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Didier Deschamps: Der Realist

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Von: Frank Hellmann

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Für Didier Deschamps gehören viele Puzzleteilchen zum Erfolg.
Für Didier Deschamps gehören viele Puzzleteilchen zum Erfolg. © afp

Frankreichs Trainer Didier Deschamps kann bei dieser WM etwas erreichen, was es im Fußball lange nicht mehr gab

Didier Deschamps trug ein weißes T-Shirt, darauf der französische Hahn. Im Licht der Scheinwerfer schimmerte sein Haar silbergrau, als der 54-Jährige kurz die Miene verzog, weil es eine Rückkopplung mit der Tontechnik gab. Doch dann konnte sein Part bei der Pressekonferenz zum WM-Halbfinale zwischen Frankreich und Marokko (Mittwoch 20 Uhr/ZDF) starten. Zur Mittagszeit im „Virtual Stadium“ des Qatar National Convention Center (QNCC) griff beim Weltmeister die gewohnte Arbeitsteilung. Eine Viertelstunde lang hatte Kapitän Hugo Lloris mit Plattitüden die Journalisten ein wenig ermüdet, ehe der Cheftrainer den zweiten Teil des Pflichttermins abarbeitete. Rational, nicht emotional. Ganz der Spielweise seiner Mannschaft entsprechend.

Dem Taktiker Deschamps schien es sehr recht, viel nach Marokko gefragt zu werden, um artig Komplimente anzubringen: „Sie wären nicht im Halbfinale, wenn sie nur ein defensives Team wären. Sie sind sehr gut organisiert, haben gute Angreifer.“ Gegen die beste Abwehr werde man sich anstrengen müssen. „Bislang hat keiner eine Lösung gegen sie gefunden. Ich hoffe, wir finden eine“, sagte Deschamps, der mitunter ungewollt Grimassen schneidet, die an den legendären Komiker Louis de Funes erinnern, der 1983 in Nantes verstarb. Im selben Jahr startete Deschamps seine Profikarriere beim FC Nantes.

Seine Vita als Spieler nötigt bis heute jedem selbstverliebten Jungstar der Franzosen Respekt ab. Die Titelsammlung auf Vereinsebene krönte 1993 der Gewinn der Champions League mit Olympique Marseille. 1998 empfing er als Kapitän von „Les Bleus“ bei der Heim-WM den Goldpokal. Dass er 2018 als Trainer diesen Coup wiederholte, macht ihn zur Legende. Nun ist sein Team nur noch zwei Schritte davon entfernt, den WM-Titel zu verteidigen, was zuletzt Brasilien 1962 schaffte. Deschamps weiß das, aber nach dem glücklich gewonnenen Viertelfinale gegen England hat ihn das ebenso wenig interessiert wie vorher der Fluch der Weltmeister. Nur weil Italien, Spanien und Deutschland früher strauchelten, muss ihm das ja in Katar nicht passieren. Er ist Realist durch und durch. Vor der WM hatte es noch geheißen, ihn würde bald Zinedine Zidane ablösen, nun soll er seinen Vertrag verlängern. Alles für den Sélectionneur kein Thema, der viel zu sehr in seine Arbeit vertieft ist.

Bescheiden und konservativ

Auch wenn er nicht mehr mitspielt, scheint Deschamps noch immer der heimliche Lenker und Denker der Equipe Tricolore. Seit seinem Amtsantritt 2012 fordert der „General“ gewisse Grundwerte ein: Wer sich mit vollem Einsatz einbringt, kann auch eine Menge Spaß haben. Als Beleg dienten die offenen Trainingseinheiten im Stadion des Al Sadd Sports Club. Erfreut rief er ein lautes „Voilà“, wenn Olivier Giroud oder Antoine Griezmann nach Flanken von Kylian Mbappé oder Ousmane Dembélé die Bälle ins Netz schmetterten. Bei den vier Musketieren ist die Rückversetzung von Griezmann als Spielmacher die wichtigste Veränderung gegenüber 2018.

Deschamps hat ein Faible dafür, mit ein und derselben Elf anzutreten – es sei denn, es geht wie gegen Tunesien (0:1) um nichts mehr. Sein konservativer Ansatz schlägt sich auch in der Ausrichtung nieder. Mit einem Hochgeschwindigkeitsangreifer wie Mbappé könnten die Franzosen noch viel öfter aufs Gaspedal drücken, aber Kritik an seiner zu pragmatischen Ausrichtung konterte Deschamps erneut mit einem schlagkräftigen Gegenargument: „Es ist unser Stil, um die Spiele zu gewinnen.“ Natürlich ficht ihn nicht an, dass der Gegner eine extreme Unterstützung im Al Bayt erfährt. „Das schießt noch keine Tore!“ Und immerhin schickt die Grande Nation mit Emmanuel Macron den Staatspräsidenten raus ins Wüstenzelt nach Al Khor.

Ziemlich am Ende der Pressekonferenz wurde Deschamps am Dienstag gefragt, wie er es eigentlich schaffe, sich zehn Jahre als Nationaltrainer zu halten. Die Antwort war nicht in einen Satz zu fassen. Erstens brauche es Weltklassespieler, das sei mal die Grundvoraussetzung. Zweitens ein guter Teamspirit. Danach gebe es noch viele Details, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Wen Deschamps nicht erwähnte: sich selbst. Vielleicht ist das die Erklärung: sich einfach nicht zu wichtig zu nehmen. Kurz danach stand er auf – und kratzte sich am Kopf.

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