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Die Mitternachtsbeichte

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Von: Daniel Schmitt

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Ist weiterhin nicht geimpft, „diese Angst ist mir schwer zu nehmen“: Markus Anfang beim Auftritt im ZDF-Sportstudio. imago images
Ist weiterhin nicht geimpft, „diese Angst ist mir schwer zu nehmen“: Markus Anfang beim Auftritt im ZDF-Sportstudio. imago images © IMAGO/Martin Hoffmann

Der Impfpassbetrüger Markus Anfang zeigt Reue, offenbart Ängste und hinterlässt Fragen.

Markus Anfang wählte eine hohe Frequenz, so oder zumindest so ähnlich hatte er das vor seinem TV-Auftritt im ZDF-Sportstudio wohl vorbereitet. Der ehemalige Fußballtrainer, zuletzt bei Werder Bremen und davor bei Darmstadt 98 angestellt, schaffte es in seiner mitgefilmten Mitternachtsbeichte doch tatsächlich 13-mal um Entschuldigung zu bitten - in knapp elf Minuten. Und addiert man die Sorry-Bekundungen des gewiss nicht zufällig am nächsten Morgen veröffentlichten „Bild“-Interviews dazu, so bleibt haften: Es tut ihm wohl ziemlich leid.

Doch: Es sollte ihm eben auch leid tun. Seit vergangenem Freitag ist der 47-Jährige ein rechtskräftig verurteilter Impfpassbetrüger. Die Chronologie des Skandals: Einleitung eines Ermittlungsverfahrens am 18. November 2021, zwei Tage später der Rücktritt als Trainer des SV Werder, Beschlagnahmung des Impfpasses am 22. November, Geständnis am 5. Januar, DFB-Sperre Ende Januar, Erlassung des Strafbefehls Mitte Februar, rechtskräftiges Urteil am 18. März, Auftritt im ZDF-Studio. Dort sagte Anfang mit leiser Stimme reuevolle Sätze wie: „Ich bin meiner Vorbildfunktion in keiner Weise gerecht geworden.“ Oder: „Ich habe viele Menschen enttäuscht, belogen und meiner Familie einen großen Schaden zugefügt.“ Und nicht zuletzt, na klar: „Entschuldigung!“

Bereits im Vorfeld des TV-Interviews hatte es Kritik am ZDF gegeben, dem Ex-Trainer diese Bühne zu geben. Hinterher flachte diese kaum ab, nahm eher zu, zumal neue Fakten nicht geliefert werden konnten. So ist weiterhin öffentlich unklar, woher Anfang den gefälschten Impfpass hatte. Dies habe er der Staatsanwaltschaft mitgeteilt, so der Familienvater. Auch die Beweggründe von Anfangs langjährigem Co-Trainer Florian Junge, der ebenfalls mit einem gefälschten Impfausweis durch die Welt lief, sind weiterhin unklar. Nicht zuletzt fällt die Diskrepanz auf, wonach Anfang im ZDF betonte, sich aus Angst davor aufzufliegen, „jeden Morgen selbst getestet“ zu haben, während im DFB-Urteil steht: Anfang und Junge hätten „ab dem frühen Herbst nicht mehr an den im DFB-/DFL-Hygienekonzept vorgeschriebenen Testungen von Werder Bremen teilgenommen“.

Anfang jedenfalls rutschte – bildlich formuliert - auf Knien durchs Studio am Mainzer Lerchenberg, er war darauf bedacht, ja kein falsches Wort zu verlieren. Weshalb er aber etwa an Karneval mit gefälschtem Impfausweis durch Köln zog, darauf antwortete er ausweichend.

Grundsätzlich, so Anfang, habe er „eine große Angst vor dieser Impfung“, die von einer eigenen Herzmuskelentzündung und einem Herzinfarkt bei seinem Vater herrühre. Expert:innen beurteilen das Risiko einer Herzmuskelentzündung nach einer Corona-Infektion als deutlich größer als nach einer Schutzimpfung. „Aber diese Angst ist mir schwer zu nehmen“, sagte Anfang. Er habe deshalb die Impfung vorgetäuscht, um seinen Trainerjob nicht zu gefährden. Mögliche Quarantäne-Phasen hätten – zumindest aus seiner Sicht - wohl zum Verlust des Trainerpostens geführt. Derlei Anzeichen vonseiten der Bremer Bosse, das musste sich der weiterhin nicht geimpfte Anfang jedoch eingestehen, gab es nicht.

So bleibt neben der 13-fachen Bitte um Entschuldigung und der Angst des Trainers vor der Impfung auch Anfangs Antwort auf die Frage nach einer zweiten Chance haften. Die lautete: „Ich kann jeden verstehen, der das nicht will. Man wünscht sich, dass man eine zweite Chance bekommt, aber ich kann das nicht erwarten.“ Die einjährige DFB-Strafe ist ab dem 10. Juni auf Bewährung ausgesetzt.

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