Es geht wieder los: Die Champions League startet.
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Es geht wieder los: Die Champions League startet.

Champions League

Die Geschäfte laufen weiter

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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In den Europapokalwettbewerben ist zu viel Geld im Spiel, um während der Pandemie das Programm runterzufahren.

Zumindest die Vermarktungsmaschinerie läuft noch wie vor Corona-Zeiten. Zum Start der Champions League erinnerte die Europäische Fußball-Union (Uefa) auf ihren digitalen Kanälen am Montag daran, dass es genau neun Jahre her ist, dass ein gewisser Robert Lewandowski erstmals in der Königsklasse traf. Am 19. Oktober 2011, im Hexenkessel von Olympiakos Piräus, verspielte Borussia Dortmund unter Trainer Jürgen Klopp bei einer 1:3-Niederlage die Chancen auf den Achtelfinaleinzug. Der erste von bislang 68 Champions-League-Treffern des polnischen Torgaranten war zwar ein Muster ohne Wert, aber ja doch ein Meilenstein.

So ähnlich ist auch die Ausgangslage für diese Europapokalspielzeit, die wegen der sich verschärfenden Corona-Lage von vielen Unwägbarkeiten begleitet wird. Nie zuvor hat die Uefa für ihr Premiumprodukt einen solchen Ritt auf der Rasierklinge angestellt. Gekickt wird eigentlich jeden Spieltag mit dem Prinzip Hoffnung, dass irgendwie alles gutgeht. Dass es fragwürdig ist, wenn ab sofort 80 Vereine – vom FC Porto am Atlantik bis Zenit St. Petersburg an der Ostsee – durch Europa jetten, versteht sich von selbst. Denn schon die Länderspiele haben ja gezeigt, dass nicht alle Fußballblasen dicht halten.

Halb Europa scheint Risikogebiet, aber die Uefa hat Regularien erschaffen, die eine von den Vereinen möglicherweise als sinnvoll erachtete Absagen – etwa wegen infizierter Profis, Erkrankungen im Staff oder Bedenken vor einer Reise in einen Corona-Hotspot – nahezu unmöglich machen. Ein Auszug aus den drastisch verschärften Bestimmungen: Verlegungen sind erst vorgesehen, wenn einem Team weniger als 13 gemeldete Spieler zur Verfügung stehen. In der Bundesliga ist laut Spielordnung eine Absage möglich, sobald nicht mindestens 15 Spieler einsatzfähig sind.

Die Uefa wertet eine Begegnung mit 0:3, wenn ein Team auch zum Nachholtermin nicht antreten kann – weil der verdichtete Kalender keinen Spielraum bietet. So wird auch am grünen Tisch gegen das Heimteam entschieden, wenn es nicht rechtzeitig auf neue Einschränkungen seiner Regierung hinweist. Darf der Gastverein nicht einreisen, müssen die Gastgeber einen neuen Spielort vorschlagen. Notfall ein neutraler Ort. Denn: „Alle Spiele der Gruppenphase müssen bis zum 28. Januar 2021 beendet sein.“ Ist diese Deadline nicht zu halten, entscheidet das Uefa-Exekutivkomitee über die Achtelfinalteilnehmer. Hintergrund: So könnte irgendwann im nächsten Jahr ein Finalturnier ausgetragen werden. Notfalls mit dem Verzicht auf Hin- und Rückspiel so wie im August in Lissabon. Widerstand regt sich kaum. Auch aus Deutschland sind die kritischen Töne eher leise.

Lucien Favre, Trainer von Borussia Dortmund, findet es „nicht gut zu reisen“ – aber der BVB-Tross hat sich auf dem Weg zum Auswärtsspiel bei Lazio Rom (Dienstag 21 Uhr) gemacht. Max Eberl, Sportchef bei Borussia Mönchengladbach, fürchtet sich vor dem „Raubbau“ der Spieler, wenn binnen acht Wochen die Gruppenphase durchgepeitscht wird, aber die Fohlenelf freut sich dann doch auf den Start bei Inter Mailand (Mittwoch 21 Uhr). Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsboss vom FC Bayern, hat mit dem Heimspiel gegen Atletico Madrid (Mittwoch 21 Uhr) vor, „lange in der Sonne“ zu bleiben, wo die Münchner gerade Europas Thron besetzen. Die Schattenseiten einer Pandemie stören nur.

Wie schnell die schönen Pläne überholt sind, zeigt das Beispiel RB Leipzig. Wegen der erwarteten Überschreitung des Sieben-Tage-Inzidenzwertes wird die Zahl an Fans für das Heimspiel gegen Istanbul Basaksehir (Dienstag 21 Uhr) von 8500 auf 999 reduziert. Die sächsische Corona-Schutzordnung beschränkt Veranstaltungen ab einem Wert von 20 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner. Die Uefa wäre recht großzügig, was die Zulassung angeht, wie das umstrittene Experiment beim Supercup in Budapest vor fast 15 000 Fans gezeigt hat.

Doch lokale Behörden werden zumeist Geisterspiele verordnen. Speziell in den führenden Nationen wird keine Stimmung aufkommen: Großbritannien hat mal gleich bis zum 1. März 2021 Fans bei großen Sportveranstaltungen verboten, Spanien bis Jahresende jede Form von Publikum ausgeschlossen, Frankreich erlaubt bei Abendspielen in den Ballungszentren keine Fans. Der Ball rollt in erster Linie fürs Fernsehen. Damit verdient die Uefa das große Geld, vor allem mit der Champions League: 3,2 Milliarden Euro erlöste die Uefa in der vom Virus noch befreiten Spielzeit 2018/2019 laut Finanzreport aus den Klubwettbewerben. Insgesamt summierten sich die Zahlungen der TV-Anstalten auf 3,3 Milliarden Euro, was 85 Prozent der Uefa-Einnahmen ausmachte.

Deshalb kam es auch nicht infrage, das Format irgendwie zu verkürzen – etwa die Gruppenphase in einfachen Runde auszutragen. „Weniger Spiele bedeuten weniger Sponsorengeld“, sagt Turnierdirektor Martin Kallen. „Wir wollen den Partner auch in drei Jahren noch an Bord haben und ihn nicht vergraulen.“ Das scheint auch in der Krise zu klappen: Am Montag wurde verkündet, dass nicht nur der Bierbrauer Heineken für die Rechteperiode von 2021 bis 2024 weiter den Geldhahn offen hält, sondern auch das Finanzunternehmen Mastercard für weitere drei Jahre als Premiumsponsor verlängert hat. Das sei ein großartiges Zeichen „in dieser unsicheren Zeit für Fans und Sport aus der ganzen Welt“, teilte Uefa-Marketingdirektor Guy-Laurant Epstein mit. Dann läuft ja alles weiter. Vorerst.

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