Ein volles Fußballstadion wie hier in Dortmund wird es noch lange nicht geben,
+
Ein volles Fußballstadion wie hier in Dortmund wird es noch lange nicht geben,

Fans im Stadion

Die Geister vertreiben

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
    schließen

Die DFL will am Dienstag den Rahmen für die ersten Bundesligaspiele mit Zuschauern beschließen. Die Meinungslage dazu bleibt angespannt.

Im Geschäftsbericht von Borussia Dortmund ist nachzulesen, was die Zuschauer zum wirtschaftlichen Erfolg eines börsennotierten Bundesligisten beitragen. Aktionären ist genau zu erklären, woher jeder Euro stammt. Am Umsatz von 446 Millionen Euro (Saison 2018/2019) machte der Spielbetrieb exakt zehn Prozent aus (44,6/28,2 Millionen aus Bundesligaspielen). Inzwischen besteht nach der ersten Bundesliga-Saison mit neun erzwungenen Geisterspieltagen die Gewissheit, dass der monetäre Verlust ohne Zuschauer fast leichter zu verschmerzen ist als der emotionale. BVB-Auftritte ohne Gelbe Wand wirken besonders sinnentleert.

Trotzdem muss der Vorstandsvorsitzende Hans-Joachim Watzke die in die Stadien herbeigesehnten Fans rational betrachten. Seine Prognose: Bis Mitte August müsse man sicher abwarten. Der BVB-Boss gilt mit seinen politischen Verbindungen als einer der wichtigsten Mittler, denn in letzter Instanz entscheidet die Politik darüber, ob sich an Stadiontoren wieder Menschen in langen Schlangen anstellen wie zuletzt vor den Schwimmbädern. Die Gesundheitsminister der Länder wollen sich auf ihrer Konferenz am 10. August mit einer Teilrückkehr von Zuschauern beschäftigen.

Am Dienstag stellt die Deutsche Fußball-Liga (DFL) auf ihrer nächsten virtuellen Mitgliederversammlung ein Konzept zur Abstimmung. Es geht um einen einheitlichen Rahmen für die 36 Lizenzvereine, wobei niemand eingedenk der dynamischen Entwicklung und der steigenden Zahl von Neuinfektionen weiß, wann er wirklich zur Anwendung kommt. Gleichwohl: Stimmungsarme Geisterspiele sollen lieber heute als morgen wieder Geschichte sein, weil sie dauerhaft auch Fernsehpublikum und Sponsoren vergraulen könnten. Der neue Leitfaden sieht vorerst keine Gästefans bis Jahresende, keine Stehplätze und keinen Alkohol jeweils bis 31. Oktober und eine Registrierung der Besucher vor, um eventuelle Infektionsketten nachverfolgen zu können. Über diese vier Punkte wird abgestimmt, es genügt die einfache Mehrheit.

Weiterhin wachsam bleiben

Fest steht, dass Fußballfans nicht die Abstandsregel so missachten dürfen wie die Teilnehmer an Freiluftpartys oder Demonstrationen. Unmissverständlich hat die DFL als Grundbedingung genannt: „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie erfordert weiterhin hohe Wachsamkeit und erhebliche Anpassungen gewohnter Verhaltensweisen in vielen gesellschaftlichen Bereichen.“ Es reicht, dass Stadien in Mailand oder Liverpool das Virus durch Europa trugen – das darf in einer deutschen Arena keinesfalls passieren. Sonst rollt der Ball für längere Zeit vor leeren Rängen.

Das mächtige Fanbündnis „Unsere Kurve“ stört sich am grundsätzlichen Misstrauen gegenüber den organisierten Anhängern und fürchtet, dass unter dem Corona-Deckmantel bald Regularien gelten, die später nicht mehr zurückgenommen werden (die FR berichtete).

Die DFL betont, dass es sich etwa beim Verzicht auf die Stehplätze „explizit um eine vorübergehende Anpassung“ handelt. Dass Union Berlin an seiner Alten Försterei (22 012 Plätze) mit weniger als 4000 Sitzplätzen über Corona-Tests eine volle Auslastung hinbekommt, erscheint ausgeschlossen. Auch die avisierten 21 000 Zuschauer in Leipzig oder 20 000 in Frankfurt auf fest zugeteilten Sitzplätzen wirken ambitioniert.

Hinzu kommt: Mit dem späten Saisoneinstieg am 18. September hat sich der deutsche Fußball dazu entschlossen, seinen Spielbetrieb fast komplett in den Herbst und Winter zu verlegen, wo naturgemäß Viren aller Art leichteres Spiel haben. Unter Virologen sind die Bestrebungen nach einer teilweisen Öffnung der Stadiontore übrigens genauso umstritten wie unter Politikern. „Um Infektionen komplett auszuschließen, müsste man Spiele mit Zuschauer weiter verbieten“, sagte zuletzt der Dresdner Alexander Dalpke. Hingegen äußerte sich Jonas Schmidt-Chanasit aus Hamburg hoffnungsvoller. „Wir haben alle Möglichkeiten, das technisch umzusetzen.“ Der Professor vom Bernhard-Nocht-Institut würde den Piloten wagen. Der Profifußball kann als Argument anführen, dass das erste von DFL und DFB entworfene Hygienekonzept tadellos funktioniert hat.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare