. Die Endrunde beschränkte sich auf fünf Tage, Halbfinals, Endspiel und Schluss. Sie wurde auch nicht von der Kundschaft überrannt. Die Zuschauerzahl 1659 beim Spiel UdSSR gegen Ungarn in Brüssel steht als ewige Peinlichkeit in den Statistiken. Bei Deutschland gegen Belgien in Antwerpen (2:1) war’s voll (55 600), zum Finale Deutschland – UdSSR (43 000) in Brüssel kamen natürlich wieder viele Deutsche. Auch weil sie spürten: Eine bessere deutsche Mannschaft hatte es nie gegeben.

Einen fundierten Ansatz, Teams verschiedener Generationen in Relation zu setzen, findet keine Wissenschaft – doch für die Klasse von 1972 gilt: Sie stand für einen neuen Fußball mit einigen neuen Spielern, nachdem langjährige Stützen wie Uwe Seeler, Willy Schulz, Helmut Haller, Karl-Heinz Schnellinger nicht mehr dabei waren. Die Vorfreude auf eine außergewöhnliche Mannschaft war durch das in Hin- und Rückspiel ausgetragene Viertelfinale gegen England (3:1-Sieg in Wembley, dann ein 0:0) geschürt worden.

In Brüssel wurde mit dem Atomium, dem Symbol der Weltausstellung, im Hintergrund gespielt. Mag sein, dass das die Vision vom modernsten deutschen Fußball, vom Vorgriff auf eine neue Zeit, bestärkt hat. Für Nostalgiker jedenfalls ist klar: Die deutsche Mannschaft von 1972 war vollkommen. Ihr gehörten an:

Sepp Maier (28): Er hatte noch das Katzenhafte, weil er ganz in Schwarz spielte, erst nach 1972 durften Torhüter bunter werden. Auch die gepolsterten Hosen waren noch nicht erfunden. Zwei Jahre später, bei der WM, wirkte Maier mit seinen riesigen Handschuhen dann schon wie aufgerüstet.

Horst-Dieter Höttges (28): Außenverteidiger, der Mann, den man auf die Linksaußen losließ. Spitzname des Bremers: „Eisenfuß“. Damit war alles gesagt. Er vertrat den verletzten Berti Vogts („Terrier“).

Franz Beckenbauer (26): Mit dem Libero hatte er seine Position gefunden, er schwebte übers Spielfeld, bildete mit Günter Netzer und Gerd Müller die Achse der Helmut-Schön-Elf. Bei der WM 1974 drückten Berühmtheit und Erwartung auf ihn, die Ästheten orientierten sich zum Niederländer Johan Cruyff um, Beckenbauer war nur noch der Zweitbeste. 1972 war sein Höhepunkt-

Hans-Georg Schwarzenbeck (24): Ein Jahr vor der EM wurde er Nationalspieler. Er war das Inkasso-Büro Beckenbauers, wenn den ein Gegner nervte. Ein Zuruf „Katsche“ genügte. Wenn Beckenbauer der Inbegriff des Liberos war, war Schwarzenbeck der des Vorstoppers.

Paul Breitner (20): Der offensive Gegenentwurf zu den Manndeckern alter Schule. Der Bayer stürmte mit, wenn ihm danach war. Brachte somit eine neue Dynamik in den Fußball.

Uli Hoeneß (20): So schnell, dass er anderen einfach davonlaufen konnte, zugleich ausdauernd, körperlich noch unversehrt – der junge Uli Hoeneß mutete sich 1972 ein gigantisches Pensum zu. Nach der EM trat er noch beim Olympiaturnier an, erst danach wurde er offiziell Profi.

Günter Netzer (27): Sein Ruhm, der ihm zu einer Rekordzahl an Titelbildern beim weit nach seiner Karriere gegründeten Fußballkulturmagazin „11 Freunde“ verhalf, resultiert aus dieser EM – seinem einzigen guten Turnier. Netzer trieb die Journalisten zu einer neuen Form der Wahrnehmung, sie beschrieben ihn als „aus der Tiefe des Raumes“ kommend. Auch „Ramba-Zamba“ fand als würdigender Begriff seines Zusammenspiels mit Beckenbauer und Gerd Müller Würdigung. Brachte diverse Popstar-Merkmale (lange Haare, Sportwagen, Disco-Besitzer) mit.

Herbert Wimmer (27): Netzer lief nicht gerne – das übernahm sein Mönchengladbacher Mitspieler Herbert Wimmer. Was Katsche dem Kaiser, war „Hacki“ dem Günter. Sternstunde im Finale als Schütze des 2:0.

Jupp Heynckes (28): Sein glücklichstes Jahr in der Nationalmannschaft. 1974 spielte er bei der WM kaum eine Rolle, ging im 22-Mann-Kader unter. In der Liga fast so gut wie Gerd Müller.

Gerd Müller (26): Schoss beide Tore gegen Belgien und zwei beim 3:0 über die UdSSR. Die Hochform hatte sich schon bei der Eröffnung des Olympiastadions kurz zuvor (4:1 gegen die Sowjetunion, vier Müller-Treffer) gezeigt. 1971/72 war auch seine Rekordsaison in der Bundesliga – 40 Tore.

Erwin Kremers (23): Glück für den Schalker Linksaußen: Sigi Held, eigentlich der Favorit auf dieser Position, spielte 1972 in der Regionalliga und hatte während der EM Bundesliga-Aufstiegsrunde mit Offenbach. Der Schalker Kremers war ein Teenagerschwarm, versaute sich aber den Karriere-Höhepunkt 1974. Fünf Minuten vor Ende des 34. und letzten Bundesligaspieltags flog er für dreimalige Schiedsrichter-Beleidigung („Blöde Sau“) vom Platz. Der DFB musste ihn sperren.

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