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Enge in Corona-Zeiten: Fans im Wembley-Stadion.
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Enge in Corona-Zeiten: Fans im Wembley-Stadion.

Interview

EM 2021: Entfremdung zwischen DFB-Team und Fans ist groß

  • Jan Christian Müller
    VonJan Christian Müller
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Michael Gabriel, Leiter der deutschen Fanprojekte, spricht über die EM 2021, das DFB-Team und seine Hoffnung für die neue Bundesliga-Saison.

Herr Gabriel, wünschen sich die Fans hierzulande, dass eine Europameisterschaft noch mal in elf Ländern durchgeführt wird?

Auf keinen Fall!

Warum nicht?

Weil der organisatorische und finanzielle Aufwand, die Spiele der eigenen Mannschaft zu verfolgen, viel zu groß ist. Und weil die Verteilung auf so viele Länder es verhindert, dass eine echte Fußballatmosphäre entsteht, bei sich die Fans über drei Wochen hinweg begegnen.

Jetzt ist obendrauf Corona gekommen. Was hat die Pandemie mit der EM 2021 gemacht?

Corona hat sich wie Mehltau auf das Turnier gelegt und es ganz, ganz schwer gemacht, Fan- und Fußballstimmung zu leben. Dazu mussten zu viele Vorschriften eingehalten werden: Tests, Abstandsregeln, Masken tragen. Fußball aber lebt von unmittelbaren Emotionen, auch von körperlicher Nähe. Dem stand Corona massiv im Weg.

Die Maßregelungen wegen Covid-19 waren in jedem Stadion anders. Wie war es auf den Tribünen in München, wo ja Maskenpflicht herrschte?

Nach unseren Beobachtungen haben sich die Fans dort diszipliniert an die Regeln gehalten, sofern sie auf dem Arena-Gelände unterwegs waren. Auf den Plätzen wurden die Masken von der Mehrheit der Leute dann nicht mehr getragen. Dadurch, dass die Abstände meist eingehalten wurden, war das Risiko überschaubar. Es gab dann durchaus Irritationen darüber, dass in anderen Stadien offensichtlich andere Regeln galten.

EM 2021: Bilder aus London und Budapest irritierend

Gab es in München auch Konsequenzen für Maskenmuffel?

Wir haben eine Veränderung beim letzten deutschen Vorrundenspiel gegen Ungarn mitbekommen, die aus unserer Sicht auch durch die politische Debatte beeinflusst war.

Was ist passiert?

Die Ordnungskräfte haben insgesamt einen guten Job gemacht und immer wieder auf die Regeln hingewiesen. Bei der Vielzahl an Fällen, bei denen die Maskenpflicht auf den Sitzplätzen nicht eingehalten wurde, haben sie zunächst nicht eingegriffen, auch, um Konflikte zu vermeiden. Beim dritten Spiel haben wir dann aber ein deutlich strikteres Vorgehen erlebt und mitbekommen, dass Leute aus dem Stadion geführt wurden, weil sie die Maskenpflicht nicht eingehalten hatten.

Erster Fan: Michael Gabriel.

Im Wembley-Stadion lagen sich 65 000 Menschen in den Armen. Hat Sie das irritiert?

England ist ein Hotspot der Deltavariante. Deshalb waren diese Bilder umso irritierender, wie auch die aus Budapest, wo das Stadion schon in der Vorrunde voll ausgelastet sein durfte. Das war Fans, die die Corona-Regeln hierzulande eingehalten haben, in der Tat kaum zu vermitteln. Die fragen sich natürlich, mit Blick auf die Uefa und die Politik, warum das so unterschiedlich gehandhabt wurde.

Deutsche Fans hatten aufgrund der Quarantäne-Bestimmungen praktisch keine Chance, aus Deutschland nach London anzureisen, um beim Achtelfinale in Wembley dabeizusein. Wie ist das aufgenommen worden?

Das war ein wahnsinniger Tiefschlag für alle Fans, die die deutsche Mannschaft seit Jahren begleiten. Dieses Spiel in Wembley wäre für viele ein Höhepunkt in deren Fankarriere gewesen. Dass auf der Insel die Fans der Gastmannschaften aus den jeweiligen Ländern praktisch ausgeschlossen blieben, war für den Fußball ganz grundsätzlich eine Situation, die so niemand haben will.

EM 2021: Distanzierung zwischen DFB-Team und Fans größer geworden

Die Hoffnung von DFB-Manager Oliver Bierhoff vor der EM war ja auch, dass die deutsche Mannschaft ihre Fans mal wieder begeistert. Wie viel dieser Hoffnung ist Realität geworden?

Die Distanz zwischen Mannschaft und DFB auf der einen und Fans auf der anderen Seite, die sich über Jahre aufgebaut hat, ist mit diesem Turnier sicher nicht geringer geworden.

Woran lag das?

Es sind viele Faktoren: der sportliche Faktor natürlich an erster Stelle und auch die Einschränkungen durch Corona, die es dem Verband objektiv schwer gemacht haben, Angebote zu unterbreiten, um wieder ein bisschen näher zusammenzurücken. Es ist ein langer Weg, auf dem viele Maßnahmen notwendig sein werden, damit wieder etwas zusammenwächst.

Weil die Entfremdung so groß geworden ist?

Absolut. Die Entfremdung ist groß. Es gibt mit Blick auf den Verband ja auch ein enormes Glaubwürdigkeitsdefizit. Das wird man nicht von heute auf morgen beheben können. Dazu braucht es unter anderem auch Orte, wo man miteinander in Berührung kommt. Und natürlich braucht es eine Glaubwürdigkeit der höchsten Verantwortungsträger im Verband.

Haben Sie das Gefühl, dass man das im DFB kapiert hat?

Auf der Arbeitsebene ist das sehr wohl verstanden worden. Dort wird auch viel versucht. Aber auf der höchsten Verantwortungsebene finden diese Anstrengungen viel zu wenig Entsprechung.

Was heißt das?

Die Bedeutung der Thematik einer glaubwürdigen, kontinuierlichen und mit ausreichenden Ressourcen versehenen Fanarbeit ist oben nicht angekommen.

EM 2021 und der DFB: Glaubwürdigkeit bei den Fans hat weiter gelitten

Die beiden höchsten aktuellen Vertreter des DFB, Rainer Koch und Peter Peters, waren regelmäßig auf den VIP-Tribünen zu sehen. Sie dienen zwei Herren: dem DFB und den Verbänden Uefa und Fifa. Ist das ein Problem?

In Bezug auf die Glaubwürdigkeit bei den Fans eindeutig ja. Nur ein Beispiel: Dass die Uefa die von den Fans total abgelehnte Champions League-Reform mit der Stimme des DFB-Vertreters Koch beschlossen hat, hat natürlich für massive Kritik gesorgt.

Zur neuen Saison sollen die Stadien laut politischem Entscheid mit höchstens 25.000 Zuschauer:innen, Obergrenze 50 Prozent Auslastung, gefüllt werden dürfen. Ist das zum Wiedereinstieg eine akzeptable Größe?

Unserer Einschätzung nach ja. Zumal die Erfahrungen aus der vergangenen Saison, als zwischenzeitlich eine begrenzte Zuschauerzahl zugelassen war, gezeigt haben, dass die Vereine das mit Blick auf den Gesundheitsschutz sehr verantwortungsvoll gehandhabt haben.

Gästefans waren seinerzeit nicht zugelassen. Erwarten Sie, dass das jetzt in der neuen Saison der Fall sein wird?

Ich würde das sehr begrüßen. Die Erfahrungen der EM in München und die Öffnungen im gesellschaftlichen Leben zeigen, dass das möglich ist. Es gibt aktuell hierzulande ja keine Bewegungseinschränkungen mehr. Deshalb wäre es ganz schwer zu vermitteln, warum das im Fußballkontext nicht auch möglich sein sollte. Es gibt erfreulicherweise eine Reihe von Vereinsvertretern, die sich bereits klar positioniert haben, dass sie Gästefans zulassen wollen. (Interview: Jan Christian Müller)

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