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Die Nacht der Alexandra Popp: Fast zu kitschig, um wahr zu sein

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Von: Frank Hellmann

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Völlig losgelöst: Alexandra Popp bejubelt ihre nächsten EM-Tore.
Völlig losgelöst: Alexandra Popp bejubelt ihre nächsten EM-Tore. © afp

Die Comeback-Künstlerin Alexandra Popp steigt zum Sinnbild eines deutschen Nationalteams auf, das zum neunten Mal das Finale einer Europameisterschaft erreicht.

Am Ende hatte die Anführerin mit der Regenbogenbinde nicht einmal beim Interview ihre Ruhe. Alexandra Popp stand nach dem schwer erkämpften EM-Halbfinalsieg gegen Frankreich (2:1) noch vor der Werbewand, um als „Spielerin des Spiels“ erste mediale Verpflichtungen zu erfüllen, als ein Pulk von Teamkolleginnen über den halben Platz gerannt kam. In Windeseile war die 31-Jährige umzingelt. Um sie herum hüpften und tanzten die Mitspielerinnen, schwangen Leibchen und Handtücher. Als Symbol, das an diesem rauschhaften Abend alle zusammengehörten. Sie feierten eine Fußballerin, die zum Sinnbild einer schwarz-rot-goldenen Gemeinschaft geworden ist, die mit dem Einzug ins Finale alle überrascht. Auch sich selbst.

Ohne die in allen fünf Partien erfolgreiche Kapitänin würde Deutschland jetzt nicht das Endspiel gegen England (Sonntag 18 Uhr/ARD) bestreiten. Ihre Wucht, ihr Willen, ihre Widerstandkraft halten den Traum vom neunten EM-Titel am Leben. „Ich glaube, wir haben ganz, ganz vielen Leuten gezeigt, was wir draufhaben“, erklärte sie in der Pressekonferenz in ihrem verschwitzten Trikot. All die Komplimente, die auf die energetische Angreiferin nach ihren Länderspieltreffern 58 und 59 herabregneten, leitete sie direkt eine Etage tiefer in die Kabine des Stadium MK: „Ich bin schon seit zehn Jahren bei der Frauen-Nationalmannschaft dabei – und so einen Teamspirit, so ein Teamgefüge habe ich ganz ehrlich noch nie erlebt.“ Das sagt sich nicht einfach so. Und doch: Dass die Französinnen sich bei dieser EM am Ende auf dem „Friedhof der Illusionen“, wiederfanden, wie die Sportzeitung „L’Equipe“ eine Spur zu martialisch urteilte, lag vor allem am deutschen Leuchtturm.

Dabei schienen dieses Turnier und die Torjägerin zuvor schlechter zusammenzupassen als England und gutes Essen. Vor der EM 2013 in Schweden opferte sie sich für den VfL Wolfsburg auf, als sie mit einem Bänderriss im Sprunggelenk im Champions-League-Finale auflief. Vor der EM 2017 in den Niederlanden zog sie sich in einem Trainingsspiel einen Meniskusriss zu. Und wäre die EM in England nicht pandemiebedingt um ein Jahr verschoben worden, hätte sie wieder gefehlt. Nach einem im Frühjahr 2021 erlittenen Knorpelabriss an der rechten Kniescheibe war die Reha von Rückschlägen und Selbstzweifeln geprägt. Ein Gedanke trieb sie an, wenn sie mal wieder allein durchs Wasser stampfte: „Ich habe noch keine verdammte EM gespielt, und ich will diese EM jetzt spielen.“ Als sie sich dann im Trainingslager in Herzogenaurach – als einzige Spielerin – eine Corona-Infektion einfing, hing wieder alles am seidenen Faden.

Ralf Kellermann, heute als Sportlicher Leiter, früher als Trainer beim VfL Wolfsburg ein langer Begleiter, wertet es rückblickend als Schlüssel für ihren Erfolg, „dass sie ihre Rolle angenommen hat“. Nämlich vielleicht erst mal nur von der Bank aus dem Team zu helfen. Extrem freue er sich jetzt mit einer Führungsspielerin, der Kellermann, wie er schmunzelnd sagt, „grundsätzlich immer alles zutraut“. Als hätte es zehn Monate Auszeit im Verein und sogar 17 Monate im DFB-Dress nie gegeben, hechtete sie als Einwechselspielerin beim Auftaktspiel gegen Dänemark (4:0) die Kugel mit einem Flugkopfball ins Tor. Sie schlug die Hände auf den Rasen, Tränen kullerten über ihre Wangen.

Wenn jemand den Leistungssport in allen Gefühlslagen ausgeleuchtet hat, dann die 119-fache Nationalspielerin, die sich nach der Corona-Erkrankung von Lea Schüller bereits gegen Spanien (2:0) in der Startelf wiederfand. Und wieder traf. Dieser Lauf hielt an. Aber auch nur, weil es Mitspielerinnen wie Svenja Huth gibt, die ihr in Milton Keynes den Ball auf Fuß und Kopf servierten. „Ich profitiere extrem von den Mädels“, bedankte sich Popp.

Ihre lange Auszeit, verriet die ausgebildete Tierpflegerin, habe auch etwas Gutes gebracht: Sie habe das Gefühl, mehr erleben und genießen zu können: „Und – ja – den Fußball selbst noch mehr zu schätzen als zuvor.“ Es ist eben keine Selbstverständlichkeit, gesund zu sein. Das flirrende Finale auf dem heiligen Rasen gegen den EM-Gastgeber wirkt wie eine Belohnung für die Leidenszeit.

Aber dafür macht sich die deutsche Nummer elf gar keinen Druck. Erst recht nicht, über ein Wettschießen mit der englischen Stürmerin Beth Mead, die ebenfalls bei sechs EM-Toren steht. „Es ist jetzt nicht mein erstes Ziel zu sagen, ich will unbedingt Torschützenkönigin werden. Das erste Ziel ist ganz klar, den Europameistertitel zu holen.“ Das i-Tüpfelchen draufzusetzen, schön wär’s, sagte sie.

Ihre Comeback-Geschichte klingt fast zu kitschig. „Seit sie Fußball spielt, geht sie über Grenzen“, betonte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bereits vor dem Halbfinale. Die gebürtige Duisburgerin kennt die in Gevelsberg aufgewachsene Popp seit deren Jugend, als ihre Familie in privaten Schwierigkeiten steckte. Voss-Tecklenburg hat die prägende Anfangszeit mit ihr beim FCR 2001 Duisburg nie vergessen, aber die 54-Jährige war selbst unsicher, ob die beim Doublesieger Wolfsburg häufig zwischen allen Positionen hin und her geschobene Allrounderin wieder als Mittelstürmerin funktionieren würde.

„Dass sie so schnell das Stürmer-Gen zurückfindet, ist einfach schön“, erklärte Voss-Tecklenburg. Popp ergänzte gerne: „Ich war sehr froh, dass Martina mich in die Spitze gestellt hat. So konnte ich zeigen, was ich vorne noch draufhabe.“ Ganz Fußball-Deutschland jubelte am späten Mittwochabend mit.

Leitartikel S. 11

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