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Letzter Akt in Wembley: Joachim Löw scheidet bei der EM gegen England aus - und verabschiedet sich im Sommer 2021 in den Ruhestand. imago imaoach
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Letzter Akt in Wembley: Joachim Löw scheidet bei der EM gegen England aus - und verabschiedet sich im Sommer 2021 in den Ruhestand. imago imaoach

Eine persönliche Verabschiedung von Jogi Löw

Die Höhle des Löw

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Am Donnerstag wird Joachim Löw in Wolfsburg offiziell beim DFB verabschiedet. Unser Reporter Jan Christian Müller erinnert sich an Begebenheiten seit 2004 als journalistischer Begleiter des ehemaligen Bundestrainers.

Es war ein typisch düsterer Novemberabend fast genau auf den Tag vor zehn Jahren. An diesem Abend in der Soccerhalle Neugraben vor den Toren von Hamburg lässt Joachim Löw eine Nähe zu, die wir ständigen journalistischen Wegbegleiter in dieser Form noch nicht erlebt hatten – und nie wieder erleben sollten. Zwei Tage, ehe die von Löw gecoachte deutsche Nationalmannschaft in einem der besten Länderspiele unter seiner Regie die Niederlande 3:0 schlagen wird, hat der Bundestrainer wissen lassen, dass er mit Manager Oliver Bierhoff, Assistent Hansi Flick, Torwarttrainer Andy Köpke und dem damaligen Chefscout Urs Siegenthaler an seiner Seite bereit sei, eine Stunde lang Hallenfußball gegen eine Reporterauswahl zu spielen.

Wir führen bis zehn Minuten vor Schluss mit zwei Toren Vorsprung. Löw bleibt immer auf dem Feld. Über halblinks macht er in den letzten Minuten gemeinsam mit Flick und Bierhoff ernst. Wir verlieren mit drei Toren Unterschied. Löw hat verbal zurückhaltend agiert, Bierhoff wird mehrfach kritisiert, wenn er Chancen vergibt, Flick ist als Anführer aufgetreten, der auch Löw pusht, was uns damals verwundert. Denn Flick hat seinerzeit bei seinen öffentlichen Auftritten stets schüchtern und unsicher gewirkt. Intern, das ist an diesem Abend auf dem Kunstrasen zu spüren, ist Flicks Standing schon damals viel größer gewesen.

Ich habe Joachim Löw erstmals bewusst bei einem Besuch im Wildparkstadion in der Saison 1984/85 wahrgenommen. Er spielte mit herunterhängenden Stutzen beim Karlsruher SC. Löw sah Räume, die sich noch gar nicht geöffnet hatten, er schien stets das gesamte Spielfeld zu scannen. Wenn er am Ball war, öffneten sich ganz neue Perspektiven. Ich war beeindruckt. Aber irgendwann geriet dieser filigrane langhaarige offensive Mittelfeldspieler bei mir auch wieder in Vergessenheit.

Jürgen Klinsmann holte Löw

Bis Löw im Sommer 2004 von Jürgen Klinsmann zum Assistenten befördert wurde. Es erschien ein selbstbewusster Bundes-Co-Trainer, der Nähe zur Presse zuließ. Seine Auftritte nach Länderspielen in der Mixed-Zone ließen uns Reporter stets klüger zurück, als wir zuvor gewesen waren. Löw genoss es, in einem ihm zunehmend auch persönlich bekannteren Kreis über die Geheimnisse des Fußballs zu dozieren. Er ließ sich viel Zeit bei seinen Referaten. Wir hörten mit wachsenden Ohren zu.

Einmal begegnete ich ihm zufällig vor dem Mannschaftshotel in Berlin auf der Straße. Er blieb stehen, begrüßte mich freundlich und fragte nach dem Befinden. Schließlich erklärte er mir mathematisch exakt die noch deutlich zu langen Ballkontaktzeiten der Nationalspieler. Sie hätten anfangs bei 2,8 Sekunden gelegen, inzwischen habe man sich zwar auf 1,7 Sekunden verbessert, die Spanier aber lägen noch immer 0,7 Sekunden vor. Das müsse das Ziel sein. So dachte Löw damals. Akribisch wie ein Buchhalter, missionarisch im Eifer, lässig im Umgang.

Joachim Löw schützt drin Privatleben

Bis in die ersten Jahre des zweiten Jahrzehnts hinein trafen wir den Bundestrainer verabredungsgemäß stets kurz vor Weihnachten mit einigen Kollegen in der DFB-Zentrale zum großen Weihnachtsinterview. Löw kannte alle unsere Namen, trank Espresso und aß Plätzchen. Auch Fragen zum Liedgut und Ablauf der weihnachtlichen Bescherung beantwortete er freimütig, ließ manche Antworten, die ihm zu privat erschienen, aber bei der Autorisierung streichen. Der damalige Medienchef Harald Stenger hatte seine liebe Müh beim Redigat.

Der private Löw ist ein Mysterium geblieben. Man weiß, dass er 2016 nach 30 Jahren geschieden wurde. Zu öffentlichen Auftritten war er auch vorher schon fast ausnahmslos allein erschienen. Man erfuhr irgendwann, dass er sich neben seinem Domizil nahe Freiburg eine Wohnung in Berlin zugelegt hatte, wo er vor allem anfangs öfter anzutreffen war. Er urlaubt am liebsten auf Sardinien. Er liebt seine Freiheit.

In den ersten Jahren als Bundestrainer konnte ich ihn noch hin und wieder auf dem Handy erreichen. Er hat dann bald zweimal die Nummer gewechselt und erklärte, das diene seinem eigenen Schutz. Er könne sich nicht ständig ablenken lassen. Ich konnte das nachvollziehen. Ganz am Ende hatten nur noch sehr wenige ausgewählte Kollegen der Fachpresse seine Nummer.

Im Park Club Europe, nicht weit entfernt von der Rezeption, hängt ein Farbfoto der Mannschaft des VfB Stuttgart. Ich habe es dort im Urlaub mehrfach inspiziert. Das Hotel in Playa de las Americas auf Teneriffa war in den 1990er Jahren eine beliebte Herberge für Bundesligateams zur Vorbereitung auf die Saison. Löw war 1996 bis 1998 Trainer des VfB. Man sieht auf dem Foto im Park Club Europe einen schmalen, versonnen lächelnden Mann mit Pottschnitt und eingezogenen Schultern am Rand stehen.

Löws schwere Verletzung

Zwei Jahrzehnte später hat sich der Bundestrainer Joachim Löw im Fitnessstudio eine beträchtliche Muskelschicht antrainiert. Er geht bis an die Grenzen und darüber hinaus, einmal kracht ihm beim Bankdrücken ein Gewicht auf den Oberkörper. Er bricht sich das Brustbein. Eine Aorta droht zu reißen. Er muss im Juni 2019 zwei Länderspiele auslassen und sie aus dem Krankenlager verfolgen. Doch insgesamt scheint die gewachsene Muskulatur ihm auch bei einsetzenden medialen Kreuzfeuern als Elefantenhaut zu dienen.

Er hat davon einige überstanden, hat Enttäuschungen erlebt und ist dabei misstrauischer geworden, geradezu menschenscheu. Irgendwann, 2012 nach dem Halbfinal-Aus bei der EM gegen Italien, hat er sich angewöhnt, Kritik offensiv und wortreich zu begegnen. Seinerzeit war das Scheitern zentral an seiner verunglückten Taktik ausgemacht worden. In seinem Freiburger Refugium ertrug die Künstlerseele Löw das Trommelfeuer wie ein Einsiedler, der sich von der Außenwelt komplett abgeschottet zu haben schien.

Legendärer Auftritt nach der EM 2012

Sein Auftritt im August 2012 ist Legende. Löw sitzt in einem überhitzten Zelt vor der Frankfurter Arena und spricht 25 Minuten lang in geschliffener Rhetorik und ohne Unterbrechung. Aus meiner Sicht gerät die Ansprache zum „Monolog ohne Reue“. Löw ist an diesem frühen Nachmittag anzumerken, wie hart ihn die Kritik getroffen hat.

Fortan mag er auch zu Weihnachten nicht mehr von den kleineren Zeitungen interviewt werden. Wir erfahren nach dem WM-Gewinn 2014, dass der Architekt des Titels jetzt lieber der „New York Times“ Interviews gibt als dem „Kölner Stadtanzeiger“ oder der FR. Alsdann wird er hierzulande fast nur noch vertragsgemäß den TV-Partnern, den großen Magazinen, der „Bild“ und den auflagenstarken Redaktionsnetzwerken bisweilen ein Zeitfenster für persönliche Gespräche öffnen. Es ist der normale Gang der Dinge im Fußballbusiness. Es gab bei Löw keine Kumpanei mit Medien. Er hat sich nie angebiedert. Er hat öffentlichen Druck nie an Mitarbeiter weitergegeben, sondern stets allein ausgehalten.

Mit der Nagelfeile auf der Bank

Ich habe gleichwohl nicht immer alles nachvollziehen können, was er tut. Die Begebenheit mit Nagelfeile auf der Bank im Stadion von Faro beim hohen Sieg 2015 gegen Gibraltar: ein eigentümliches Fingerspitzengefühl. Der Griff in die Hose beim EM-Auftaktspiel 2016 gegen die Ukraine: nur eine Übersprunghandlung in der Aufregung? Löw bleibt unergründlich: Der Ästhet mit störendem gerissenen Fingernagel passt nicht zum Proll mit den Fingern am Gemächt.

Im persönlichen Umgang bleibt Löw distanziert freundlich. Beim Neujahrempfang der Deutschen Fußball-Liga im Frankfurter Palais Thurn und Taxis gesellt sich der Weltmeistertrainer zu uns Journalisten an den Stehtisch, er plaudert anfangs etwas angestrengt, später zunehmend lockerer, rüffelt einen Nationalspieler wegen dessen Einstellung – und wird noch am Mittag von einem Kollegen in dessen Onlineausgabe aus diesem persönlichen Gespräch zitiert. Für Löw eine Enttäuschung. Ich kann ihn verstehen.

Nach dem Vorrunden-Aus 2018 in Russland sollte sich das Verhaltensmuster von 2012 wiederholen. Beinahe trotzig chauffiert sich Löw im Sommer 2018 selbst im offenen Oldtimer-Cabrio durch den Schwarzwald. Für Löw war das Ausdruck maximalen Selbstschutzes. Es wird ihm als Arroganz ausgelegt. Ich habe ihn nie als arrogant empfunden. Trotz der Szene, die ihn sein Leben lang begleiten wird.

Joachim Löw an der Laterne

Am 20. Juni 2018 steht Löw zeitig auf, um an der heißgeliebten Promenade in Sotschi zu flanieren. Das erste WM-Spiel gegen Mexiko ist verloren gegangen, das nächste gegen Schweden steht an. Der Druck ist immens. Ein ihm bekannter dpa-Fotoreporter bittet den Bundestrainer, sich für ein Bild an eine der Laternen zu lehnen. Löw gewinnt Freude an der Fotosession. Das Licht ist perfekt, die Sonnenbrille sitzt perfekt, das schwarze Shirt strafft über die Brustmuskulatur. Jeder kann sehen: Dieser Mann gefällt sich, und es gefällt ihm in Sotschi, wo er ein Jahr zuvor mit einer blutjungen Truppe die Grundlage für den Sieg beim Confederations Cup legt.

Es entsteht eine Bilderserie für die Ewigkeit, die Löw als Höhepunkt der Hybris ausgelegt wird. Ich schreibe in meiner täglichen WM-Glosse „Die Höhle des Löw“ unter anderem: „Ist das hier eine Fußball-Weltmeisterschaft oder eine Gaukler-Veranstaltung mit Laufsteg für ältere Herren mit vollem Haar?“

Löw sei not amused, übermittelt noch am selben Abend die Pressestelle, er habe nur gutmütig dem Wunsch des Fotoreporters entsprochen. Später, auf dem Rückflug nach Frankfurt, als vorne in der Businessklasse die Toilette nicht funktioniert und alle DFB-Leute samt Trainern und Spielern hinten an unseren Reporterplätzen zum Flugzeugklo vorbeimüssen, hält der eine oder andere bei meiner Reihe an und raunt mir zu, die Glosse habe genau das Empfinden im DFB-Betreuerteam und unter den Spielern getroffen. Löw hätte das mit der Laterne besser gelassen. Auch wenn die Bilder wirklich gut aussehen – sie haben ihm auch intern Respekt gekostet.

Enttäuschung über Mesut Özil

Noch einmal, bei der Grundsteinlegung des neuen DFB-Campus in Frankfurt im September 2019, kommt es zu einem persönlichen Gespräch mit Löw. Es ist eine dieser typischen Stehtisch-Veranstaltungen, Löw bleibt bei uns Journalisten hängen. Wir fragen ihn irgendwann, ob er nochmal Kontakt mit Mesut Özil gehabt hätte. Er sagt, er hätte es mehrfach erfolglos versucht. Wir spüren seine Enttäuschung. Er hatte den Spielmacher stets gefördert und geschützt.

Löw hat ihm vertraute Spieler niemals zu früh ausgemustert, eher zu spät. Wahrscheinlich hielt er zu lange an verdienten Profis wie Lukas Podolski (2014), Bastian Schweinsteiger (2016), Sami Khedira (2018) oder Toni Kroos (2021) fest. Er hat dabei aus Überzeugung gehandelt und vielleicht auch aus Gefühligkeit. Er wird am Donnerstag viel von den Ehemaligen zurückbekommen. Er hat sich das verdient.

Gerne hätte ich ihn jetzt mit ein paar Kollegen in einer kleinen Gesprächsrunde getroffen und habe bei Pressesprecher Jens Grittner deshalb angefragt. Löw will das nicht, er will nicht zu viel Tamtam um seine Person machen, er hat deshalb erst im November in Wolfsburg Abschied vom DFB nehmen wollen.

Ich glaube nicht, dass man ihn noch mal im Hamsterrad eines Vereinstrainers erleben wird. Aber vielleicht liege ich auch falsch. Ich kenne Joachim Löw nicht gut genug. Er ist nie ganz aus seiner Höhle herausgekommen.

Kicken mit Jogi im November 2011. Ex-Bundestrainer Joachim Löw (stehend Mitte neben Oliver Bierhoff), FR-Redakteur Jan Christian Müller (hockend, blaue Jacke). Links oben Andreas Köpke, rechts unten Hansi Flick.

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