1. Startseite
  2. Sport
  3. Fußball

Sieg gegen Italien: Fünf Tore und zweimal das Prinzip Hoffnung

Erstellt:

Von: Jan Christian Müller

Kommentare

Stets bemüht, aber auch sichtbar verunsichert: Leroy Sané (hinten) attackiert den Italiener Nicolo Barella.
Stets bemüht, aber auch sichtbar verunsichert: Leroy Sané (hinten) attackiert den Italiener Nicolo Barella. © dpa

Bundestrainer Hansi Flick hat gegen Italien das Leistungsprinzip erfolgreich außer Kraft gesetzt - Leroy Sané und Timo Werner stehen weiter auf dem Prüfstand.

Es war ja schon so etwas wie der Untergang des Abendlandes ausgerufen worden von einigen Kommentatoren nach dem 1:1 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft am vergangenen Samstag in Ungarn. Dabei wurde viel zu sehr vernachlässigt, welch bemerkenswert starker Gegner die Gastgeber in Budapest gewesen waren. Man weiß das jetzt sehr genau, nachdem der neue Tabellenführer der Nations League-Elitegruppe 3 die Engländer in deren Heimat nach allen Regeln der Fußballkunst 4:0 zerlegt hat.

So übellaunig wie vor ein paar Tagen in Budapest war Hansi Flick schon lange nicht mehr angetroffen worden. Das Gesehene hatte ihm sichtbar zugesetzt. Umso aufgeräumter präsentierte sich der Bundestrainer am Dienstagabend in Mönchengladbach nach dem 5:2 gegen Italien, kriegte sich gar nicht mehr ein in seinen Danksagungen ans Team, das er mit Komplimenten überhäufte, ehe er in der gebotenen Nüchternheit noch anfügte: „Alles war nicht gut.“

Wenig Klebstoff im DFB-Team

Denn tatsächlich erscheint es ein paar Tage später genauso wenig angebracht, sich nun übermäßig jubelnd in den Armen zu liegen, wie es angemessen war, in Budapest kollektives Trübsal auszurufen. Natürlich war der 5:2-Sieg über Italien lobenswert, weil der Erfolg über weite Strecken engagiert und gut orchestriert herausgespielt wurde. Aber, genau wie in Budapest, muss dabei doch auch die Gewichtsklasse des Gegners nüchtern eingeordnet werden: Dieses Italien mit einer Talente-Auswahl, die körperlich und organisatorisch bisweilen wie eine Jugendmannschaft daherkam, hat im Sommer 2022 so gar nichts mehr mit dem Europameister 2021 gemein.

Atmosphärisch ist es sicher hilfreich für Trainer und Team, dass man nach drei doch recht intensiven Wochen in Marbella, Herzogenaurach, Bologna, München, Budapest und zum Abschluss Mönchengladbach nicht nur mit einer Unentschieden-Serie in den Urlaub geht, sondern mit einem rechtschaffen herausgearbeiteten Sieg. Der allerdings am Ende noch mit zwei Gegentoren verwässert wurde und ohne einen Weltklassetorwart Manuel Neuer noch weniger eindeutig ausgefallen wäre. Irgendwelche plötzlich optimistischeren seriösen Voraussagen über die Möglichkeiten dieser sprunghaften Mannschaft mit Blick auf die WM in Katar lassen sich aus dem Spiel gegen Italien jedenfalls nicht ableiten.

Was verdächtig nahe liegt: Ein großartiger Klebstoff im Kader dürfte sich in diesen späten Mai- und frühen Juni-Tagen nicht entwickelt haben. Denn Flick schaffte es nicht, den Leuten aus der zweiten Reihe seriöse Chancen einzuräumen, sich zu zeigen. Selbst, als es schon längst 5:0 stand am Dienstagabend, wurden die bis dahin in vier Spielen komplett unberücksichtigt gebliebenen Feldspieler Jonathan Tah und Anton Stach zunächst nicht eingewechselt. Sie kamen erst in den 87. Minute. Das kann man als Trainer in einer solchen Situation auch eleganter lösen. Zudem hätte zumindest der Frankfurter Torwart Kevin Trapp nach dessen formidabler Rückrunde zumindest in einer der vier Spiele eine Berücksichtigung verdient gehabt.

Nationalmannschaft: Leroy Sané enttäuscht erneut

Und auch den Wolfsburger Mittelstürmer Lukas Nmecha – von Flick wegen dessen Trainingsleistungen mehrfach gelobt – hätte man ein halbes Jahr vor WM-Start gern auch mal von Beginn an gesehen. Der Bundestrainer entschied sich anders, setzte das Prinzip Hoffnung in Person von Timo Werner und vor allem in Person des erneut enttäuschenden, aber immerhin bemühten Leroy Sané vor das Leistungsprinzip. Man wird sehen, ob sich das Vertrauen auszahlt. Die Hinweise darauf sind derzeit allenfalls zart. (Jan Christian Müller)

Auch interessant

Kommentare