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Cacau: Es macht den Frauenfußball doch interessant, dass es in den Spielen ehrlicher zugeht.

Fußball-WM

„Die versteckten Martas finden“

Der DFB-Integrationsbeauftragte und Ex-Nationalspieler Cacau zum gestiegenen Niveau im Frauenfußball, zum Ausscheiden der Brasilianerinnen, zu übertriebenen Forderungen nach mehr Geld und zu Maßnahmen, um hierzulande mehr Mädchen mit Migrationshintergrund für den Fußball zu gewinnen.

Claudemir Jerônimo Barreto, besser bekannt als Cacau, hat sich mehrere Spiele bei der Frauen-WM in Frankreich vor Ort angeschaut. Der 38-Jährige war Bundesliga-Profi beim 1. FC Nürnberg und VfB Stuttgart, bestritt zwischen 2009 und 2012 insgesamt 23 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft und wurde WM-Dritter 2010. Seit 2016 arbeitet der Deutsch-Brasilianer als Integrationsbeauftragter beim DFB.

Sie haben am Wochenende bei der Frauen-WM die Achtelfinals Deutschland gegen Nigeria (3:0) und Frankreich gegen Brasilien (2:1 n.V.) gesehen. Zuvor haben Sie schon die Vorrundenspiele Frankreich gegen Norwegen (2:1) und Australien gegen Brasilien (3:2) besucht. Woher rührt das Interesse?
Erstens interessiert mich das einfach, wenn eine WM ganz in der Nähe stattfindet. Und natürlich habe ich durch meinen Freund und Manager Dietmar Ness (seit 2005 Berater im Frauenfußball, Anm. d. Red.) seit fast zehn Jahren einen Bezug zum Frauenfußball. Ich habe seitdem nicht nur Spiele der Frauen-Nationalmannschaften verfolgt, sondern auch der Women’s Champions League oder Frauen-Bundesliga.

Dann können Sie ja über die Entwicklung bestens Auskunft geben.
Ich finde es überragend, wie sich der Frauenfußball die vergangenen Jahre entwickelt hat. Die Qualität und die Rahmenbedingungen werden gerade international immer besser. Natürlich gibt es immer noch viel zu tun, aber wenn wir zurückschauen, was vor zehn Jahren war, hat der Frauenfußball einige Schritte nach vorne gemacht.

Ist die Stimmung in den Stadien in Frankreich einer WM angemessen?
Ich empfinde das sehr, sehr positiv. Bei den Spielen der Französinnen hat das Publikum extrem stark unterstützt, es waren aber auch viele Familien und Kinder mit im Stadion. Insgesamt war die Stimmung hervorragend.

Wie haben Sie am Sonntagabend das Ausscheiden der Brasilianerinnen nach einem großen Kampf gegen den Gastgeber in Le Havre miterlebt?
Da fühle ich immer mit. Das geht als gebürtiger Brasilianer nicht spurlos an mir vorbei. Sie haben eine tolle Leistung abgeliefert, es war eine hochspannende Partie in einer tollen Atmosphäre.

Es könnte das letzte WM-Spiel von Marta gewesen sein. Muss sich die Brasilianerin eigentlich noch bei ihrem ehemaligen Mitstreiter Miroslav Klose entschuldigen, dass Sie jetzt den WM-Rekord hält?
(lacht) Nein, ich glaube nicht. Marta hat enorm viel geleistet, auf hohem Niveau bei fünf Weltmeisterschaften gespielt und besitzt einen Riesenstellenwert nicht nur in Brasilien. Für ihr 17. WM-Tor haben ihr viele große Spieler Brasiliens von früher und heute gratuliert.

Die sechsmalige Weltfußballerin fühlt sich trotzdem nicht genügend respektiert. Sie soll keinen Schuhvertrag haben, weil sie die Angebote als nicht angemessen empfand. Und ihren Rekord hat sie mit jedem geteilt, der für Gerechtigkeit kämpft.
Ich will nicht sagen, dass ihr Kampf falsch ist, aber ich denke, dass sie ihr Ansehen und ihre Strahlkraft direkt in Brasilien einsetzen könnte. Es bräuchte einen professionellen Ligabetrieb dort im Frauenfußball. Vereine und Verbände müssten erkennen, dass sie mehr tun müssen.

Brasiliens Gruppenspiele haben bei TV Globo mitunter mehr als 20 Millionen Zuschauer geschaut. Marta, Cristiane oder Formiga stellten aber das älteste Team der WM. Warum tut der brasilianische Verband nicht mehr für die Nachwuchsarbeit im weiblichen Bereich?
Brasilien ist ein Paradebeispiel dafür, welches Potenzial der Frauenfußball besitzt. Viele Spielerinnen finden gar keine professionellen Bedingungen vor, dabei gibt es genügend Talente. Sie müssen allerdings gefördert werden, sie müssen eine Liga vorbinden, in der sie sich verbessern können. Nur dann lassen sich jene Martas finden, die jetzt noch versteckt sind. Ich habe das Gefühl, sie kommen gar nicht zum Vorschein. Insofern ist Frankreich verdient weitergekommen, weil dort sehr viel für den Frauenfußball getan wird.

Bei dieser achten Frauen-WM treten die Spielerinnen auch außerhalb des Platzes mit einem ganz anderen Selbstverständnis auf: Die US-Stars haben in einer Sammelklage sich gegen den eigenen Verband gestellt, die Australierinnen wollten den Weltverband Fifa angehen, weil ihnen die 50 Millionen Dollar Prämien zu gering erschienen. Ist das der richtige Weg?
Ich würde da gerne Nadine Keßler (bei der Uefa für die Entwicklung des Frauenfußballs zuständig, Anm. d. Red.) zitieren: Die Forderung kann man stellen, aber wenn man wirklich an einer nachhaltigen Entwicklung interessiert ist, muss eher darauf geachtet werden, dass das Geld, was beispielsweise die Fifa für die Entwicklung des Frauenfußballs versprochen hat, in den Ländern auch wirklich dafür eingesetzt wird. Wir brauchen mehr Breite, damit die Spitze besser wird. Wir brauchen mehr Mädchen und Frauen, die sich für Fußball interessieren. Wer an einer nachhaltigen Entwicklung interessiert ist, wird zu dem Schluss kommen, dass Investitionen an der Basis das Richtige sind, um den Frauenfußball besser zu positionieren.

In Deutschland hat es Einschaltquoten um die sechs Millionen gegeben. Auch wenn die DFB-Frauen nicht den tollsten Fußball gespielt haben, kommen sie sympathisch und bodenständig rüber. Müsste dieser Unterschied zu den Männern stärker betont werden?
Absolut. Es macht den Frauenfußball doch interessant, dass es in den Spielen ehrlicher zugeht: Es wird auch weniger mit den Schiedsrichterinnen geredet, es wird fairer gespielt, es gibt weniger Schwalben. Wenn das mehr hervorgehoben wird, können die Frauen punkten, weil der direkte Vergleich mit den Männern ansonsten langfristig nicht mehr Zuschauer oder Sponsoren bringt.

Der Zuschauerschnitt in der Frauen-Bundesliga ist schwächer als vor der Heim-WM 2011. Was würden Sie den Vereinen denn raten?
Nötig sind eine bessere Vermarktung und mehr Öffentlichkeit. Und was spricht dagegen, dass Vereine wie der VfL Wolfsburg und FC Bayern, die in Deutschland die stärksten Vereine sind, ihre Veranstaltungen von Männern und Frauen koppeln: Ich habe das bei Olympique Lyon erlebt, als ein Champions-League-Heimspiel einen Tag nach den Männern im selben Stadion ausgerichtet würde. Das Ticket galt für beide Spiele. Das sind Ansätze, um Leute erst einmal hinzuführen. Viele kommen dann wieder, weil sie dann sehen, wie schön Frauenfußball ist.

Wer kann denn aus dem deutschen Team helfen, neue Fans zu gewinnen?
Dzsenifer Marozsan ist natürlich die Spielerin, die den Unterschied macht. Ich wünsche mir, dass sie zum Viertelfinale wieder fit wird, zumal ich sie persönlich auch kenne. Ich hätte aber auch gerne eine Linda Dallmann noch mehr gesehen, weil sie Dinge kann, die andere nicht können. Und natürlich gefällt mir Giulia Gwinn – sie ist ein Gewinn (lacht).

Im deutschen Kader fällt auf, dass es nur drei Spielerinnen mit Migrationshintergrund gibt. Die in Budapest Dzsenifer Marozsan, die Halb-Belgierin Kathrin Hendrich und Sara Doorsoun, deren Eltern aus dem Iran und der Türkei kommen. Gerade Mädchen aus dem muslimischen Kulturkreis machen in Deutschland um Fußball oftmals einen großen Bogen. Es gibt entsprechende Studien, dass beispielsweise türkische Mädchen in Sportvereinen stark unterrepräsentiert sind.
Auf diesem Gebiet muss viel mehr getan werden, um mehr Spielerinnen für den Fußball zu gewinnen. Wir müssen es offen ansprechen: Es ist eine andere Kultur, eine andere Denkweise. Wie kommen wir also an die Mädchen heran? Es gab ein Projekt namens „Kicking Girls“, bei dem ich mir gewünscht hätte, dass es weiter unterstützt wird. Denn hier werden Spielerinnen mit Migrationshintergrund auch zu Trainerinnen oder Übungsleiterinnen ausgebildet. Für mich liegt hier ein Schlüssel: Eine Trainerin, die selbst diesen Migrationshintergrund besitzt, kann die Mädchen viel besser erreichen kann. Dann haben auch die Eltern automatisch mehr Vertrauen.

Hilft das etwas, wenn der Vater als Familienoberhaupt seiner Tochter trotzdem das Fußballspielen verbietet? Die frühere Nationalspielerin Lira Alushi kam einst als Kriegsflüchtling nach Deutschland, sie hat zuhause erst einmal verheimlicht, dass sie Fußball spielt.
Lira ist das beste Beispiel, wie sich jemand bis nach oben durchkämpft. Sie ist ein Gesicht geworden, um Vorurteile abzubauen. Wenn wir da nicht weitermachen, werden wir keine guten Ergebnisse in Deutschland erzielen.

Frankreich scheint uns da deutlich voraus: Deren Frauen-Nationalmannschaft scheint augenfällig viel eher ein Abziehbild der Gesellschaft zu sein. Teilen Sie diese Einschätzung?
Sie sind deutlich weiter! Das liegt auch an Olympique Lyon und Paris St. Germain, die sehr viel investieren, dieses Thema ernst nehmen und Vorreiter sind. Dadurch erreichen sie viel Akzeptanz, schaffen Vorbilder, erreichen Erfolge und Interesse. Damit werden Mädchen aus allen gesellschaftlichen Schichten angesprochen, die selbst spielen wollen. Das ist eine fast logische Kette, die in Frankreich besser funktioniert.

Sind die Französinnen auch der Favorit auf den Weltmeistertitel?
Nicht unbedingt. Ich glaube schon, dass Deutschland da auch noch eine Rolle spielt. Sie haben müssen sich aber noch steigern. Dann kann das deutsche Team das Finale am 7. Juli in Lyon erreichen.

Und dann sind Sie wieder dabei?
Das habe ich noch nicht entschieden. Ich habe mir da aber noch nichts vorgenommen.

(Interview: Frank Hellmann)

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