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Muss sich alles noch mal genau anschauen: Schiedsrichter Patrick Ittrich.

Mainz gegen Schalke

Die Grenzen der Frustrationstoleranz

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Beim 2:2 zwischen Mainz 05 und Schalke 04 gibt es keine Verlierer - eigentlich. Schiedsrichter Patrick Ittrich stand im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Gerade erst diesen Sommer hat Patrick Ittrich ein etwas anderes Fußballbuch veröffentlicht. Es heißt: „Die richtige Entscheidung – warum ich es liebe, Schiedsrichter zu sein.“ Am Samstag wurde diese Liebe nicht erwidert. Jedenfalls nicht von: Manuel Baum, Trainer des FC Schalke 04, und auch nicht von: Jochen Schneider, Sportboss der Knappen.

Patrick Ittrich aus Hamburg, Verkehrslehrer bei der Polizei, hat es nach einigen schmerzlichen Rückschlägen zu einem anerkannten Bundesligareferee gebracht. So anerkannt, dass der 41-Jährige das „Duell der Verzweifelten“ (ZDF) zwischen den nach wie vor sieglosen Mainz 05, Letzter, und Schalke 04, Vorletzter, pfeifen durfte. Er hat die komplizierte Aufgabe eigentlich ganz gut gelöst, es gab ein gerechtes 2:2, das beide Mannschaften als Niederlage empfanden, und am Ende war auch Ittrich irgendwie ein Verlierer.

„Krasse Fehlentscheidung“

Der Schalker Schneider, sonst als eher zurückhaltend bekannt, kriegte sich vor wechselnden TV-Kameras gar nicht wieder ein. Er hatte, genau wie sein Trainer Braun, eine „krasse Fehlentscheidung“ gesehen, die zum Strafstoß führte, den der Mainzer Jean-Philippe Mateta kurz vor der Pause zum 2:1 verwandelte. Was nach Ansicht der TV-Aufnahmen eine nachvollziehbare Kritik war. In Echtzeit hatte es auch für den armen Patrick Ittrich wie ein Foul des Schalkers Ozan Kabak an Mateta ausgesehen, im Fernsehen genau andersherum. Also sagte Schneider mit stechendem Blick: „Es reicht irgendwann mal. Wir fühlen uns schlecht behandelt.“ Er wisse nicht, „was da in Köln los ist“.

Dort, im Zentrum der Videoassistenten, war niemand Ittrich virtuell zur Hilfe geeilt, anders als vor dem Strafstoß zum 1:0, als Videoreferee Tobias Reichel sich gemeldet hatte und es nach Ansicht der Bilder sodann richtigerweise Elfmeter für Mainz gab. Aber bei der zweiten komplexen Angelegenheit im Schalker Strafraum, die Ittrich falsch bewertet hatte, passierte halt nichts.

Trainer Baum sah die Szene an der Bank auf dem Ipad und kriegte sich gar nicht wieder ein. Er sah irgendwann Gelb, als Ittrich das ständige Gemecker leid war, und immerhin: Schalke schaffte noch den verdienten Ausgleich. Später sagte Baum: „Da muss man sich echt auf die Zunge beißen, dass man nicht noch lauter wird.“ Er ist ein sympathischer Typ, ein kluger Mann dazu, genau wie Ittrich. Es wird nichts zurückbleiben, aber der Abstiegskampf lässt nicht viel Raum für Frustrationstoleranz. Beim Abpfiff und dem nun 23. Spiel ohne Schalker Sieg schrie Baum weithin hörbar in die leere Arena: „So ne Scheiße!“

Zwei traurige Trainer

So ähnlich fühlte sich - Ironie des Schicksals - auch der Mainzer Coach Jan-Moritz Lichte. Der hat nun im fünften Spiel nach dem Rauswurf seines vormaligen Vorgesetzten Achim Beierlorzer immerhin den ersten Punkt geholt. Aber seine Truppe hatte auch ein paar großartige Chancen zum 3:1 vergeben, stattdessen also nur 2:2 am Ende. Lichte schaute genauso traurig drein wie Baum. Sie ärgerten sich beide gemeinsam um die Wette.

Auch wenn das Verlierergefühl allseits überwog - irgendwie waren beide Teams aber auch Gewinner, Sie hatten jeweils recht kühn nach vorn agiert, mitunter unter Missachtung der Restverteidigung, es gab haufenweise Strafraumszenen, auch interessante taktische Umstellungen, Fans hätten Spaß gehabt in der verwaisten Mainzer Arena. Aber es waren natürlich keine da, außer ein paar Medienleuten. Also: Mainz 05 gegen Schalke 04 kann auch als Mutmacher für die Fanlager beider Klubs interpretiert werden. Manuel Baum nannte das Gesehene denn auch einen „Nährboden für guten Teamspirit“, der Mainzer Sportchef Rouven Schröder sah eine Menge „Energie, die die Jungs aufs Feld gebracht“ hätten. Ein Fünkchen Hoffnung, mehr erst einmal noch nicht.

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