Ein Finale, diesmal ohne Fans.
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Ein Finale, diesmal ohne Fans.

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DFB-Pokalfinale: Ein Endspiel ohne Herz

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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2020 ist alles anders: Der FC Bayern München und Bayer Leverkusen müssen im DFB-Pokalfinale in Berlin auf ihre Fans verzichten. Die Anhänger werden fehlen. Ein Kommentar.

Kein anderes Fußballspiel in diesem außergewöhnlichen Jahr wird hierzulande auch nur annähernd derartig entwertet wie das DFB-Pokalfinale. Kein anderes Spiel hat die Fans im Stadion und in der Stadt, hat das flirrende Ambiente, die Feierstimmung, die Liebe zum Klub, so sehr verdient wie das traditionell seit 1985 dort ausgetragene großartige Endspiel im Berliner Olympiastadion.

Ja, die Geisterspiele in den beiden Bundesligen, der Dritten Liga und der Relegation hätten sicherlich Fans verdient gehabt. Aber gerade ohne Zuschauer gab es vor dem TV erlebenswerte Begegnungen zu besichtigen - im rein fußballerischen, technisch-taktischen Sinne sozusagen.

Die Hauptstadt des Pokals

Gerade das deutsche Pokalendspiel, das der DFB in heller Erleuchtung schon vor der Wende in die damals noch geteilte Stadt Berlin vergab, statt Jahr für Jahr mit dem Finale auf Wanderschaft durchs ganze Land zu gehen, lebt aber mindestens so sehr von dem Erlebnis davor und danach in einer vibrierenden Metropole wie vom puren Fußballspiel an sich. Es wird stets umrahmt von grandiosen Fanfesten und eng geknüpften Fußballbusiness-Netzwerken.

Nirgendwo sonst wird die Melange des Profifußballs als Kulturgut, mediale Inszenierung, Unterhaltungsbetrieb und durchkommerzialisierter Geschäftsbetrieb so unverstellt sichtbar wie an den Tagen des Finals im und ums Olympiastadion. Von nirgendwoher nehmen Anhänger so viele bleibende Erinnerungen mit wie vom Pokal-Wochenende aus Berlin. Erinnerungen, die sie für den Rest ihres Lebens im Herzen tragen.

Im ersten Jahr der Austragung in Berlin - fast schon vergessen - gewann Bayer Uerdingen 2:1 gegen Bayern München. Damals gab es an den Kassenhäuschen noch Tickets für umgerechnet acht Euro zu kaufen, man saß auf Holzbänken, und jeder, der damals dabei war, wusste danach: Ja, das ist es. Berlin ist, wenn seinerzeit schon nicht Hauptstadt der Bundesrepublik, so zumindest die Hauptstadt des Pokalendspiels.

Es hat seitdem dort reichlich epochale Schlachten, aber auch mal maue Kicks gegeben, aber in dieser Umgebung hat das dem Erlebnis selten Abbruch getan. 2020 wird alles anders sein. Es wird ein Geistermeister gekürt, ein Pokalsieger des Verstandes, nicht des Herzens. Und an keinem anderen Tag wird uns allen so sehr bewusst werden wie an diesem Samstag, wie sehr sie fehlen, die kunterbunten Zuschauer auf den grauen Sitzen des Berliner Olympiastadions und in den Straßen der Stadt.

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