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DFB klärt über Katar auf: Überzeugung oder Strategie?

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Von: Jan Christian Müller

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Gute Freunde: Katars Premier Khaldi al-Thani (links) und Gianni Infantino.
Gute Freunde: Katars Premier Khaldi al-Thani (links) und Fifa-Präsident Gianni Infantino. © AFP

Im Vorfeld der Fußball-WM in Katar werden Themen der Menschenrechte beim DFB nicht mehr achtlos beiseite geschoben. Ein Kommentar.

Der Begriff „Sportswashing“ existiert erst seit ein paar Jahren. Aber was damit gemeint ist, gibt es schon lange. Autokratisch geführte Staaten versuchen mit großen Sportevents ihr Ansehen zu verbessern. Auch Katar spinnt so ein Netzwerk sehr strategisch.

Beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) gibt es keinerlei Anlass, auch nur im Ansatz stolz darauf zu sein, wie der Verband mit „Sportswashing“ in der Vergangenheit umgegangen ist.

Früher waren die Zeiten zwar anders. Das ließe sich zur Verteidigung anführen. Aber dass es sich beim WM-Ausrichter 1978 um eine brutale Militärdiktatur handelte, wusste die Welt. Argentinien warf Zehntausende Oppositionelle seinerzeit aus Flugzeugen in den breiten Mündungsarm des Rio de la Plata oder ließ sie nach der Pein in Folterkellern anderswo spurlos verschwinden. Der damalige DFB-Präsident Hermann Neuberger, nach dem die alte DFB-Zentrale in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise bis zum heutigen Tag benannt ist, scheute sich dennoch nicht, dem Regime und der Fifa als Organisationschef der WM 1978 zu dienen.

Bei der in der Einöde von Ascochinga untergebrachten deutschen Nationalmannschaft scherte sich niemand um den erst zwei Jahre zuvor an die Macht gepuschten rechten Diktator Videla. Wehrmachtsoberst a.D. Rudel, nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien geflüchtet, wurde sogar im deutschen WM-Camp begrüßt. Argentinien 1978 war der Tiefpunkt der Moral im Deutschen Fußball-Bund.

40 Jahre später, im Vorfeld der WM in Russland, drückten Manager Oliver Bierhoff und Bundestrainer Joachim Löw sämtliche sensiblen politischen Themen an den damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel ab. Ähnlich hatten sie es schon 2012 bei der EM in Polen und der Ukraine gehalten. Da musste Ex-Verbandschef Wolfgang Niersbach mit einigen Präsidiumskollegen die Demutsgesten in Erinnerung an den von Hitler-Deutschland zu verantwortenden nahen Ausbruch des Zweiten Weltkrieges vollführen. Ein Armutszeugnis für die Nationalmannschaft.

Bierhoff hat dazugelernt. Im Vorfeld der WM in Katar werden Themen der Menschenrechte nicht mehr achtlos beiseite geschoben. Wie viel ist Überzeugung und wie viel Strategie? Der DFB-Direktor weiß, dass Ignoranz fatale Folgen für das Ansehen der Nationalmannschaft hätte. Und er erkennt, dass eine (ehrlicherweise wohl eher kleine) Gruppe Nationalspieler aus eigenem Antrieb wissen will, was los ist in Katar. Jenem winzigen Wüstenemirat, in dem sie im November und Dezember vier Wochen lang ja auch zum Wohle des großen, reichen Scheichs Tamim bin Hamad Al Thani und des zunehmend ungeheuerlicheren Fifa-Präsidenten Gianni Infantino Flanken schlagen und Tore schießen sollen. Tore schießen zum Sportswashing.

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