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Die Demontage des DFB

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Von: Jan Christian Müller

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Beim DFB weht ein rauer Wind.
Beim DFB weht ein rauer Wind. © Arne Dedert/dpa

Vier Präsidenten sind in kurzer Zeit beim Deutschen Fußball-Bund vorzeitig gegangen. Sollte Bernd Neuendorf beim Bundestag gewählt werden, erwartet ihn eine schwierige Aufgabe. Ein Kommentar.

Wer sich die Leute einmal näher anschaut, die im Deutschen Fußball-Bund in den vergangenen Jahren was zu sagen hatten, kann gut erkennen: Sie haben allesamt ordentlich was abgekriegt. Keiner, der sich sein zuvor rechtschaffenes Image nicht ziemlich gründlich versaut hätte.

Theo Zwanziger ging 2012, ermattet von Schiedsrichteraffären, unbelehrbar in Streitigkeiten mit unliebsamen Medien, und wurde zwei Jahre später vom zur Lust-reise in Brasilien versammelten DFB-Präsidium noch einmal kräftig durchbeleidigt, um ihn aus seinen Fifa-Funktionen zu vertreiben.

Nachfolger Wolfgang Niersbach, 2006 nur ein Handlanger des großen Kaisers Franz, zerlegte sich bei seiner denkwürdigen Stammel-Pressekonferenz im Herbst 2015 selbst und trat unter dem Druck der Sommermärchenaffäre zurück, zu deren Aufklärung er keineswegs beigetragen hatte.

Es kam der emsige Reinhard Grindel aus Rotenburg an der Wümme, ebenso verbissen wie verloren um Anerkennung der Bundesliga kämpfend, der sich zum Abschied entschuldigen musste, weil er „Good Governance“ gepredigt und dennoch eine teure Uhr aus der Ukraine angenommen hatte.

Gefolgt von Fritz Keller, dem guten Winzer, aber auch zum Jähzorn neigenden Nervenbündel vom Kaiserstuhl, für den der DFB schnell zum Schleudersitz wurde; der es zwar gut meinte, aber schlecht machte, der eiskalt isoliert wurde und sich schließlich mit seinem Nazi-Richter Freisler-Vergleich gegen Intimfeind Rainer Koch selbst demontierte.

Peter Peters? Netter Kerl!

Auch Peter Peters, der jetzt DFB-Chef werden will, haben 15 Jahre im Präsidium nicht zur Imagepflege gereicht. Ganz im Gegenteil. In der Branche wird der Westfale als Ex-Adlatus sowohl des vormaligen DFL-Chefs Christian Seifert als auch des ehemaligen Schalker Aufsichtsratsbosses Clemens Tönnies wahrgenommen. Netter Kerl, der Peter, aber künftiger erster Mann im DFB? Lieber nicht!

Und schließlich der noch immer amtierende dreifache Interimspräsident Koch selbst, vielfach als (hinter)listiger Strippenzieher ausgemacht, der sich medial behandelt fühlt wie ein Pate der Mafia und so ähnlich in der öffentlichen Wahrnehmung auch beurteilt wird.

Der Vielflieger mit Heimatairport München, für den die Jobs im DFB und der Uefa das Leben bedeuten und der sein Richteramt deshalb gerne an den Nagel hing, ist der klügste und gerissenste und fleißigste und am besten vernetzte deutsche Multifußballfunktionär. Der 63-Jährige ist anderthalb Jahrzehnte schon führend dabei im DFB, hat alle und alles überlebt und wird für das vermurkste Image in zentraler Position verantwortlich gemacht.

Aber er lehnt es ab, dafür eine politische Verantwortung zu übernehmen, geschweige denn eine persönliche. Auch, weil die meisten Kollegen in den mächtigen Landesverbänden ihm zur Seite stehen. Kritiker sagen, das funktioniere vor allem deshalb noch so gut, weil Koch ein Belohnungssystem stütze, das ihm Freundschaften sichere. Aktuell plant er mitsamt Gefolgsleuten, die Honorare fürs Präsidium (je nach Amt zwischen 51 000 und 246 000 Euro im Jahr) wieder in Eigenregie zu regeln und den erst vor drei Jahren etablierten unabhängigen Vergütungsausschuss zu entmachten.

Rainer Kochs Winkelzüge

Es sind solche Winkelzüge, die Koch das Vertrauen vieler Medien und somit auch der Öffentlichkeit und großer Teile der Basis kosten. Es gibt viele ernst zu nehmende Menschen, die ihm unterstellen, für ein vergiftetes Klima im Verband und zwischen DFB und DFL trage er die Hauptverantwortung. Zu viele, als dass diese Schlangengruben-Vorhaltungen kompletter Unfug sein könnten.

Fritz Keller hat nach seiner Wahl im September 2019 vollkommen unterschätzt, dass er konsequent kleingehalten wird. Das sollte seinem designierten Nachfolger Neuendorf besser nicht passieren, und tatsächlich hat es den Anschein, als hätte der unbelastete Quereinsteiger das Format, die schwierige multiple Aufgabe zu wuppen. Es gibt aber auch Leute, die warnen, Neuendorf sei naiv und würde es unterschätzen, wie funktionstüchtig das alte System einem neuen DFB noch im Weg stehe.

Realistisch erscheint eher, dass der baldige Neue an der DFB-Spitze gemeinsam mit der ebenfalls neu aufgestellten Ligaführung Donata Hopfen und Hans-Joachim Watzke eine funktionelle Führung bildet, die sich nicht mehr - wie Rainer Koch und Christian Seifert - in tiefer gegenseitiger Abneigung gegenübersteht und in überflüssigen Streitigkeiten zum gegenseitigen Nachteil verliert. Zu tun gibt es ohnehin genug, nicht nur in dem in seiner gesellschaftlichen Anerkennung bis zur Unsichtbarkeit herabgewirtschafteten DFB.

Denn der deutsche Profifußball droht zunehmend international abgehängt zu werden. Alle ökonomischen Kennzahlen schrumpfen, nicht nur wegen Corona, sondern auch in der weltweiten Wahrnehmung einer Liga, in der viele kleine regionale Marken überperformen und reichweitenstarke, aber sportlich schwache Traditionsklubs verdrängt haben.

Und auch deshalb, weil die Deutsche Fußball-Liga in den langen letzten Monaten vor dem endgültigen Abschied des vormals dynamischen DFL-Bosses Seifert wie gelähmt wirkte. Die Verzwergung ist im vollen Gange, kluge Leute haben das längst erkannt. Sie müssten nun nur gehört werden.

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