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Droht sogar juristische Schritte an: Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL).

Christian Seifert

Ein Riss im deutschen Fußball

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Ligachef Seifert rügt Doppelmoral. Rummenigge spürt „Gift“ zwischen Profis und Amateuren.

Der deutsche Fußball stellt sich derzeit als Gebilde dar, das einer Inventur bedarf. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, nach dem Rücktritt von DFB-Präsident Reinhard Grindel mehr denn je mächtigster Mann im Fußballland, stellte manchem Gebaren im hiesigen Lizenzfußball in einem „Kicker“-Interview jedenfalls kein gutes Zeugnis aus: „Seit zwei, drei Jahren ist das schleichende Misstrauen immer stärker in die Liga eingesickert. Im Umgang der Klubs miteinander, zwischen Bundesliga und zweiter Liga, im Umgang einiger Klubs mit der DFL und - ehrlich - auch im Umkehrschluss.“ So gehöre es sich beispielsweise nicht, dass Klubvertreter sich von der Kommerzialisierung distanzierten, denn: „Jeder Klub im Profifußball vermarktet sich.“

Der Ligachef prangert in diesem Zusammenhang eine „Doppelmoral“ an. Er nannte den Zweitligisten FC St. Pauli zwar nicht ausdrücklich, dessen Geschäftsführer Andreas Rettig jüngst mit kritischem Blick auf die DFL festgestellt hatte: „Die emotionale Entfremdung schreitet voran.“ Seifert sieht es anders: „Wir haben eine außergewöhnlich erfolgreiche Phase hinter uns.“ Jetzt würde „darüber diskutiert, ob sich die Menschen abwenden, während gleichzeitig die Quoten über alle Kanäle hinweg auf Topniveau sind“.

Der 49-Jährige will sich gegen Bestrebungen der Uefa wehren, europäische Wettbewerbe auf Samstag und Sonntag auszuweiten: „Wenn am Wochenende die Spiele internationaler Wettbewerbe stattfinden, da eben weltweit überall Wochenende ist und man die Übertragungen auch in New York am Nachmittag um 15 Uhr verfolgen kann, wenn die Champions League um 21 Uhr spielt – dann wäre die rote Linie definitiv überschritten.“ Seifert sieht „aktuell relativ viele Autos auf eine Kreuzung zufahren. Da müssen wir schauen, ob die Ampelschaltung funktioniert“. Klare Ansage des seit fast anderthalb Jahrzehnten amtierenden Vorsitzenden der DFL-Geschäftsführung: „Es könnte Entwicklungen geben, die ich als Vertreter der Bundesliga und Zweiten Bundesliga nicht widerstandslos akzeptieren würde. Wenn gewisse Linien überschritten werden, schöpfen wir juristisch alle Möglichkeiten aus.“

„Es ist Unsittliches passiert“

Damit es soweit nicht kommt, erhofft sich Seifert Unterstützung von Topvereinen: „Einfacher wäre es, wenn von den größten Klubs Europas einige aus den großen Ligen sagen, wir spielen da nicht mit, denn dann wird es nicht funktionieren.“ Doch der bestens vernetzte ehemalige Medienmanager weiß natürlich, dass die nationalen Ligen diese Unterstützung nicht bedingungslos erhalten werden. Das deuteten die Topvertreter der beiden deutschen Spitzenklubs am Sonntag im Sender Sky an: So äußerte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke: „Ich liebe die Bundesliga, aber man muss im Dialog mit anderen natürlich kompromissbereit sein. Du kannst dich gegen alles wenden und einsetzen, in letzter Konsequenz bist du dann nicht mehr mit dabei. Das kann auch nicht unser Interesse sein.“

Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ergänzte vielsagend, er „glaube schon, dass in Deutschland viel mit Tradition argumentiert wird. Das ist in anderen Ländern anders. Dort wird mehr aus geschäftlicher Sicht auf den Fußball geguckt“. Seifert warnte mit Blick auf die Expansionsbestrebungen von Fifa und Uefa: „Kein neu aufgesetzter internationaler Klub-Wettbewerb kann auch nur im Ansatz die sportliche und gesellschaftliche Funktion einer nationalen Liga erfüllen.“ Für eine ausgeweitete Klub-WM sieht er die „Gefahr“, dass dieser Wettbewerb „eine zusätzliche Promotionsplattform für die Spanier und Engländer wird“. Denn nach derzeitigem Stand wäre aus Deutschland von acht Uefa-Startern nur der FC Bayern München dabei.

Der Riss im deutschen Fußball ist offenkundig. Rummenigge äußerte mit harschen Worten Bedauern über diese Entwicklung: Unter dem im November 2015 im Zuge der Sommermärchen-Affäre zum Rücktritt gezwungenen Ex-DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach habe ein „Superverhältnis“ zwischen Profis und Amateuren geherrscht. „Mit dem Duo Reinhard Grindel und Rainer Koch ist da Gift reingeflossen.“ Die Interessen der Basis seien zu stark berücksichtigt worden. Es sei „viel Unsittliches passiert in den vergangenen Jahren“. Amateurvertreter empfinden diese Einschätzung als ungehörig. Sie ärgern sich, dass aufgrund zunächst geheimer Zusatzabsprachen im Grundlagenvertrag zwischen DFB und DFL zum Nachteil der kleinen Klubs nur sechs Millionen Euro im Jahr aus dem Profilager an den DFB fließen und den Amateuren so zwischen 25 und 50 Millionen Euro enthalten würden.

Der von Rummenigge schon lange zu einer Art Intimfeind erklärte bayerische Verbandschef und DFB-Interimspräsident Koch antwortete im Bayerischen Fernsehen auf die Vorhaltungen des Bayern-Bosses diplomatisch, es sei notwendig, die „ständigen Scharmützel der vergangenen Jahre zwischen dem Amateur- und Profifußball in den Griff“ zu bekommen“. Rummenigge hatte nach dem WM-Aus geäußert, der DFB sei „nur noch durchsetzt von Amateuren“ und ergänzt: „Da spielen Leute wie Koch und einige Landesfürsten eine Rolle.“ Koch hatte kühl entgegnet, die Verantwortung für das Scheitern als Gruppenletzter in der Vorrunde könne wohl kaum bei den Amateurklubs oder Landesverbandsvertretern gesucht werden.

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