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Nach Remis gegen England – Die Fragezeichen von Wembley

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Von: Frank Hellmann

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Musste sich auch immer wieder mal ärgern: Hansi Flick in der Coachingzone.
Musste sich auch immer wieder mal ärgern: Hansi Flick in der Coachingzone. © IMAGO/ActionPictures

Die Vorbereitung auf die WM ist für die deutsche Nationalelf eigentlich zu kurz, dabei hätte Hansi Flick nach dem 3:3 in England noch viel Arbeit.

Frankfurt – Für einen kurzen Moment sah Thilo Kehrer so ratlos aus wie die vielen Touristen, die das erste Mal auf den Plan der London Unterground blicken. Nur starrte der deutsche Nationalspieler nicht auf verwirrende bunte Linien, sondern bloß in den Nachthimmel über Wembley, dessen gigantischer Stahlbogen gerade rot-weiß-rot leuchtete. Der zu West Ham United gewechselte Verteidiger hatte gefühlt Dutzende von Fragezeichen auf der Stirn, als er mit Schlusspfiff des anfangs zähen, später spektakulären 3:3 gegen England an der Außenlinie verharrte. Da hinterfragte einer mit in die Hüften gerammten Händen den Stellenwert des Länderspiel-Klassikers und den Leistungsstand einer DFB-Auswahl, die sich keine zwei Monate vor der WM in Katar (20. November – 18. Dezember) selbst ein Rätsel geworden ist.

Weshalb auch kaum einer der deutschen Protagonisten – mit Ausnahme des spät eingewechselten Thomas Müller – später in der Mixed Zone etwas sagen wollte. Aber dafür sprach Bundestrainer Hansi Flick. Der 57-Jährige hat in seinem Berufsleben die Erfahrung gemacht, dass er seine Mitmenschen besser erreicht, wenn das Glas noch halbvoll und nicht schon halbleer ist. „Ich bin von Haus aus positiv“, stellte der Heidelberger seiner Grundsatzerklärung aus der Fußball-Kathedrale voran. Und versprach sogleich: „Wenn wir uns am 14. November treffen, gehen wir mit einem positiven Gefühl zur WM. Viele Sachen haben wir gut gemacht.“ Da spielte einer nach dem Wellenbad von Wembley bewusst den Gesundbeter.

DFB-Team vor der WM – die Aufbruchstimmung verfliegt

„Ich bin eher ein Trainer, der die Spieler lieber einen Kopf größer macht. Das bringt am Ende vielleicht den einen oder anderen Sieg mehr.“ Gleichwohl war seine Mannschaft vor dem Abflug in den Oman, wo man sich mitsamt einem Testspiel für die WM auf der Arabischen Halbinsel akklimatisieren will, ein siegreiches Signal schuldig geblieben. Auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff war mächtig verärgert über das verpasste Erfolgserlebnis: Der 54-Jährige spürt, wie die im ersten Flick-Jahr geschürte Aufbruchsstimmung verfliegt.

Das DFB-Team hat von sechs Nations-League-Partien gegen England, Italien und Ungarn nur eines gewonnen – gegen die B-Elf des nicht für die WM qualifizierten Europameisters Italien. Gegen keine Topnation zog die Mannschaft den Plan bislang über die volle Spielzeit durch; das mag im Gegensatz zur WM 2018 diesmal in der Gruppenphase gegen Japan, Spanien und Costa Rica gutgehen, aber schon in einem WM-Achtelfinale gegen Belgien oder Kroatien wäre Deutschland nicht mehr Favorit. Stand jetzt.

Zwar gilt der Fokus zunächst nur dem WM-Auftakt gegen nicht zu unterschätzende, weil enorm selbstbewusste und gut eingespielte Japaner (23. November), aber ein Titelanwärter ist der vierfache Weltmeister mitnichten – dafür steckt zu viel Wundertüte drin.

DFB-Team vor der WM – auf viele Akteure warten englische Wochen bei ihren Clubs

Die Leistungsschwankungen in Leipzig und London waren enorm. Darüber können auch die von Flick herausgehobenen „20 Minuten wirklich guten Fußball“ am Montagabend nicht hinwegtäuschen. Die Lockerheit des Jungspunds Jamal Musiala – zusammen mit Torwart Marc-André ter Stegen und Doppeltorschütze Kai Havertz der einzige Gewinner dieser Länderspiele – ging den meisten Akteuren ab. Das Dilemma: Das Trainerteam hätte eigentlich bis zur Endrunde im Golf-Emirat ganz viel Arbeit, aber Flick hat keine Zeit, mit seinen Spielern zu arbeiten. Auf die meisten seiner Protagonisten wartet jetzt ein Hammer-Herbstprogramm mit 13 Partien in Europapokal, Bundesliga und DFB-Pokal. Nationaltrainer der Topnationen in Europa sind nunmehr nur Beobachter, nicht mehr Gestalter.

Das Einzige, was Flick tun kann: möglichst viele Spiele davon selbst beobachten („Das bin ich den Spielern schuldig“), über eine digitale Plattform („Players Lounge“) verschiedene Inhalte zu teilen und persönliche Gespräche führen. Er will die vorläufig zu nominierenden 50 WM-Kandidaten direkt in Kenntnis setzen – also auch Überraschungsgäste wie Mario Götze oder Niclas Füllkrug. Er riet bereits, „dass jeder Einzelne in dieser Zeit noch an sich arbeitet, für bessere Fitness, Sicherheit, Überzeugung, Passspiel. Da müssen wir noch besser werden. Das ist notwendig.“ Schließlich kam in der ersten Halbzeit kaum ein gescheiter Spielzug im letzten Drittel zustande, weil alles zu ungenau, zu verhalten angelegt war.

Hansi Flick nach Remis gegen England: „Nicht aufzugeben ist das, was wir brauchen.“

Zudem erschreckend, wieso ein 2:0-Vorsprung in diesem Prestigeduell so naiv verspielt wurde. Luke Shaw, Jason Mount und Harry Kane demonstrierten binnen elf Minuten, dass ein Topverteidiger wie Antonio Rüdiger auf deutscher Seite nicht fehlen sollte; einmal mehr verschuldete Vertreter Nico Schlotterbeck ungeschickt einen Strafstoß. Die plötzliche Feierlaune der zeitweise bereits völlig verstummten 78 949 Fans verdarb ein traditionell patzender englischer Keeper in Person von Nick Pope. Flick wusste: „So können wir das besser verkraften als eine Niederlage. Nicht aufzugeben ist das, was wir brauchen.“ Dazu muss die riesige Portion Zuversicht ins Wüstengepäck, dass das umstrittenste WM-Turnier aller Zeiten nicht auch sportlich für Deutschland zum Stimmungstöter wird. (Frank Hellmann)

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