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Die Liga der Gesetzlosen

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Von: Stefan Scholl

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Ein Schattendasein: Russlands Fußball wird international nicht mehr beachtet, hier der französische Spieler Wilson Isidor von Lokomotive Moskau.
Ein Schattendasein: Russlands Fußball wird international nicht mehr beachtet, hier der französische Spieler Wilson Isidor von Lokomotive Moskau. © Imago

Russland will 2023 eine Fußballliga mit Profiklubs aus annektierter Krim sowie Separatisten- und Rebellenrepubliken gründen

Gefühlt herrscht in Russland auch Fußballkrieg. „Meinem Sohn haben sie das Recht gestohlen, unsere Sbornaja in der WM-Qualifikation anzufeuern“, schimpft die Moskauerin Verkaufsmanagerin Natalja. Auch andere Fans sind empört, dass Fifa und Uefa nach Beginn der „Kriegsspezialoperation“ gegen die Ukraine die Nationalmannschaft und alle Vereine Russlands von internationalen Turnieren gesperrt haben.

Zu Beginn der neuen Saison ohne WM, Champions- und Europa-League antwortet Russland auf seine Weise. Vergangene Woche gaben Funktionäre des Sportministeriums bekannt, man werde 2023 eine „Gemeinschaftsliga“ starten, mit mindestens 13 Profiklubs aus der annektierten Krim, den georgischen Separatistenrepubliken Abchasien und Südossetien, den ostukrainischen Rebellenrepubliken Donezk und Lugansk, sowie den im Laufe des bisherigen Feldzugs eingenommenen Gebieten in den ukrainischen Regionen Saporischschja, Charkiw und Cherson.

Sportrechtlich allerdings handelt es sich eher um eine Liga der Gesetzlosen. Ihre möglichen Mitglieder stehen politisch oder zumindest militärisch unter der Kontrolle des Kremls. Aber die große Mehrzahl der UN-Staaten erkennen den Anschluss der Krim-Halbinsel an Russland ebenso wenig an, wie die Souveränität Abchasiens oder Nordossetiens, das gilt auch für das Donbass und Moskaus neuste Eroberungen in der Ostukraine. Und die internationalen Sportverbände teilen diese Meinung. Nicht nur deshalb ist das Turnier selbst in Russland umstritten.

Moskauer Sportpolitiker bemühen sich um Distanz, bevor die Teilnehmer dieser Beuteliga überhaupt feststehen. Der stellvertretende Sportminister Odes Bajsultanow erklärte, eine autonome, nicht staatliche Organisation werde für den Spielbetrieb zuständig sein. Kein Wunder: Würde der russische Verband das übernehmen, drohte ihm der komplette Ausschluss aus der Uefa.

Kicken in der Frontstadt

Und es gilt als offenes Geheimnis, dass aus dem gleichen Grund auch die Klubs von der Krim-Halbinsel in der Gemeinschaftsliga landen sollen: Zwar werfen Publikumspatrioten wie der Duma-Abgeordnete Sergej Mironow den russischen Verbandsfunktionären vor, sie verstießen gegen die Verfassung und ließen sich von ihren Herren im Ausland vorschreiben, wo die Teams der 2014 angeschlossenen Krim kicken. Und die Leiter der Fußballnationalliga (FNL), Russlands zweiter Liga, versprachen, eine Arbeitsgruppe werde prüfen, ob die Vereine von der Schwarzmeerhalbinsel organisatorisch und sportlich bereit für den Einstieg in die FNL sind.

Aber Nikolai Naumow, Expräsident des Spitzenklubs Lokomotive Moskau, hält ihre Teilnahme am ordentlichen russischen Spielbetrieb für praktisch unmöglich. „Weil die Uefa ihr Einverständnis nicht gibt.“ Auch das Portal expertsouth.ru warnt vor einem völligen Rauswurf aus den internationalen Fußballdachverbänden. „Wieder hineinzukommen, würde sehr schwer.“

Die Fußballfunktionäre wollen zumindest Russlands Rumpfmitgliedschaft bei Fifa und Uefa retten, stecken deshalb wohl die besten Vereine der Krim in die neue postsowjetische Liga. Dort sollen sie gegen Dynamo Sochumi aus Abchasien, gegen Spartak Zchinwali aus Südossetien, gegen Kristall Cherson, Gwardejez Donezk oder Dalewjez Lugansk antreten. Aber der abchasische Sportjournalist Inal Chaschig mutmaßt, dieses Turnier sei eher ein politisches als ein sportliches Projekt, seine Lebensdauer hänge von den internationalen Sanktionen gegen den russischen Fußballverband ab. „Die Zukunft unseres Sportes wird davon bestimmt, was Russland am Ende mit dem Westen und der Ukraine vereinbart.“

Die Zukunft des abchasischen Profifußballs wird dann auch vom militärischen Geschehen in der Ukraine bestimmt. Zurzeit etwa wäre es fraglich, wie Mannschaften aus Sochumi oder Simferopol zu Spielen in die Frontstadt Cherson gelangen wollen. Alle Autobrücken sind zerschossen, die Spieler müssten es wohl riskieren, in Kampfhubschraubern das ukrainische Flugabwehrfeuer zu durchfliegen. In den Regionen Charkiw und Saporischschja aber hätte Russland zuerst noch die Gebietshauptstädte einzunehmen, um halbwegs spielstarke Vereine mit ins Boot zu bringen.

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