1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Die beste Szene vor dem Anpfiff

Erstellt:

Von: Jan Christian Müller

Kommentare

Wollen sich nicht den Mund verbieten lassen: die deutschen Fußball-Nationalspieler.
Wollen sich nicht den Mund verbieten lassen: die deutschen Fußball-Nationalspieler. © AFP

Die DFB-Spieler protestieren beim Mannschaftsbild mit einer Maulkorbgeste gegen die Fifa. Anschließend entgleitet ihnen der WM-Auftakt in Katar – das Spiel gegen Japan geht nach Führung noch mit 1:2 verloren

Antonio Rüdiger stand noch weit nach Schlusspfiff wie festgewachsen im japanischen Strafraum. Manuel Neuer, der zuvor verzweifelt in die Offensive gewechselte deutsche Torwart, nicht weit von ihm. Die Enttäuschung hätte nicht größer sein können. Denn nach einer 1:0-Führung durch Ilkay Gündogans Strafstoß verlor das DFB-Team zum WM-Start noch 1:2 gegen lange chancenlose Japaner. Deren Jubel und der ihrer zahlreichen Fans geriet schier grenzenlos. Denn die beiden Bundesligaspieler Ritsu Doan und Takuma Asano drehten eine Partie in der Schlussphase, in der Deutschland lange alles im Griff zu haben schien – ehe Fahrlässigkeit für eine Niederlage sorgte, die den Druck für das zweite WM-Spiel am Sonntag (20 Uhr) gegen Spanien ins schwer Ermessliche wachsen lässt.

Dabei hatte alles so gut angefangen: Es war ja fast mit genauso viel Spannung erwartet worden wie der Spielausgang, ob den deutschen Fußballern irgendetwas einfallen würde, das als Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen in Katar interpretiert werden könnte. Und tatsächlich: Beim obligatorischen Mannschaftsfoto vor dem Anpfiff hielten sich die elf Startspieler allesamt den Mund zu. Das Foto mit der Maulkorbgeste dürfte um die Welt gehen. Keine schlechte Idee der zuletzt vielgescholtenen Spieler. Der DFB veröffentlichte bald darauf auf Twitter die Botschaft zum Bild: „Uns die Binde zu verbieten, ist wie den Mund verbieten. Unsere Haltung steht.“

Das Spielfeld im weiträumigen Khalifa International Stadium lag bei Spielbeginn schon komplett im Schatten, derart viel Schatten, dass Kai Havertz wie gewohnt im langärmligen Trikot unterwegs war. So ließen sich die 27 Grad doch bestens aushalten. Auf der Medientribüne blies zu allem Überfluss die Klimaanlage in vollen Zügen. In den fast strafraumgroßen Coachingzonen hatten die Trainer genügend Raum für Steigerungsläufe. Sie nutzten ihn beide weidlich.

Das Zwitschern der Vögel

Alsdann hatten die Deutschen im Grunde alles im Griff. Die Japaner, bei denen der Frankfurter Daichi Kamada sich lange weitgehend unsichtbar verhielt, trauten sich kaum einmal in die Nähe des deutschen Strafraums. Bei Ballbesitz des DFB-Teams wurde es auffällig ruhig in dem monströsen Oval. Die paar Tausend deutschen Fans waren gegenüber denen Japans deutlich in Unterzahl und schienen nicht viel Lust zu verspüren, sich hörbar zu machen. Man hörte phasenweise die Vögel auf der Dachkonstruktion zwitschern. Zwischendurch kam mal ein zartes „Auf geht’s, Deutschland, schießt ein Tor“ zustande, das aber nach 20, 25 Sekunden wieder erstarb, möglicherweise war das der Fantasielosigkeit des Schlachtgesangs geschuldet.

In Führung ging das DFB-Team dann vor allem, weil der japanische Torwart Shuichi Gonda sich reichlich ungeschickt verhielt, als er den vor ihm auftauchenden deutschen Linksverteidiger David Raum gleich zweimal packte. Das war mindestens einmal zu viel. An dem Strafstoß gab es eigentlich keinen Zweifel, aber gerade, als Gündogan den Elfmeter ausführen wollte, wurde auf den Videowänden der Entscheid nach Rücksprache mit dem Videoassistenten eingeblendet: „Penalty“. Die in Fußballfachfragen offenbar überforderten Fans Japans reagierten mit kollektiven Überraschungslauten. Gündogan ließ sich nicht stören und erzielte das 1:0 (33.) vom Punkt. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit dachte Havertz eine Zeit lang, er hätte das 2:0 erzielt. An der Abseitsstellung gab es aber so wenig Zweifel, dass es überraschte, wie lange die VAR-Entscheidung dauerte.

Schlotterbeck verschätzt sich

Nach der Pause wurde Japan mutiger. Deutschland mit dem auffälligen Antonio Rüdiger hinten drin verteidigte zunächst recht stabil, vorn traf der gute Gündogan zwischendurch mal den Außenpfosten, Serge Gnabry scheiterte mehrfach am Torwart, und Jamal Musiala fiel manchmal positiv auf. Dann musste Manuel Neuer erstmals ran. In der 73. Minute entschärfte der Torwart einen Schuss von Junya Ito bravourös. Kurz darauf wehrte er zunächst in höchster Not ab, ehe der gerade eingewechselte Freiburger Ritsu Doan zum Ausgleich abstaubte.

Hansi Flick reagierte, brachte Mario Götze und Niclas Füllkrug. Aber kaum waren die beiden Routiniers auf dem Feld, oh weh: Nico Schlotterbeck unterschätzte einen langen Ball, der immer länger wurde, fahrlässig, der Bochumer Takuma Asano schlawinerte sich vorbei und traf ins kurze Eck (83.). In der siebenminütigen Nachspielzeit versuchte Füllkrug noch, einen Strafstoß zu schinden. Rüdigers Verzweiflungsschuss aus fast 30 Metern rollte zehn Meter neben dem japanischen Tor ins Aus. Goretzkas Dropkick rauschte knapp vorbei. Und Neuer stürmte ohne Erfolg.

Zu langsam: Nico Schlotterbeck (li.) lässt den japanischen Siegtorschützen Takuma Asano gewähren. dpa
Zu langsam: Nico Schlotterbeck (li.) lässt den japanischen Siegtorschützen Takuma Asano gewähren. dpa © Tom Weller/dpa

Auch interessant

Kommentare