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Die Alte Dame atmet schwer

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Von: Jan Christian Müller

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Hat die Lage noch ganz gut im Griff, auch wenn kaum jemand verstand, weshalb er jetzt in die Staaten reisen musste: Fredi Bobic.
Hat die Lage noch ganz gut im Griff, auch wenn kaum jemand verstand, weshalb er jetzt in die Staaten reisen musste: Fredi Bobic. © dpa

Corona erklärt die hohe Niederlage gegen Leipzig, aber nicht die Krise - die liegt sehr viel tiefer begründet.

Unter anderen Umständen würde in Berlin jetzt darüber debattiert, wer der dritte Trainer in dieser Saison werden könnte. Nach Pal Dardai und Tayfun Korkut. Letzterer hat seit Dienstantritt Ende November die durchschnittliche Punkteausbeute seines Vorgängers (1,08) noch unterboten (0,9). Aber das 1:6 (0:1) gegen RB Leipzig vom Sonntag hat Korkut mitnichten zu verantworten. Es fehlten acht Profis wegen Corona-Infektionen, die Hertha hielt dennoch lange mit, hatte den 2:1-Führungstreffer auf dem Fuß - und brach erst ein, als Abwehrchef Marc-Oliver Kempf wegen einer Notbremse vom Platz gestellt wurde.

Aber die Probleme bei der schwer atmenden Alten Dame - vor den Spielen in Freiburg und gegen Eintracht Frankfurt inzwischen nur noch einen Punkt vor dem Relegationsplatz - liegen tiefer. Sportlich, weil in sechs Rückrundenpartien kümmerliche fünf Treffer herumkamen. Und atmosphärisch, nachdem Großinvestor Lars Windhorst in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin „Capital“ das tat, was man im Jargon als „sich mal so richtig auskotzen“ bezeichnet. Er habe „darauf gesetzt, dass bei Hertha rational und in die Zukunft denkende Leute das Sagen haben, die auch nachhaltig den Erfolg wollen“, in Wahrheit gehe es aber vor allem um „Machterhalt und Klüngelei“.

Bobics umstrittener US-Trip

Leute, die den Verein seit vielen Jahren begleiten, sind sich sicher, dass Windhorsts öffentliche Attacke dem 2020 mit nur sehr knapper Mehrheit im Amt bestätigten Präsidenten Werner Gegenbauer, 71, gewidmet ist. Und nicht etwa dem im Sommer mit vielen Vorschusslorbeeren empfangenen Sportchef Fredi Bobic. Der Amerika-Liebhaber musste sich zuletzt einiges an Kritik gefallen lassen, weil er mitten in der Saison lieber das Super Bowl in Los Angeles vor Ort begutachtete als die 1:2-Niederlage beim Schlusslicht Greuther Fürth.

Es ist fürwahr eine ungünstige Gemengelage beim sich gerade mal wieder selbst verzwergenden Big City Club. Bobic hält nach wie vor zu seinem alten Spezi Korkut - „Es gibt bei ihm null Aktionismus, sondern stets einen klaren Plan“ - und damit natürlich auch zu sich selbst. Bobic hat den Klub ziemlich auf links gedreht, das war an vielen Teilen auch notwendig. Die notorische Unruhe im Umfeld hat er mit professioneller, anders als in Frankfurt auch den regionalen Medien zugewandter Öffentlichkeitsarbeit ganz gut im Zaum halten können.

Aber natürlich muss bei der Hertha sportlich und atmosphärisch Stabilität Einzug erhalten, in keinem anderen Bundesligaklub ist die Stimmung derzeit wahrscheinlich mieser und labiler als in Berlin-Charlottenburg. Vergangene Saison trotzte man den Widrigkeiten. Nach schlimmen Corona-Ausbrüchen im Kader mit darauffolgenden Spielausfällen schaffte die Hertha in fünf Spielen binnen 13 Tagen den Klassenerhalt. Aber da war der Trainer noch ein anderer. Und die Mannschaft auch.

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