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Martin Schmidt: Die Geschichte eines Abenteurers

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Von: Jan Christian Müller

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Power auf Dauer: Der Mainzer Sportdirektor Martin Schmidt. Imago Images
Power auf Dauer: Der Mainzer Sportdirektor Martin Schmidt. Imago Images © imago images/Jan Huebner

Martin Schmidt arbeitet auffällig unauffällig für den FSV Mainz 05 - und fühlt sich wohl dabei.

Gerade als Martin Schmidt sich ins Interview mit der Frankfurter Rundschau via Teams eingeloggt hat und gleich über seine Zusammenarbeit mit Christian Heidel berichtet, lugt der Kopf des Chefs von hinten durch die Tür ins Büro des Sportdirektors von Mainz 05. Heidel, 58, und Schmidt, 54, arbeiten Wand an Wand. Beide haben von ihren Schreibtischen im alten Bruchwegstadion aus einen direkten Blick auf den Trainingsplatz der Profis.

Heidel bemerkt sogleich, dass Kollege Schmidt sich gerade im Gespräch befindet - er wird eine halbe Stunde später wieder vorbeischauen. Die Wege sind ja maximal minimal. Martin Schmidt findet das optimal: „Mal sitze ich bei ihm drüben, dann er wieder bei mir. Was er weiß, weiß ich, und was ich weiß, weiß er.“

Die Helden sind Bo Svensson und Christian Heidel

Die wundersame Wiederauferstehung von Mainz 05 seit Weihnachten vor gut einem Jahr wird gemeinhin als Heldengeschichte von Heidel und Trainer Bo Svensson erzählt, Martin Schmidt steht ein wenig im Schatten der beiden ausdauernd als Retter gefeierten Über-Mainzer.

Der Schweizer arbeitet auffällig unauffällig - und wirkt damit alles andere als unglücklich. Dass er medial weniger präsent ist als vor fünf Jahren, als er die Nullfünfer als Erfolgstrainer letztmals in die Europa League führte, ist gewollt. „Ich fühle mich in meiner Rolle sehr, sehr wohl. Die Arbeit macht mir riesigen Spaß.“ Deshalb habe er seinen Vertrag vor ein paar Tagen auch verlängert. Wie zuvor schon Heidel ohne konkrete Laufzeit. „Wenn wir irgendwann mal das Gefühl hätten, es hätte keinen Sinn mehr, dann reden wir drüber. So groß ist das Vertrauen bei uns. Mainz ist immer ein bisschen anders.“

Christian Heidel rief Heiligabend an

Als Heidel ihn Heiligabend 2020 gegen 16 Uhr anrief, war Schmidt daheim im Wallis gerade dabei, die letzten Geschenke zu verpacken. Ein halbes Jahr zuvor hatte er dem alten Wegbegleiter aus besseren Mainzer Tagen berichtet, dass er nicht mehr Trainer sein will, sondern lieber strategisch arbeiten möchte. Ein neuer Schritt im Leben. Heidel hatte das seitdem im Hinterkopf. Deshalb der Anruf am Heiligabend. Das Gespräch dauerte 90 Minuten. So lange wie ein Fußballspiel.

Zurück ins selbe Haus

Bei der Bescherung war Schmidt dann gedanklich gar nicht mehr recht dabei. Sondern schon wieder in Mainz. Dort hat er im selben Haus wie bei seiner ersten Station bei den Rheinhessen nah am Dom im Zentrum wieder ein Zuhause gefunden, in einer anderen Wohnung, ein Riesenglück, die „sogar noch schöner ist“. Es sei ihm nach wie vor wichtig, den „Puls der Stadt zu spüren“ und „auf der Straße viel mit den Leuten zu kommunizieren“.

In der Kommunikation mit den örtlichen Medien ist Schmidt zurückhaltender. Die TV-Anstalten arbeitet er an jedem Spieltag routiniert ab. Den Kontakt zu den alten journalistischen Wegbegleitern aus seiner Trainerzeit hat er jedoch nicht von sich aus gesucht. Der Mixed Zone bleibt er nach Spielen fern. Es hatte zum Ende hin, als er 2017 nach dem knappen Klassenerhalt ein Jahr vor Vertragsende ausschied, auch ein paar Verletzungen gegeben.

Jetzt ist es so: „Wir haben eine klare Aufteilung. Ich bin nah an der Mannschaft, kommuniziere mehr nach innen zu Trainern, Betreuern und Spielern und bin in stetem Austausch mit unserem Scouting-Direktor Bernd Legien – Wasserstandsmeldungen zu laufenden internen Prozessen gebe ich öffentlich nicht gern.“ Und die großen Linien deckt Heidel ab: „Christian übernimmt als Vorstand die übergeordneten Themen, durch Corona war er da im vergangenen Halbjahr präsenter als ich.“

Bo Svensson soll im Mittelpunkt

Anfangs sah man Schmidt noch wöchentlich bei den Pressekonferenzen. Dann war er plötzlich nicht mehr da. Der Grund: „Wir haben den Trainer klar positioniert. Alles, was Fußball angeht, ist Sache von Bo. Deshalb sitzt Bo auch alleine in den Pressekonferenzen.“

Auch zum Jahresabschlussgespräch 2021 erschien Schmidt nicht. Das übernahmen Heidel und Svensson. Schmidts Vertragsverlängerung wurde von den Mainzern kürzlich en passant schriftlich mitgeteilt - drei Stunden, nachdem Svensson allein auf einer Pressekonferenz gesprochen hatte und dabei Schmidt mit keinem Wort erwähnt worden war. Mehr Zurückhaltung geht kaum. „Ich beschäftige mich gerade mit der Trainingslagerplanung nächsten Sommer und auch schon für den nächsten Winter: ,Was machen wir im November, während die WM stattfindet?´“

Martin Schmidt ist auch ein erfolgreicher Unternehmer

Martin Schmidt steht gerade am Anfang seines dritten, vierten oder fünften Berufslebens. Er war schon Mechaniker im Autorennsport. Er führte eine eigene Werkstatt. Er versteht sich auf die Restauration von Nobelkarossen. Ihm gehört gemeinsam mit seiner Schwester eine erfolgreiche Firma für textile Konzepte, Arbeitskleidung und Stickerei. Er war 20 Jahre Fußballtrainer - nach Mainz noch beim VfL Wolfsburg und FC Augsburg -, ehe er sich wiederum neu erfand: als Fußball-Manager. Seine Erfahrung als Unternehmer komme ihm dabei zugute, Will er mal wieder Trainer werden? Er schaut aus dem Fenster aufs Trainingsgelände: „Ich habe im ganzen vergangenen Jahr keine Sekunde lang gedacht, dass ich lieber da unten auf dem Platz wäre.“

Aber vielleicht Schweizer Nationaltrainer? Schließlich gab es entsprechende Gerüchte, ehe die Eidgenossen Murat Yakin verpflichteten. „Stimmt“, sagt Schmidt, „im vergangenen Sommer wurde das von den Medien thematisiert, aber für mich war das überhaupt gar kein Thema. Es gab auch gar keine Gespräche.“ Und doch räumt er ein: „Wenn mir irgendwann in fünf oder zehn Jahren eine übergeordnete Stelle angeboten würde, dann wäre das vielleicht etwas anderes.“

Gerade liest er den Roman „Versprechen kann ich nichts“ der italienischen Autorin Valeria Parrella. Der Titel jedenfalls passt gut zu Martin Schmidt, dem Abenteurer.

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