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Aus dem Buhmann Gündogan ist der Kapitän Gündogan geworden

Kommentar

Die Wende zum Guten

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Ilkay Gündogan und der DFB haben wieder zueinander gefunden, aus dem Buhmann Gündogan ist der Kapitän Gündogan geworden. Ein Kommentar.

Erinnern wir uns gemeinsam: Mitte Juni in Leverkusen, die Weltmeisterschaft in Russland stand vor der Tür, kam es zu einem letzten Testspiel (gegen Saudi-Arabien) vor dem Abflug nach Moskau. Nach einer knappen Stunde wechselte der Bundestrainer Ilkay Gündogan ein. Der Mittelfeldspieler hatte es noch gar nicht auf den Platz geschafft, als die Pfiffe schon einen schmutzigen Lärmteppich über die Arena legten. Joachim Löw ruderte erregt mit den Armen, er sah Unheil auf den Spieler zukommen - und damit auf die ganze Mannschaft. Die monumentale Dimension erfasste er erst später, so spät, dass es dann zu spät war.

Tatsächlich wurde Ilkay Gündogan vom deutschen Publikum an diesem Sommerabend so unbarmherzig begleitet wie nie ein Nationalspieler zuvor. Die Pfiffe begannen schon, wenn der Ball nur in seine Richtung rollte und wurden bei jeder Berührung zum Sturm. Einmal, als er von einem Gegenspieler rüde gefoult wurde, gab es sogar hämischen Beifall.

Gündogan bekam es von links und rechts. Die einen mochten nicht verzeihen, dass er sich einen Monat zuvor mit Erdogan, dem türkischen Despoten im Gewand des gütigen Präsidenten, getroffen und diesen Termin nicht öffentlich ausreichend bereut hatte. Die anderen hatten einen willkommenen Anlass gefunden, im Schutz der Masse ihren Ressentiments gegen Türken freien Lauf zu lassen. In diesem Sandwich wurde Gündogan so gnadenlos erdrückt, dass er bald seine Balance verlor – und sie auch in den Wochen danach in Russland nie wiederfand.

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Glücklicherweise ist das Kapitel Gündogan nicht so abrupt und unverrückbar für beendet erklärt worden wie das des ebenfalls in Gelsenkirchen geborenen jahrelangen Vorzeige-Deutschtürken des DFB Mesut Özil. Gündogan und der DFB haben bald wieder zueinander gefunden, und auch die kollektive Wut des geifernden Mobs ist verraucht.

Neun Monate später in Wolfsburg ist aus dem Buhmann Gündogan der Kapitän Gündogan geworden. Joachim Löw hat ein feines Gespür bewiesen, indem er dem Mittelfeldspieler zur Pause, als Manuel Neuer ausgewechselt wurde, die Binde zuwies. Gündogan sagte später, er habe in diesem Moment Stolz empfunden. Dass es so weit überhaupt gekommen sei, bezeichnete er als „kuriose Wende, wenn man bedenkt, was in den letzten Monaten so abgelaufen ist“. Schön, dass es solche Wenden zum Guten noch gibt in einer Welt, in der sich vieles zum Schlechten dreht.

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