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Die DFB-Auswahl und die großen Turniere: Damals in Yokohama

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Von: Jan Christian Müller

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Die deutschen Nationalspieler nach dem Remis in London.
Die deutschen Nationalspieler nach dem Remis in London. © Christian Charisius/dpa

Derzeit glaubt kaum jemand an den WM-Titel der deutschen Fußballer, im November kann das natürlich schon längst wieder völlig anders aussehen. Ein Kommentar.

Es war schon immer ein Rühren im trüben Wasserglas, wenn Fans und Medien sich mühten, die Chancen der Unsrigen vor einer Fußball-Weltmeisterschaft einzuschätzen. Eine Voraussage ist, ehrlich gesagt, schier unmöglich, erst recht in diesen Tagen im Frühherbst 2022, in dem ein Winterturnier bevorsteht, für das es keinerlei Erfahrungswerte gibt.

Blicken wir gemeinsam zurück aufs Jahrhundert: Kein Mensch hätte vor der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea geglaubt, dass das zittrig über die Relegation gegen die Ukraine qualifizierte Team von Rudi Völler es bis ins Finale von Yokohama schaffen würde. Dort hatte Deutschland dann Brasilien sogar am Rande einer Niederlage.

Drei Monate vor der WM 2006 im eigenen Land coachte Jürgen Klinsmann die Nationalmannschaft zu einem 1:4 in Florenz gegen Italien. Das ganze Land war außer sich. Nicht wenige hätten den Coach danach auf Nimmerwiedersehen in der Holzklasse von Pan Am one way nach Kalifornien geschickt. Stattdessen flog Klinsmann First Class mit Lufthansa und schaffte es, die wunderbare WM-Stimmung aufzunehmen. Die Fans jubelten die Mannschaft bis auf Platz drei. Ein unvergessenes Sommermärchen!

2010 wurde Michael Ballack unmittelbar vor der Vorbereitung auf die WM in Südafrika im englischen FA-Cup-Finale von Kevin-Prince Boateng in die Klinik getreten. Die Furcht ging um: Ohne den Kapitän würde die Mannschaft führungs- und orientierungslos wohl schon in der Vorrunde schlappmachen. Stattdessen rammte Joachim Löws junge Truppe England und Argentinien aus dem Turnier, verzauberte die Welt und wurde Dritter.

2014 glich das DFB-Team mehr einem Lazarett denn einer fidelen Fußballmannschaft. Im Vorbereitungscamp im Passeiertal schlappten Schweinsteiger, Khedira, Lahm und Neuer öfter in Adiletten herum als in Fußballschuhen. Dazu der Unfall mit einem schwerverletzten Touristen - das alles sah nicht gut an. Mit dem Resultat, dass Deutschland bald darauf Weltmeister wurde.

Als solcher wähnten sie sich vier Jahre später vor dem Turnier in Russland praktisch unschlagbar. Kein Automatismus, der nicht eingeübt war. Aber dann drückten Özil-Erdogan-Affäre, Löws Hochmut an der Laterne in Sotschi und die schlichte Unterkunft in Watutinki derart aufs Gemüt, dass schon nach der Vorrunde Schluss war.

Ernstzunehmende Experten glauben, das Niveau werde in diesem Jahr höher sein als je zuvor, weil die Spieler nicht erschöpft aus einer kompletten Saison herauskommen, sondern voll im Saft stehen. Das tun sie im Grunde aber auch derzeit, Ende September, und niemand kann behaupten, dass die meisten deutschen Spieler deshalb vor Kraft und Selbstvertrauen strotzen würden. Aber im November kann das natürlich schon längst wieder völlig anders aussehen. Wahrscheinlich wird Deutschland Weltmeister.

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