Die DFL und die Kind-Stimme: Fressen statt Moral

Martin Kind unterläuft mit traumwandlerischer Sicherheit 50+1 und verhilft der DFL zu ihrem Investoren-Geschäft. Der Ligaverband hebt scheinbar machtlos die Hände. Ein Kommentar.
Im Zuge der Abstimmung über einen Investoreneinstieg in die Fußball-Bundesliga ist die Debatte um die 50-+1-Regel wieder aufgekommen. Sie besagt, dass deutsche Lizenzvereine mit ihren Mitgliedern zumindest mit 50 Prozent plus einer Stimme die Profiabteilung beherrschen müssen. Man muss kein Moralist sein, um daraus den Schluss zu ziehen: Bei einer derart weitreichenden, strategischen, kulturellen Entscheidung wie dem 20-Jahre-Deal über nahezu eine Milliarde Euro mit einem Private-Equity-Fonds sollte der Verein entscheiden, wie abgestimmt wird, nicht der Vorstand einer Fußball-Kapitalgesellschaft.
Wenn das nicht gewährleistet ist, wie im Fall Hannover 96, wo Geschäftsführer Martin Kind ausdrücklich nicht bestätigen konnte, dass er sich an das Votum des Vereins gehalten hat, indem er gegen einen Investorendeal stimmt, kann man die 50+1-Regel im Grunde auch gleich in die Tonne kloppen. Denn es ging ja hier nicht drum, ob die DFL die Torlinientechnologie mit Firma X oder Y vereinbart, sondern um eine fußballhistorische Abstimmung, die mit dem mindestmöglichen Votum durchgepaukt worden ist.
Martin Kind hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er von der 50+1-Regel rein gar nichts hält. Der erfolgreiche Unternehmer hat das bisweilen mit guten Argumenten unterfüttert, etwa jenem, dass für den VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen als hundertprozentige Fußballtöchter von Großkonzernen Ausnahmeregelungen gelten. Von Wettbewerbsgleichheit kann da keine Rede sein, weshalb das Bundeskartellamt die Causa seit ewigen Jahren hin und herprüft. Mit ein paar halbgaren Kompromissvorschlägen der DFL sind die Wettbewerbshüter erstaunlicherweise einverstanden, aber weil Hasan Ismaik, der Investor von 1860 München, den sich ohnehin wie Kaugummi ziehenden Prozess mit einem Befangenheitsantrag nochmals aufgehalten hat, werkeln die Beamten gemächlich weiter vor sich hin.
Die DFL sieht sich ohnehin nicht in der Lage, Martin Kind für dessen offensichtlich die Anweisung seines Vereins ignorierendes Handeln zu sanktionieren. Sie versucht in diesem Fall auch gar nicht erst, dem rüstigen 79-Jährigen auf den Zahn zu fühlen, wohl auch, weil die geheime Abstimmung ja mit dem knappsten aller möglichen Ergebnisse das von der DFL erwünschte Go für den Milliardendeal gebracht hat.
Insgesamt ist das ein unschöner Prozess, der so gar nicht dazu taugt, bei den organisierten Fans für Vertrauen zu sorgen. Deren routinierte Proteste mit Schokotalern, falschen Geldscheinen und Tennisbällen - mehr Folklore als Drohkulisse - blieben mehrheitlich unter den Worst-Case-Szenarien, die Klubs und DFL befürchtet hatten. So fügt sich wohl, was sich verdächtig wie genau das anfühlt, was der „Kicker“ präzise formuliert hat: Die „Beugung der Rechtschaffenheit“. Klassischer Fall von: Fressen statt Moral.