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DFB-Team auf gefährlichem Terrain

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Offenbar mit Glück im Unglück: Jonas Hofmann wird die WM wohl nicht verpassen, die Schulterverletzung ist nicht so arg.
Offenbar mit Glück im Unglück: Jonas Hofmann wird die WM wohl nicht verpassen, die Schulterverletzung ist nicht so arg. © Imago

Die deutsche Nationalmannschaft muss in kurzer Zeit eine halbwegs positive Haltung zur WM in Katar aufbauen. Immerhin gibt es in der Personalie Jonas Hofmann erste Entwarnung.

Es herrscht mittlerweile reger Betrieb auf dem schmucken DFB-Campus im Frankfurter Stadtteil Niederrad. Am Mittwoch haben draußen die deutschen U-19-Nationalspielerinnen mit an Abschlüssen und Freistößen geübt, drinnen saß Hansi Flick mit seinem Team in der Trainerlounge zusammen. Der Bundestrainer tüftelte mit seiner Crew intensiv darüber, welche 55 Spieler am Freitag dem Weltverband Fifa übermittelt werden, aus denen die 26 WM-Fahrer ausgewählt werden. Selbst Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff ist in die exakte Vorauswahl nicht involviert: „Es wird auch für mich überraschend sein, was herauskommt. 55 Spieler sind eine große Zahl.“

Publik werden sollen die Namen nicht, weil es sich bei dem einen oder anderen ja bloß um Schattenmänner handelt. Bierhoff scherzte, dass es in düsteren Zeiten des deutschen Fußballs gar nicht möglich gewesen wäre, eine halbe Hundertschaft befähigter Profis zusammenzubekommen. Dass es sich auch jetzt wieder um einen dynamischen Prozess handelt, machte die Personalie Jonas Hofmann deutlich. Der eigentlich für die WM in Katar unverzichtbare Allrounder von Borussia Mönchengladbach hatte sich im DFB-Pokalspiel bei Darmstadt 98 (1:2) eine Schulterverletzung zugezogen. Sein Trainer Daniel Farke vermutete zunächst eine Schultereckgelenksprengung, doch so schlimm soll es den 30-Jährigen nicht erwischt haben.

„Es ist nicht meine Aufgabe, die Diagnose abzugeben. Aber er hat sich schon besser angehört“, berichtete Bierhoff. Tenor: Die WM ist für Hofmann nicht in Gefahr. Wohl aber für den zuletzt beim Härtetest gegen England in der DFB-Auswahl debütierenden Armel Bella-Kotchap. Der Verteidiger vom FC Southampton hat sich die Schulter ausgekugelt. Der 20-Jährige will das Gelenk konservativ mobilisieren, aber wenn das nicht klappt, platzt der WM-Traum für den Newcomer. Eine Schulterblessur plagt auch Manuel Neuer, aber um dem Keeper und Kapitän vom FC Bayern sorgt sich Bierhoff ganz und gar nicht: Der 36-Jährige hat Erfahrung darin, punktgenau für ein Turnier fit zu werden.

Viel schwieriger scheint es, Vorfreude für die Wüsten-WM zu erzeugen – das spürt der Verband bei jeder Veranstaltung. Das wichtigste DFB-Aushängeschild begibt sich auf der Arabischen Halbinsel auf gefährliches Terrain: Einerseits soll sich die Delegation vor sportpolitischen Themen nicht wegducken, andererseits würde dem Flaggschiff kaum verziehen, wenn es sportlich ein erneutes Desaster gäbe. „Wir brauchen eine Vorab-Begeisterung“, wünscht sich Bierhoff. „Es darf nicht passieren, dass man sagt: ‚Das ist ein Shit-Turnier, und wenn wir verlieren und nach Hause fahren, juckt es keinen!‘“ Der 54-Jährige möchte unbedingt die WM 2018 („Frustrierend, schlecht“) und EM 2021 („Irgendetwas hat gefehlt“) vergessen machen. Ein Slogan der neuen Akademie lautet schließlich, den „besten Fußball der Welt“ zu entwickeln. Ein zweites Vorrundenaus würde nicht passen.

Auch der Seitenblick zu den bei der EM so erfolgreichen Frauen hilft nur bedingt, die in England nicht nur die sportliche Vorgabe erfüllten, sondern auch eine nachhaltige Entwicklung einleiteten, weil die Spielerinnen so viel Spaß, Leidenschaft und Hingabe vermittelten. Doch die deutschen Fußballerinnen genossen eine lange Vorbereitung und hegten echte Vorfreude auf den Gastgeber. So fleht der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou nun auch für die Männer einen „positiven Mindset“ herbei, der ungeachtet aller Kritik an Katar aufgebaut werden müsse. „Der Elefant im Porzellanladen ist die Stimmung“, glaubt der 46-Jährige.

Bierhoff stimmt der These zu, dass sich eine befruchtende Atmosphäre von außen nicht überstülpen lässt. „Wir können nur die Bedingungen schaffen.“ Ansonsten hat er „großes Vertrauen in Hansi“. Flick soll mit seiner kommunikativen Art den Menschenfänger geben, aus dem ein gemeinsamer Spirit erwächst. Weil erst am 14. November der Flieger abhebt, der zunächst für vier Tage in den Oman führt, kann ein Teamgeist kaum im kurzen Vorlauf entstehen. „Das muss von innen heraus kommen“, glaubt Bierhoff. „Am besten gelingt das über Erfolgserlebnisse auf dem Platz.“ Der WM-Auftakt gegen Japan (23. November) wird zum Leistungs- und Stimmungstest.

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