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Die Nacht großer Gefühle bei Schalke 04

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Von: Jan Christian Müller

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Bad in der Menge: Simon Terrode wird umjubelt. Foto: imago images
Bad in der Menge: Simon Terrode wird umjubelt. © AFP

Der FC Schalke 04 kehrt heldenhaft in die Bundesliga zurück - danach sah es lange Zeit nun wahrlich nicht aus.

Vor einem Jahr, nach einem 0:1 in Bielefeld, wurden Profis von Schalke 04 noch von Leuten, die nicht in der Lage waren, ihre Enttäuschung angemessen zu kanalisieren, um die Arena gejagt worden. „Das war Angst, pure Angst! Ich bin nur noch gerannt“, berichtete seinerzeit ein Spieler, die lieber anonym bleiben wollte,

Zwölf Monate später liegen sich die königsblauen Fans nach einem heroisch erkämpften 3:2 nach 0:2-Rückstand gegen den FC St. Pauli mit den Aufsteigern zu Tränen gerührt in den Armen. So ist das auf Schalke, wo Torjäger Simon Terodde erst zwei Tore zum Aufstieg schießt und dann minutenlang heult, derart überwältigt ist der Mittelstürmer von seinen eigenen Gefühlen.

Matchwinner Rodrigo Zalazar

Und es passte zu diesem ereignisreichen Abend der großen Gefühle, dass ausgerechnet der eingewechselte Rodrigo Zalazar den Ball in der 78. Minute zum Sieg unters Gebälk drosch. Jener Mann also, der, seinerzeit von Eintracht Frankfurt ausgeliehen, vergangene Saison noch bester Spieler bei St. Pauli gewesen war.

Bei den lange tapferen Hamburgern, arg gebeutelt von einem massiven Corona-Ausbruch, reagierten zum Ende hin zwei 19-Jährige mit Frust: Marcel Beifus sah nach einem Tritt der Marke Körperverletzung Rot, der zweifache Torschütze Igor Matanovic nach einem rüden Foul Gelb-Rot. „Daraus werden sie lernen“, sagte Trainer Timo Schultz und erkannte fair an, dass die bessere Mannschaft gewonnen hatte. Der Stadtteilklub war im Winter noch acht Punkte von Rang vier entfernt, verlor als 13. der Rückrundentabelle aber massiv an Terrain. Jetzt hat das Wunden lecken begonnen.

Rouven Schröder küsst Mike Büskens

Derweil strömten nach dem Schlusspfiff tausende Schalker Fans aufs Spielfeld und feierten, als gäbe es kein Morgen mehr. Der Greenkeeper sollte gleich am Montag die Neubestellung des Rasens und beider Tore vornehmen. Zu viele wollten ein Stück des Aufstiegs-Turfs, der Latte und Pfosten mit nach Hause nehmen.

Trainer Mike Büskens, der nach Saisonschluss seinen Platz wieder räumen will, weil er sich mit seiner Liebe zum Klub und zur Stadt den ganzen Druck in dieser exponierten Position nicht länger antun will, fasste das Erlebte angemessen zusammen: „Du steigst letztes Jahr sang- und klanglos ab, hast keine Mannschaft mehr, und dann entsteht dieser verschworene Haufen.“ Das war natürlich auch ein Lob an den für die Kaderplanung hauptverantwortlichen Rouven Schröder, der mit halb so viel Geld doppelt so viel Hingabe ins Team manövriert hat. Samstagabend küsste Schröder den zerzausten Trainer vor laufender Kamera mit dickem Schmatzer auf die Wange. Wenn er die Zukunft ähnlich klug managt wie dieses Spieljahr, wird Schalke die Bundesliga bereichern. Büskens, der das Team sechs Punkte hinter einem Relegationsplatz übernahm, sagte am Sonntag: „Vielleicht hat der Abstieg diesem Verein auch gutgetan. Es gibt jetzt wieder ein Miteinander.“

Gratulation von Sebastian Kehl

Was dieser große, wenn auch ein wenig verblichene Name für die Wahrnehmung des deutschen Fußball-Oberhauses bedeutet, ließ sich unschwer auch daran ablesen, wie die elektronischen Medien auf den Aufstieg reagierten: Das ZDF-Sportstudio schob die Blut-Schweiß-und-Tränen-Nacht von Königsblau umstandslos vors Abendspiel der Bundesliga zwischen Hertha BSC und Mainz 05, und sogar der Stammtisch „Doppelpass“, der die zweite Liga in seiner Sonntagssendung sonst nicht auf dem Schirm hat, schenkte der Debatte über Schalke 04 fast die gesamte erste Stunde. Die Gäste Sebastian Kehl aus Dortmund und Oliver Mintzlaff aus Leipzig gratulierten brav,

An einem von Beginn an infernalisch lauten Abend zuvor kumulierte in diesem 3:2 gegen die mit diesem am Ende so unglücklichen Saisonverlauf ja auch bemitleidenswerten Kiezkicker und deren sympathischen Trainer Schultz eine Schalker Spielzeit, in der es nach dem tiefen Fall des Vorjahres geraume Zeit nicht so aussah, als sollte die individuell am besten besetzte Mannschaft am Ende auch aufsteigen. Nach dem siebten Spieltag und einem 1:2 daheim gegen den Karlsruher SC fand sich Königsblau auf dem elften Tabellenplatz wieder. Die Saison schien gelaufen. Der im Frühjahr beurlaubte Trainer Dimitrios Grammozis, dessen Vertrag sich mitsamt Gehaltserhöhung durch den Aufstieg automatisch um ein weiteres Jahr bis 2023 verlängert, wackelte schon da bedenklich. Aber nach einem 1:1 im ersten Rückspiel der Saison beim HSV, in dem die Schalker die besser organisierte Mannschaft stellten, schien Grammozis stabilisiert.

Mike Büskens hat verstanden, was zu tun war

Doch erst Interimscoach Büskens schaffte es, taktisch und mental den notwendigen Klebstoff ins Team und in die Verbindung mit den Fans zu pappen. Gegen St. Pauli lag sein Team gleichwohl nach 17 Minuten trotz wütender Angriffe 0:2 zurück. Der blutjunge Hamburger Igor Matanovic, der ab 2023 bei Eintracht Frankfurt spielt, hatte zweimal in Simon-Terodde-Manier getroffen. Doch Schalke überwand auch diese Widrigkeiten mannhaft. Am Ende wurde es eine Nacht, die in Gelsenkirchen-Buer kaum jemand vergessen wird.

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