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Die Demütigung

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Von: Jakob Böllhoff

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Total bedient: SC-Trainer Christian Streich.
Total bedient: SC-Trainer Christian Streich. © dpa

Der SC Freiburg ringt nach dem überraschenden 0:6 in Wolfsburg um Erklärungen.

Man sah, wie es in Christian Streich arbeitete, wie es in ihm rumorte. Ein Mann im Infight mit sich selbst. Die Arme verschränkt, die Beine übereinandergeschlagen, saß der Freiburger Fußballtrainer auf seinem Platz im Wolfsburger Stadion. Vor seinen Augen lief noch das Spiel, aber viel bewegender schien inzwischen das zu sein, was hinter den Augen passierte, ruhelos wanderten sie hin und her. Längst entschieden war das Spiel, 4:0 (oder doch schon 5:0?) lag seine Mannschaft, der SC Freiburg, beim VfL Wolfsburg zurück, als Streich sich ins innere Exil zurückzog, um nach außen nicht die Fassung zu verlieren.

Man ahnte: Dieses vulkanische Erlebnis würde exklusiv den SC-Profis vorbehalten sein.

Auch Streich liegt falsch

„Am besten sage ich nichts, dann sag ich nichts Falsches“, sagte Christian Streich später auf der Pressekonferenz. Dieses 0:6 (0:3) in der Autostadt hatte den Fußballlehrer sichtlich erschüttert, zumal nicht damit zu rechnen war. Als Tabellenzweiter hatten die Freiburger die zweimonatige WM-Pause verbracht, die Vorbereitung aufs neue Jahr verlief ohne große Verstimmungen, umso überraschender kam nun dieser Fehlstart in seiner bemerkenswerten Absolutheit. Das erste Gegentor nach exakt einer Minute, das sechste weit in der Nachspielzeit. Runde Sache.

Dass er keine Spielerwechsel zur Pause vornahm, trotz 0:3-Rückstand? „Vollständig falsch“, bilanzierte Streich, „wie alles, was wir gemacht haben – offensichtlich einschließlich mir.“ Immerhin blieben ihm am Samstag die Fragen zur Champions League erspart, die ihn immer so nerven. „Die Demut ist zurückgekehrt, das ist klar“, sagte der 57-Jährige, der auf den Tag genau elf Jahre nach Amtsantritt seine bislang höchste Niederlage als Trainer der SC-Profis erlebte.

Tiefergehende Erklärungen waren von den Freiburgern nicht mehr zu erwarten, bevor sie zurück in den Breisgau fuhren. „Wir haben gut trainiert und hatten eine gute Vorbereitung“, sagte Innenverteidiger Matthias Ginter bei Sky. „Für den Rest der Saison haben wir uns viel vorgenommen und wollten direkt wieder da sein. Das ist aktuell nicht erklärlich.“ Kapitän Christian Günter konnte lediglich dem Kalender etwas Positives abgewinnen: „Zum Glück ist eine englische Woche und wir können am Mittwoch ein anderes Gesicht zeigen.“ Dann ist Eintracht Frankfurt in Freiburg zu Gast, das in der Tabelle genau wie Union Berlin aufgrund des besseren Torverhältnisses am SC vorbeizog, jeweils 30 Punkte haben die drei Teams jetzt.

Kollektiver Systemabsturz

Das ist, losgelöst vom gewaltigen Missgeschick bei aufstrebenden Wolfsburgern, immer noch eine herausragende Zwischenbilanz für die Freiburger, die ja zudem im Achtelfinale der Europa League und auch des DFB-Pokals stehen. Das Nullsechs wird Streich und seine Trainerkollegen als Lehrmaterial dienen, nun können sie der Mannschaft ganz kompakt aufzeigen: hier und da nur ein paar Prozent zu wenig, und wir gehen unter. Zwei Abweichungen von der bestmöglichen Startaufstellung taten in Wolfsburg zudem ein Übriges, um das Freiburger Kollektiv zusammenstürzen zu lassen gegen eiskalte Gastgeber. Vorne fehlte Spielmacher Vincenzo Grifo mit einem Infekt, hinten stand der zuletzt angeschlagenen Philipp Lienhart nur als Einwechselspieler zur Verfügung.

Die Freiburger werden alles dafür unternehmen, dass Grifo und Lienhart gegen die Eintracht wieder von Beginn an spielen können. Und außerdem? „Video machen, anschauen, drüber sprechen“, sagte Christian Streich – „ganz normal“. Nur vielleicht ein bisschen lauter.

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