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DFB-Pokal: Die Bösen aus Leipzig

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Von: Frank Hellmann

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Wollen den ersten Titel der Vereinsgeschichte holen: die Spieler von RB Leipzig.
Wollen den ersten Titel der Vereinsgeschichte holen: die Spieler von RB Leipzig. © dpa

RB Leipzig strebt nach dem ersten Titel der jungen Geschichte – und ärgert sich über die Vorbehalte.

In der Heimstätte von Hertha BSC, daran erinnert sich die Vereinsführung bei RB Leipzig vor dem anstehenden Pokalfinale gerne, fühlten sich die Kicker mit dem Bullenlogo auf der Brust bislang immer ziemlich wohl. 4:1, 6:2, 3:0, 4:2, 3:0, 6:1 lauteten die Resultate seit dem Bundesliga-Aufstieg. Das Olympiastadion also die ideale Bühne für Machtdemonstrationen – zumindest wenn es in Bundesligaspielen gegen die Hertha ging. Das ist, sagen sie im Klub, ein gutes Sinnbild für das, was die Leipziger ohnehin den Berlinern in anderen Bereichen voraushaben. Man ist fitter, schneller, aktiver. Oder auch: Man ist das bessere Berlin.

Weil offenbar der Hospitality-Verkauf fürs Pokalfinale gewaltig eingebrochen ist – was passiert, wenn nicht der FC Bayern oder Borussia Dortmund mitspielen – kommen die Sachsen jetzt sogar an 27 000, 28 000 Karten. Damit ist die Rückendeckung größer als beim Finale gegen die Bayern 2019, als es unter Ralf Rangnick eine 0:3-Niederlage gab. Im Vorjahr waren pandemiebedingt die Tribünen verwaist, als es unter Julian Nagelsmann eine 1:4-Pleite gegen den BVB gab, die zeitweise zum Ausdruck von Hilflosigkeit geriet. Jetzt soll es Domenico Tedesco im dritten Anlauf richten, wobei der Trainer auffällig betont, dass er mit Champions-League-Qualifikation, Europa-League-Halbfinale und Pokalfinale doch ganz viel erreicht habe. Baut da einer dem Scheitern vor?

Fest steht, dass sich viele Fußballfans zwischen Förde und Bodensee genau das wünschen. Eine Leipziger Niederlage würde ja irgendwie ins Bild passen, wo zurzeit die Traditionsvereine aus Bremen über Gelsenkirchen, Frankfurt bis Stuttgart wieder so viel Kraft aus ihrer geschichtsträchtigen Verwurzelung mit der Basis saugen. Das 2009 gegründete Red-Bull-Gebilde mit dem übernommenen Spielrecht des Oberligisten SSV Markranstädt kann damit nicht dienen.

Während sich viele Bundesliga-Sportvorstände längst nicht mehr am Brauseklub wirklich stören, begehrt die Basis immer wieder auf. Auch beim Sportclub aus Freiburg, der partout keinen Fanschal zum Finale produzieren wollte. Leipzigs Klubchef Oliver Mintzlaff konterte öffentlich die Argumente, die der Freiburger Kollege Oliver Leki („Wir machen solche Produkte für die Fans und wenn die Grundlage dafür nicht gesehen wird, dann sollte man es auch lassen“) vorgetragen hatte. Der frühere Leichtathlet wird nicht müde zu betonen: „Wir sind froh, dass wir ein anderer Verein sind. Ja, wir sind kein Traditionsverein, aber in 50 oder 70 Jahren sieht das schon anders aus.“

Der Streit um den Fanschal tat weh

Doch das Klischee von den Guten und den Bösen, das im Zuge des Pokalfinales gerade wieder bespielt wird, tut den Verantwortlichen auch weh. Am Cottaweg auf der Leipziger Geschäftsstelle finden sie das Freiburger Verhalten schlicht „peinlich“ – und den damit verknüpften indirekten Verweis auf das viele fremde Geld deshalb heuchlerisch, weil der Gegner aus dem Breisgau doch auch von seinen Partnern aus einer wirtschaftlich extrem starken Region profitieren würde.

Diesen wohlhabenden, fußballaffinen Mittelstand gebe es im Osten nicht. Und die größten Arbeitgeber in Leipzig, BMW, DHL oder Amazon, kommen fürs Sponsoring nicht infrage. Ohne den Getränkekonzern wäre die Gründerstadt des DFB immer noch Bundesliga-Diaspora. Sachsen Leipzig und Lok Leipzig haben früher vor allem mit gewalttätigen Auseinandersetzungen auf sich aufmerksam gemacht; der eine gönnte dem anderen nicht das Schwarze unter den Fingernägeln. Alle Versuche, sich im Profifußball zu behaupten, schlugen fehl.

Vor allem junge Familien haben in einer lebenswerten Stadt mit viel Geschichte, guten Ausbildungsmöglichkeiten und hohem Freizeitwert gar kein Problem, sich zu einem Profiverein zu bekennen, der bald das fünfte Mal in sechs Jahren in der Champions League antritt. Außerdem hat es Klubs gegeben, die haben in kürzester Zeit viel mehr Geld verbrannt. Siehe Hertha. Genau das hat der frühere DFB- und Freiburg-Präsident Fritz Keller im Fachmagazin „Kicker“ in einer Kolumne erwähnt, die den Wesenskern der Leipziger Argumentation nacherzählt.

Keller zieht ungeachtet seiner Kritik darin den „Hut vor der sportlichen Leistung der Leipziger. Respekt dafür, sich so schnell in der Spitze etabliert zu haben. Es freut mich, dass die Menschen in Ostdeutschland Top-Fußball sehen können. Nach der Wende sind die meisten Ostklubs ausgeblutet worden, oft zum Vorteil von Westvereinen, die die besten Spieler holten.“ Trotz allem, so schließt Keller, habe er aber nichts dagegen, „wenn Leipzig weiter auf den ersten Titel wartet“. Er erspart sich nur jede Häme.

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