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Vorneweg in den Untergang: Kapitän Hans Günter Becker führt das legendäre Pleitenteam von Tasmania Berlin auf den Platz.
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Vorneweg in den Untergang: Kapitän Hans Günter Becker führt das legendäre Pleitenteam von Tasmania Berlin auf den Platz.

Negativ-Rekord

Die besten Verlierer

  • Frank Hellmann
    vonFrank Hellmann
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Warum Hans-Günter „Atze“ Becker, ehemaliger Kapitän von Tasmania Berlin, auch mit 82 Jahren entspannt bleibt, wenn ihm der FC Schalke 04 den Bundesliga-Negativ-Rekord entreißen sollte.

Der Schalk sitzt Hans-Günter Becker auch mit 82 Jahren noch fest im Nacken. Seine Stimme klingt klar, seine Erinnerungen kramt er sich wie aus einem gut sortierten Aktenregal in einzelnen Abfolgen hervor. Oft genug hat der ehemalige Kapitän von Tasmania Berlin die Episoden erzählt, die sich vor 55 Jahren abgespielt haben. Etwa die, wie er das schlechteste Bundesligateam der Geschichte nach dem letzten Spiel der Saison 1965/66 in einem großen Kreis versammelte.

Die fürwahr furchtbare Bilanz: 15:108 Tore, 8:60 Punkte. Doch der Mannschaftsführer rief: „Männer, wir haben nach dem Mond gegriffen und wir wussten doch, dass wir ihn nie erreichen, aber denkt dran: Wir waren zwischen all diesen Sternen.“ Der Vergleich kam gut an. Was der von allen nur „Atze“ genannte Kapitän den Kameraden sagen wollte: „Zehntausende Fußballer träumen doch davon in der Bundesliga zu spielen. Wir haben es geschafft.“

Das Kapitel endete am 28. Mai 1966 nach einem 0:4 beim FC Schalke 04. Eine bessere Brücke in die Gegenwart kann kein Märchenerzähler bauen. Die heutigen Schalker sind nah dran, ebenfalls 31 sieglose Spiele aneinanderzureihen. Nur das Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim am Samstag steht noch dazwischen.

Die tapferen Tasmanen haben sich seit zwei Jahrzehnten in stolzem Gedenken an ihre eigentlich gar nicht so rühmlichen Taten immer am 11. 11. um 11. 11 Uhr zum Eisbeinessen verabredet: „Damit den Termin auch die Ältesten von uns nicht vergessen“, feixt Becker. Nur im vergangen Jahr musste wegen Corona das gesellige Beisammensein ausfallen. Aus der einstigen Stammelf würden nur noch fünf seiner Mitstreiter leben; Hans-Joachim „Jockel“ Posinski, 89, ist jetzt der Älteste. Nicht allen geht es noch so gut wie Becker, der zwar vor einiger Zeit einen Herzschrittmacher brauchte, aber jede Woche zwei-, dreimal raus zum Joggen geht.

Von seiner Wohnung in Tempelhof-Schöneberg sind es knapp fünf Kilometer zum Werner-Seelenbinder-Sportpark in Berlin-Neukölln, wo heute der SV Tasmania die Versagergeschichte vor allem zu Marketingzwecken nutzt. Ganz korrekt ist das nicht, denn der SC Tasmania 1900 wurde mit dem Konkurs 1973 aufgelöst. Der traditionsreiche Berliner Fußballklub aus dem Westberliner Stadtteil Rixdorf (heute Neukölln) hatte 1964 zwar an der Aufstiegsrunde teilgenommen, kam aber ein Jahr später zur Bundesliga wie die Jungfrau zum Kinde. Wegen des Verstoßes gegen die Statuten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) wurde Hertha BSC die Lizenz entzogen. Unerlaubte Handgelder, überhöhte Gehälter.

Berlin aber war eingemauert, und ohne einen Repräsentanten sollte die Liga nicht starten. Die meisten Tasmania-Spieler befanden sich im Urlaub, als sie die Kunde vom unverhofften Aufstieg erreichte. Becker erfuhr es beim Ostsee-Urlaub am Strand von Scharbeutz. Ihn wies einer beim Boccia-Spielen darauf hin, warum er nicht schon zuhause sei. Im Radio sei durchgesagt worden, die Fußballer sollten heimkommen. Der Kapitän rief beim Präsidenten an: “Wat soll denn das jetzt? Ick hab‘ noch 14 Tage Urlaub. Nun mal langsam mit den jungen Pferden!“ Er ist dann noch eine Woche an der Ostsee geblieben. „Ich hatte ja bezahlt!“

Er konnte auch nichts mit dem Vorschlag anfangen, seine Stelle als Verwaltungsangestellter beim Landesamt für Mess- und Eichwesen aufzugeben. Er hat schließlich für neun Monate halbtags gearbeitet, aber hatte seinem Chef zuvor versichert: „Sie können sich darauf verlassen, nach der einen Saison ist wieder Schluss mit der Bundesliga.“

Dafür brauchte es aus seiner Sicht damals keine prophetische Gabe. „Wir hatten zwar eine gute Mannschaft, aber die war längst über dem Zenit. Die meisten von uns waren 30 Jahre und älter.“ Erschwerend kam hinzu: Der in jenen Zeiten sehr überschaubare Spielermarkt war abgegrast, zudem schreckte die Insellage Berlins ab. Der einzige prominente Neuzugang kam aus Italien, Horst Szymaniak, ein schlichtes Gemüt mit dem passenden Charakter. Als Tasmania Tabellenletzter war, sagte der Nationalspieler einem Reporter: „Wunderbar, wir peitschen die gesamte Liga vor uns her.“

Dabei sollte es reichlich Niederlage hageln, die höchste in der Rückrunde einmal zuhause 0:9 gegen den Meidericher SV. In den Annalen steht auch das Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Weil es vor nur 827 Zuschauern in der verwaisten Betonschüssel des Olympiastadions stattfand. „Wir waren die Erfinder der leeren Stadien“, erzählt Becker und erinnert sich mit Grausen an den Vorboten der Geisterspiele: „Wir standen wie kleine Salzmännchen auf dem Rasen.“

Dabei hatte alles so schön angefangen. 14. August 1965. Erster Spieltag. Mehr als 81 000 Menschen strömten gegen den Karlsruher SC herbei, nicht nur der Stadtteil war neugierig. Becker sprach übers Mikrofon, das hätte er gar nicht machen müssen. „Die Zuschauer standen wie ein 12. und 13. Mann hinter uns.“ Nach dem 2:0-Erfolg beschimpften die Mitspieler ihren Mittelfeldspieler: Becker hatte gegenüber dem Vorstand den Vorschlag abgelehnt, bei den Grundgehältern – damals 1200 D-Mark – runterzugehen, um an höhere Prämien zu kommen. „Der Unmut hat sich schnell gelegt. Nach einem Drittel der Saison sind sie mir beinahe um den Hals gefallen.“ Er erzählt das im besten Berlinerisch und lacht wieder laut.

Da hat einer seinen Frieden mit der Fußballgeschichte gemacht. Becker ist unendlich stolz, gegen Uwe Seeler vom Hamburger SV nicht nur in der Bundesliga, sondern schon in den früheren Städtespielen angetreten zu sein. Einmal nach einem Pokalspiel gegen den 1. FC Köln, als Tasmania ein Wiederholungsspiel erzwang, hat er Wolfgang Overath frech zu verstehen gegeben, ihn gar nicht zu kennen – dabei bewunderte er ihn den ganzen langen Weg in die Kabine.

Wenn Becker zum Wochenende nach Gelsenkirchen blickt, dann hat er fast Mitleid. Er kenne das aus eigener Erfahrung: Nach vielen Niederlagen tief im Sumpf stecken, jedes Spiel ein verzweifelter Schritt, mit dem man nur weiter versinkt. Einen Rat hätte er noch: „Sie müssen endlich anfangen, um ihr Leben zu ackern.“ Er vermutet daher, dass Tasmania das Alleinstellungsmerkmal jetzt einbüßt, aber er verspürt deswegen keine Wehmut. „Wir haben ja noch ein paar Rekorde.“ Und eines wird ihm niemand nehmen: das gute Gefühl, trotz allen schlechten Zahlen. „Wir haben das gar nicht so negativ betrachtet, sondern uns als bester Verlierer aller Zeiten gesehen.“

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