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Die große Leere bei Marokko

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Von: Frank Hellmann

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Dank an die Fans: Marokkos Nationalteam nach dem WM-Aus.
Dank an die Fans: Marokkos Nationalteam nach dem WM-Aus. © afp

Außenseiter Marokko hatte zu großen Handikaps zu überwinden, um die WM-Sensation zu vollbringen, aber als Vorbild taugt dieses tapfere Team jetzt allemal.

Wenn nicht mal Kylian Mbappé als Trostspender sich eignet, ist eigentlich alles gesagt. Achraf Hakimi, inzwischen einer der besten Außenverteidiger der Welt, plumpste einfach wieder aufs Spielfeld, nachdem ihm sein prominenter Kollege und Kumpel bei Paris St. Germain zuvor noch aufgeholfen hatte. Beim in Madrid geborenen, zwischenzeitlich zwei Jahre in Dortmund brillierenden 24-Jährigen tat sich im Al Bayt Stadion in der Küstenstadt Al Khor die große Leere auf. Letztlich bot der Außenseiter Marokko im Halbfinale gegen Frankreich (0:2) erbitterten Widerstand und scheiterte nicht allein am eigenen Unvermögen im Abschluss. In allen Statistiken, die der Weltverband Fifa umfänglich ausspielt, lag der Außenseiter am Ende vorn: beim Ballbesitz deutlich, aber auch bei den gespielten Pässen, bei den zweiten Bällen, den empfangenen Bällen im letzten Drittel. Und auch bei den gelaufenen Kilometern.

Doch letztlich fehlte es wohl an Kraft und Konzentration im letzten Drittel. Der sechste Abnutzungskampf auf diesem Niveau vor mindestens 30 000 Landsleuten war genau der eine zu viel. Trotzdem wollte Nationaltrainer Walid Regragui nicht, dass sich aus seinen rücklings auf den Rasen liegenden Akteuren ein Abschlussbild grenzenloser Enttäuschung festsetzte. „Ich habe den Spielern gesagt: Ich bin stolz auf sie. Der König ist auch stolz auf sie, das ganze marokkanische Volk ist das“, sagte der Aufbauhelfer.

Dem Vernehmen nach meldete sich sogar König Mohammed VI. höchstpersönlich, um dem Team für seine Tapferkeit zu gratulieren. „Meine Spieler haben sich von ihrer besten Seite gezeigt und alles gegeben“, sagte Trainer Regragui, der sogleich gelobt, nun aus dem Emirat wenigstens mit einer Medaille heimkommen zu wollen. Als Favorit geht Marokko allerdings nicht ins Spiel um Platz drei gegen Kroatien (Samstag 16 Uhr). Der Vizeweltmeister hat den Trostpreis ebenso im Visier, der Nationalstolz ist groß bei Südosteuropäern, aber damit können die Nordafrikaner ja auch überproportional dienen.

Viele Spieler fallen aus

Die Mission im Khalifa Stadium ist nicht nur durch die einen Tag kürzere Vorbereitungszeit erschwert. Marokkos Coach bekommt kaum noch Akteure zusammen, die beschwerdefrei laufen können. Regragui: „Es wird eine mentale Herausforderung, wir haben viele verletzte Spieler.“ Dass sich sein Kapitän Romain Saiss trotz Oberschenkelblessur hatte aufstellen lassen, um bereits in der ersten Halbzeit nicht weiterspielen zu können, war bezeichnend. Mit Nayef Aguerd brach auch der zweite Innenverteidiger weg. „Für eine Weltmeisterschaft war das vielleicht ein Schritt zu weit für uns. Wir hatten zu viele Spieler, die nur bei 60 oder 70 Prozent waren“, erklärte der 47-Jährige.

Dass seine Auswahl lange ungerührt mit hoher Körperlichkeit dagegenhielt, sagt viel über die Mentalität der „Löwen vom Atlas“ aus, an deren Haltung mit Belgien, Spanien und Portugal Topnationen aus Europa verzweifelten. Und der Weltmeister Frankreich brauchte seinen Keeper und Kapitän Hugo Lloris in Weltklasseform, um das Stoppschild zu errichten. So feierten nicht nur im verregneten Casablanca die Menschen ihre neuen Idole.

Der studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Regragui forderte, jetzt bitte nicht nachzulassen. „Wir müssen in Afrika regelmäßig solche Leistungen zeigen, wenn wir wollen, dass Marokko auf der Fußball-Landkarte bliebt.“ Der Verband hat mit einer modernen Akademie, professionellen Strukturen und einem staatlichen Nachwuchsprogramm bessere Voraussetzungen als in den meisten anderen afrikanischen Ländern geschaffen. Der Nationaltrainer: „Wir wollen uns für jede WM qualifizieren, damit es für die Menschen in Zukunft normal ist. Wir müssen das regelmäßig zeigen und beweisen, dass es kein Zufall war.“ Um irgendwann auch mal einen Kylian Mbappé zu bezwingen.

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