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Reinhard Grindel gefällt es nicht, dass die DFB-Strukturen so oft hinterfragt werden.

DFB

In Abwehrhaltung

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DFB-Chef Grindel kann mit der Sammer-Kritik wenig anfangen.

Der Zeitplan eines Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist eng getaktet, wenn er solch eine Aufgabenfülle bewältigen muss wie Reinhard Grindel. Selbst am Sonntagabend hatte der Verbandschef schon wieder Termindruck, weil noch ein Flieger nach Berlin wartete. Fast 80 Minuten debattierte der 57-Jährige zuvor mit der Trainerlegende Christoph Daum über das Thema: „Wohin rollt der Fußball?“ Der an seiner Doppelrolle als Moderator und Organisator großes Gefallen findende Medienmanager und Tausendsassa Bernd Reisig war so clever, den DFB-Boss zu Anfang gleich mit der von Matthias Sammer auf dem Sportbusinesskongress Spobis geübten Schelte am deutschen Fußball („Laufen der Musik hinterher“) und den DFB im Besonderen zu konfrontieren.

Diese Feststellung sei „falsch“, entgegnete Grindel. „Ich weiß nicht genau, wohin Matthias Sammer mit dieser Kritik wollte.“ Zugleich erinnerte er den ehemaligen DFB-Sportdirektor an dessen Präsenz an der Aufarbeitung zum WM-Versagen und rief dem Berater von Borussia Dortmund zu, dass beim Bundesligaspiel des Tabellenführers vergangenen Samstag in Frankfurt kein einziger im eigenen Nachwuchsleistungszentrum ausgebildeter BVB-Profi auf dem Platz gestanden habe. „Dortmund hat in der Youth League den letzten Platz belegt – hinter dem FC Brügge.“ Sollte heißen: Vereine kehrt besser erstmal vor der eigenen Haustür, ehe sie mit dem Finger auf den Verband zeigen.

Grindel missfällt die sich wiederholende Nörgelei

Wohl auch, weil sein CDU-Parteifreund Wolfgang Bosbach zu den Fragestellern gehörte, fühlte sich der einstige Bundestagsabgeordnete Grindel bei der Talkreihe über den Dächern von Frankfurt nicht unwohl. Und ein bisschen Anklagebank ist der gebürtige Hamburger gewohnt. Er räumte ein, dass bei der A-Nationalmannschaft der riesige Begleittross in Russland übertrieben gewesen sei, verteidigte jedoch den Erhalt des Markenbegriffs „Die Mannschaft“, denn: „International und bei der jüngeren Generation ist das durchaus ein Begriff. Uns haben die Marketingleute gesagt: Wenn wir darauf verzichten, ist das eine Vernichtung von Werten.“ Und das kann sich auch der DFB nicht leisten.

Er könne zum WM-Desaster sagen: „Wir waren nicht so erfolgsbeduselt, dass wir das Wesentliche vergessen haben.“ Grindel missfällt die sich wiederholende Nörgelei an Strukturen, „mit denen wir 2014 Weltmeister geworden sind. „Wir neigen dann dazu, alles infrage zu stellen.“ Sammer hatte angeregt, im Verband mehr Kompetenz zu installieren. Grindels Konter: „Dafür haben wir eine eigene Direktion unter Oliver Bierhoff an der Spitze.“ Mit Joti Chatzialexiou, Sportlicher Leiter Nationalmannschaften, und Meikel Schönweitz, Cheftrainer U-Nationalmannschaften, seien „total anerkannte“ Spezialisten am Werk, die sich auf Rundreise durch die Bundesliga begeben würden.

Speziell im Nachwuchsbereich gibt es viel zu tun. Daum kritisierte wortreich, die Talente von heute würden eine „Robotronic-Ausbildung“ durchmachen, in denen „sie keine freie Sekunden mehr haben – mir kommt da vieles ‚overcoached‘ vor“. Mit den genormten Konzepten würden „keine Persönlichkeiten entwickelt“. Grindel macht Sorge, wenn in Berlin „5000 Kinder auf Wartelisten stehen, weil Fußballplätze fehlen“; ferner ist ihm ein Gräuel, „dass bis zu 25 Personen, vom Lehrer, Berater bis zum Physiotherapeuten, um einen Nachwuchsspieler herum sind“. Und der Fakt, dass 70 Prozent der Talente aus einem Nachwuchsleistungszentrum heutzutage in den ersten sechs Monaten eines Jahres geboren sind, zeige ja, dass „bereits in der Jugend zu sehr auf den kurzfristigen Erfolg geschaut wird“.

Der in diverse Projekte eingebundene Daum bemängelte ferner, dass Bundestrainer Joachim Löw den Neuanfang viel zu halbherzig vorgenommen habe. „Wenn einer was verändern will, muss er bei sich selbst anfangen.“ Sein Freund Jogi Löw habe vor der WM in Russland das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt. Der 65-Jährige, der zuletzt die rumänische Nationalmannschaft trainierte, sagte klipp und klar: „Marc-Andre ter Stegen hätte bei der WM im Tor spielen müssen.“ Die Tür so lange für Manuel Neuer offen zu halten, sei „der Anfang vom Ende“ gewesen. Sein Schlussfolgerung: „Das waren lauter Dankbarkeitsentscheidungen von 2014.“

Völlig unverständlich fand Daum, dass der Bundestrainer Ende Juli 2018 beim Internationalen Trainerkongress in Dresden erneut durch Abwesenheit glänzte. Daum selbst war eigens in die sächsische Metropole gefahren. Dort, findet er, hätte sich der 59-Jährige zur WM erklären können, ja müssen: „Da muss ihm einer sagen: Gehe da mal hin. Mehr als 1000 Trainerkollegen hätten sich gefreut und ihm Unterstützung zukommen lassen. Wenn du aber nicht da bist, brauchst du dich nicht zu wundern, wenn du in die Fresse kriegst.“

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