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Zeigt beim Meister Liverpool die Richtung an: Jürgen Klopp.

Premier League

Die Furcht vor dem Minus

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Der Premier League drohen ohne Fans horrende Einnahmeverluste. Liverpools Meistertrainer Jürgen Klopp stichelt vor dem Auftakt gegen die Transferausgaben des FC Chelsea

In den vergangenen Jahren war die Premier League eine einzige Erfolgsgeschichte. Das Hochglanzprodukt des englischen Fußballs verzeichnete jedes Jahr neue Rekordeinnahmen durch TV-Erlöse. Vor allem international ist keine Fußballliga der Welt kommerziell erfolgreicher als die Premier League. Die ohnehin schon teuren Ticketpreise wurden von den Klubs munter in die Höhe getrieben, Spieler mit hohen Gehältern auf die Insel gelockt, und viele Klubs im Rest von Europa hoffen jedes Jahr darauf, ihre Akteure gewinnenbringend nach England zu verkaufen.

Die Coronavirus-Pandemie hat Englands höchste Spielklasse jedoch mit voller Breitseite getroffen, weshalb Richard Masters, Geschäftsführer der Premiere League, vor dem heutigen Saisonstart Alarm schlägt. „Es ist entscheidend, dass die Fans so schnell wie möglich wieder zurück in die Stadien können“, sagte Masters der BBC. Vergangene Saison verlor die Premier League rund 757 Millionen Euro ihrer geplanten Einnahmen. Alleine 330 Millionen Euro davon durch Rückzahlungen an die übertragenden Sender und Plattformen, die für die TV-Rechte in der Saison ursprünglich 2,86 Milliarden Euro gezahlt hatten. Vor einer Woche kündigte die Premier League zudem einen Deal mit dem chinesischen Unternehmen Suning aufgrund zurückgehaltener Zahlungen von 180 Millionen Euro. Der ursprünglich von 2019 bis 2022 ausgehandelte Vertrag sollte 633 Millionen Euro einbringen. Noch ein Loch, das gestopft werden muss.

Weitere 757 Millionen Euro würden die 20 Klubs verlieren, wenn die Stadien weiter leer bleiben sollten, warnt Masters. Deshalb hat die Liga ein Hygienekonzept erarbeitet, dass mit einer begrenzten Zuschauerzahl ab dem 1. Oktober plant. „Wir warten ab, was die Regierung entscheidet, und wir werden während des gesamten Prozesses mit ihr im Dialog bleiben“, betont Masters.

Fanvertreter fordern deshalb, dass mehr Spiele im TV gezeigt werden wenn man schon nicht ins Stadion kann. Im Vereinigten Königreich werden nur 220 der 380 Partien live ausgestrahlt. Die Liga steht dem widerwillig gegenüber, weil sie befürchtet, dass dann der Wert der Rechte sinkt. Für die Saison 2020/2021 erwartet die Premier League laut „Financial Times“ Einnahmen von vier Milliarden Euro. Ob das in Corona-Zeiten haltbar sein wird, muss sich zeigen.

Bernd Frick, Wirtschaftswissenschaftler von der Universität Paderborn, hat in einer Studie drei Szenarien für die Premier League erarbeitet. „Das mittlere Szenario basiert auf der Annahme, dass in der nächsten Saison 50 Prozent der Stadionkapazitäten genutzt werden können, dass die Werbeeinnahmen um 20 Prozent und die Fernsehgelder um fünf Prozent sinken“, schrieb Frick in einem Gastbeitrag für den „Kicker“. In den anderen Szenarien ging er von gar keinen Fans beziehungsweise voller Auslastung aus. Bei Sky Sport News führte er aus, dass er das mittlere Szenario für am wahrscheinlichsten halte und damit ein Minus von 18 Prozent bei den Gesamteinnahmen zu erwarten sei. „Das bedeutet, dass die Spielergehälter sinken werden“, sagt Frick. Zwischen neun und 20 Prozent. Wie die Klubs das umsetzen wollen, ist noch offen. Der FC Arsenal hatte sich im April für die abgelaufene Saison auf einen Gehaltsverzicht von 12,5 Prozent geeinigt. Im Schnitt verdient ein Premier-League-Spieler rund vier Millionen Euro im Jahr.

Scheinbar unbeeindruckt von der Corona-Krise präsentierte sich der FC Chelsea im Transfersommer. Rund 220 Millionen Euro gab der Klub von Besitzer Roman Abramowitsch für Kai Havertz (80 Millionen Euro/Bayer Leverkusen), Timo Werner (53 Millionen/ RB Leipzig), Ben Chillwell (50 Millionen/ Leicester City) Hakim Ziyech (40 Millionen / Ajax Amsterdam) aus.

„Einigen Klubs ist es offenbar nicht so wichtig, wie unsicher die Zukunft ist, weil sie Staaten oder Oligarchen als Besitzer haben“, stichelte Jürgen Klopp in einem Interview mit dem BBC-Radio 5. Liverpool habe Erfolg, „weil wir so sind, wie wir sind. Wir können uns nicht über Nacht ändern und sagen, wir wollen jetzt so sein wie Chelsea“, sagte der Teammanager des Titelverteidigers, der zum Auftakt mit den Reds am heutigen Samstag (18.30 Uhr) gegen Aufsteiger Leeds United spielt.

Rechnet man jedoch die Verkäufe der Blues aus diesem Jahr (74 Millionen Euro) sowie den Transferüberschuss von 112 Millionen im Vorjahr dazu, als Chelsea aufgrund einer Fifa-Strafe nicht auf dem Spielermarkt aktiv sein durfte, beläuft sich das Minus über die vergangenen zwei Jahre nur auf 37 Millionen Euro. Peanuts für den vom Milliardär Roman Abramowitsch finanzierten Klub. Auch in Corona-Zeiten.

Das Team von Frank Lampard hat sich als Herausforderer von Liverpool und Manchester City in Position, um die Meisterschaft in Stellung gebracht. „Ich weiß, was es braucht, um den Titel zu gewinnen“, betonte Lampard vor dem Auftakt am Montag (21.15 Uhr) in Brighton. Es wird jedoch sicher Zeit brauchen, um konstant auf einem hohen Niveau zu spielen wenn man so viele Neue ins Team integriert.

Dieses Problem hat Jürgen Klopp nicht. Er hat zu seiner voll intakten Mannschaft nur Linksverteidiger Kostas Tsimikas von Olympiakos Piräus für 13 Millionen Euro geholt. Erstens, weil ein Team zusammenzuhalten höhere Spielergehälter nach sich zieht. Zweitens haben die Reds auch talentierte Nachwuchsspieler in ihren Reihen, die auf mehr Spielzeit drängen.

Um wieder die Nummer eins zu werden, hat Pep Guardiola mal wieder seine Schwachstellen in der Verteidigung ausgemacht und den niederländischen Nationalspieler Nathan Aké vom FC Bournemouth losgeeist. Für den Flügel ist Ferran Torres vom FC Valencia, als Ersatz für Leroy Sané geholt worden, der zum FC Bayern gewechselt ist. Die Citizens sind nach dem deutlichen Rückstand auf Liverpool und dem abermaligen Aus im Champions-League-Viertelfinale besonders heiß auf die neue Saison.

Um die weiteren Champions-League-Plätze kämpfen mal wieder Manchester United, Tottenham Hotspur und der FC Arsenal. Die Gunners, die vergangene Spielzeit nur Achter geworden sind. wollen mit Zugpferd Pierre-Emerick Aubameyang und den Talenten aus der Akademie wieder oben anklopfen. Tottenham hat nicht genügend Qualität dazubekommen, um ernsthaft mitzumischen. Bleibt noch United, die weiter auf einen Transfer von Jadon Sancho aus Dortmund hoffen. Und die Wolverhampton Wanderers, die bereits vergangene Saison mit Platz sieben haben aufhorchen lassen, wollen den nächsten Schritt in die Phalanx der Großen machen. Geldsorgen kennen sie dank Investoren aus China nicht.

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