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Die Guten

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Von: Andreas Morbach

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Der Pokal. Darum geht es am Samstag, 20 Uhr, in Berlin.
Der Pokal. Darum geht es am Samstag, 20 Uhr, in Berlin. © AFP

Der SC Freiburg will eine bemerkenswerte Entwicklung krönen –  vor allem Trainer Streich erfährt viel Zuspruch.

Beim Stichwort RB Leipzig muss Philipp Lienhart nicht lange überlegen. „Spontan fällt mir da ein: Gute Spieler, hohes Tempo, hohe Qualität in der Spielanlage“, sprudelt es aus Freiburgs Verteidiger beim Gedanken an den Gegner der Breisgauer im DFB-Pokalfinale (Samstag 20 Uhr/ARD) hervor. Doch auch das spezielle Image der Rasenballsportler, maßgeblich von einem bekannten Getränkehersteller aus Lienharts Heimatland finanziert, ist dem gebürtigen Niederösterreicher geläufig. Mit dem Klischee, es komme zum Duell Kollektiv gegen Kohle, kann der 25-Jährige jedoch wenig anfangen.

Die Bodenständigkeit wird gelebt

„Natürlich haben die Leipziger wirtschaftlich sehr große Möglichkeiten. Aber man muss auch sagen, dass sie es in den letzten Jahren einfach gut gemacht haben. Eben auch besser als einige andere Vereine“, betont Lienhart. Vor dem Showdown in der Hauptstadt hatten die Freiburger die Nutzung ihres Logos für gemeinsame Fanartikel mit Leipzig untersagt. Man mache derartige Aktionen ohnehin selten – und wenn, müsse es eine Verbindung zwischen den Vereinen und vor allem eine hohe Akzeptanz bei den Fans geben, lieferte der Sport-Club eine unmissverständliche Begründung für sein Nein. Nicht zuletzt in dem Wissen um das eigene Image, auch jenseits der badischen Grenzen.

Christian Streich etwa tourt seit mittlerweile gut zehn Jahren als Freiburger Cheftrainer durch die Republik. Und Sympathieträger. Er, der 1995 im Nachwuchsbereich des SC anfing und in der Winterpause der Saison 2011/2012 die Verantwortung für die Profis übernahm, ist der Star seines Vereins. Und eine Kultfigur geworden, die sich auch außerhalb des Sports größter Wertschätzung erfreut. Der Südbadener hat klare Meinungen, auch zu gesellschaftspolitischen Themen, und tut sie – mitunter in breitestem Dialekt – offen kund. Nicht wenigen erscheint er inmitten des überdrehten Fußballgeschäfts als eine Art Stimme des Volkes. Als einer, der noch so etwas wie die gute Seele verkörpert. Zuletzt fiel dem 56-Jährigen selbst auf: „Sogar bei Auswärtsspielen stelle ich fest, dass die Menschen uns zugewandt und nett zu uns sind.“

Das weiß auch Christian Günter, der deshalb darauf hofft, „dass ganz Deutschland uns die Daumen drückt, und alle hinter uns stehen“. Das würde, ahnt der Kapitän der Schwarzwälder, bei ihm und seinen Kollegen „noch mal mehr Energie freisetzen“. Ein Energieschub im Dress eines Vereins, der nun seine Pokalendspiel-Premiere im Profibereich feiert. Streich war nämlich mal mit der A-Jugend auf dieser Bühne. Nach dem Liga-Finale in Leverkusen wurde der Cheftrainer nicht müde, die exzellente Saison seines Teams vor allem auch mit dem Blick auf die überflügelte Konkurrenz zu würdigen.

„Platz sechs in der Bundesliga – für Freiburg ist das Wahnsinn. Da muss man nur schauen, welche Klubs, welche Namen alle hinter uns stehen“, resümierte Streich stolz. Und im Pokalfinale lockt nun die ultimative Steigerung dieses Gefühls.

Die Bodenständigkeit, mit der sich der Klub aus dem äußersten Südwesten konsequent umgibt, färbt auch auf die in weiten Teilen demütige Anhängerschaft ab. „Wir leben sehr stark vom Kollektiv. Das zeichnet den ganzen Verein und die Art und Weise aus, wie wir als Mannschaft auftreten“, betont Abwehrspezialist Lienhart, der erklärt: „Der Wohlfühlfaktor ist bei uns auf jeden Fall vorhanden. Und er spielt schon eine große Rolle für mich.“

Gleichzeitig lässt der österreichische Nationalspieler allerdings durchblicken, dass der frisch für die Europa League qualifizierte Sport-Club nicht auf einer Insel der Seligen lebt. „Auch unser Verein“, erwähnt Lienhart, „muss sich weiterentwickeln und versuchen, neue Möglichkeiten und weitere Geldquellen zu erschließen.“ So zog der SC im vergangenen Oktober aus dem urigen Dreisamstadion mit seinem leicht abschüssigen und zu kurzen Platz um in den Nordwesten der Stadt, wo nun mehr als 34 000 Fans in einer schicken Arena Platz finden, die sich ganz nebenbei auch viel besser vermarkten lässt.

Wirtschaftlich habe der Verein „ein Stück weit eine andere Flughöhe erreicht“, sagt Finanzvorstand Oliver Leki. 110,1 Millionen Euro Gesamtumsatz erwirtschaftete der Klub im Geschäftsjahr 2020/2021, 9,8 Millionen Euro Gewinn standen zu Buche – trotz Corona. Den Abgang von Nationalverteidiger Nico Schlotterbeck nach Dortmund konnte das inzwischen etwas prallere Portemonnaie zwar nicht verhindern. Größere Veränderungen im Kader fürchtet Streich aber nicht. Denn, argumentiert der charismatische Ur-Badener: „Es muss erst mal ein anderer Verein attraktiver sein, wenn sich einer unserer Spieler mit seinem Berater umschaut.“ mit sid/dpa

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