1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Didier Deschamps - der pragmatische Stratege

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Frank Hellmann

Kommentare

Didier Deschamps könnte in die Fußstapfen von Mario Zagallo und Franz Beckenbauer treten.
Didier Deschamps könnte in die Fußstapfen von Mario Zagallo und Franz Beckenbauer treten. © rtr

Mehr Kämpfer als Künstler, mehr Kauz als Komiker: Frankreichs Trainer Didier Deschamps sollte man nicht unterschätzen.

Es mag ja sein, dass die Bilder nicht mehr den Glanz früherer Tage besitzen. Aber wer bei einer Radtour im Elsass Einkehr abseits der Touristenroute sucht, entdeckt manchmal neben der Theke ein leicht vergilbtes Farbfoto. Schaut man näher hin, erkennt man Frankreichs Fußball-Nationalmannschaft von 1998 auf dem Bild. Ganz links zu sehen ist der lächelnde Zinedine Zidane, der vielleicht schon ahnt, dass er im anstehenden WM-Finale zwei Tore schießen würde. Neben ihm Marcel Desailly, mit strengem Blick.

Dafür schaut Franck Leb?uf fast aus dem Bild heraus. Die untere Reihe wirkt ähnlich ungeordnet: Christian Karembeu geht gar nicht richtig in die Hocke, Youri Djorkaeff hat lässig die linke Hand auf der Schulter von Didier Deschamps, der wiederum Torwart Fabien Barthez halb verdeckt. Und wer bitte hat die Hand auf dem Knie des Keepers? Linksverteidiger Bixente Lizarazu.

Diese Elf, die am 12. Juli 1998 mit einem 3:0 gegen Brasilien den WM-Titel holte und das ganze Land in einen Ausnahmezustand versetzte, galt als Sinnbild für Zusammenhalt. Die Bedeutung von „BBB“, Black Blanc Beur, wie Franzosen über Schwarze, Weiße und Araber sagen, fehlte in keiner Beschreibung.

Das leicht anarchisch anmutende Mannschaftsfoto aus dem Stade de France bildet die verschiedenen Charaktere ab. Und es zeigt anschaulich: Derjenige, der den Laden zusammengehalten hat, war die Nummer sieben in der Mitte. Mit dem Wimpel in der rechten Hand und der Kapitänsbinde am linken Arm: der heutige Nationaltrainer Deschamps.

20 Jahre und drei Tage später kann der aus Bayonne im Baskenland stammende 49-Jährige in die Fußstapfen von Mario Zagallo und Franz Beckenbauer treten, um als Spieler und Trainer den Goldpokal zu empfangen. Seine Rolle sei aber einen andere, sagt Deschamps: „Wenn ich in die Augen meiner Spieler sehe, fühle ich mich noch mehr verantwortlich.“

Beinahe dankbar zeigte sich der „General“ im Vorlauf zum WM-Finale gegen Kroatien (Sonntag 17 Uhr MESZ/ ZDF) für die Frage, ob er seine Mannschaft mit der Geschichte vor 20 Jahren konfrontiere. „Man muss immer in seiner Zeit leben. Ich habe nie, nie, nie davon erzählt. Sie kennen die Bilder, aber manche waren damals noch nicht einmal geboren.“ Dann grinste er so schelmisch wie Louis de Funés.

Dabei ist er mehr Kauz als Komiker. Wie er früher mehr Kämpfer als Künstler war, Typ pragmatischer Stratege. Sein Credo bekam er bei Juventus Turin eingeimpft: Der Erfolg war ihm immer das Wichtigste. Wer über den Defensivstil im Halbfinale gegen Belgien lästerte, sollte die Offensivgala im Achtelfinale gegen Argentinien nicht vergessen. 1:0 oder 4:3: Deschamps’ Garde kann beides. Das 4-3-3-System ist auf dem Platz viel flexibler, als es auf dem Papier aussieht.

Nur: Sollte Deschamps wie bei der EM 2016 im eigenen Land gegen den Außenseiter Portugal auch bei der WM 2018 in Russland gegen den Außenseiter Kroatien verlieren, dürften die Rufe nach Zinedine Zidane laut werden. Vermutlich sehr laut.

„Zizou“ weiß auf Vereinsebene als Trainer ja bestens, wie große Endspiele zu gewinnen sind. Im Erfolgsfall muss Deschamps für sich abwägen, was er noch erreichen kann. Schon jetzt hat der streng erfolgsorientierte Sélectionneur nach 82 Länderspielen eine bessere Bilanz als seine Vorgänger Michael Hidalgo (1976 bis 1984) und Raymond Domenech (2004 bis 2010), der die Skandale bei der WM 2010 zu verantworten hatte. Bis heute taugt die Équipe Tricolore deswegen nicht uneingeschränkt als Identitätsstifter, auch wenn das der nun auch in Moskau weilende Staatspräsident Emmanuel Macron gerne hätte.

Der mittlerweile wieder sehr asketisch gewordene Monsieur Deschamps – sein bei Amtsantritt 2012 üppiges Wohlstandsbäuchlein hat er abtrainiert – vertraut einem „moralischen Pakt“ mit seinen Akteuren. Selbst der Super-Egomane Paul Pogba ordnet sich dem „Leitgedanken“ (Abwehrspieler Raphael Varane) unter. „Der Trainer hat schon einen Stern“, sagt der Antreiber Pogba als einer von fünf Anführern, mit denen Deschamps das Wichtigste bespricht.

14 Akteure spielen in Russland gerade ihre erste WM. „Ich habe sie nominiert, weil sie die Qualität haben“, sagte der Nationalcoach vor dem Auftaktspiel, das Frankreich gegen Australien (2:1) nur mühevoll gewann. Pogba spitzelte den Ball in einem letzten Kraftakt unter die Latte. Vor dem Achtelfinale gegen Argentinien kitzelte er seinen Himmelsstürmer Kylian Mbappé mit der Ansage, er habe noch nicht das Niveau von Lionel Messi. Prompt machte der 19-Jährige das Spiel seines Lebens. Vor dem Viertelfinale gegen Uruguay (2:0) ließ er wissen, selbst Akteure wie Antoine Griezmann, immerhin schon 27, seien „noch Lehrlinge“. Dabei zog Deschamps doch einen Quervergleich zu 1998: „Bei unserem Titelgewinn waren wir alle nahezu 30 Jahre alt.“ Aber nun noch vier weitere Jahre warten, will niemand in Frankreich. Es braucht zudem mal ein neues Bild an manch alter Tapete.

Auch interessant

Kommentare