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Es läuft gerade rund: Matthias Ginter, Joshua Kimmich, Leon Goretzka und Niklas Süle (von links nach rechts) feiern das dritte von acht Toren gegen Estland.

EM-Qualifikation

Der Geist von Sotschi: Die Jungen haben jetzt mehr Luft zum Atmen

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Im DFB-Team fühlt es sich jetzt wieder so ähnlich an wie beim erfolgreichen Confed-Cup vor zwei Jahren.

Auf der Ehrentribüne des Mainzer Stadions ist Reinhard Grindel von allen bedeutenden Menschen, die sich dort versammelt hatten, nach dem Schlusspfiff am längsten geblieben. Die Stadionregie hatte eine besonders fröhliche Version des Klassikers „Oh, wie ist das schön, so was ham wir lange nicht gesehn“ aufgelegt. Der Anfang April zurückgetretene vormalige DFB-Präsident stand dort einsam, unten begaben sich die Nationalspieler nach ihrer Stadionrunde vom Rasen in den Kabinentrakt. Grindel klatschte unentwegt. Er sah ein bisschen stolz aus und ein bisschen traurig. Er weiß jetzt, dass diese junge Mannschaft, im Gegensatz zu ihm selbst, eine Zukunft hat.

Der Anführer dieser Rasselbande heißt Joshua Kimmich und ist 24 Jahre alt. Nicht mehr der Allerjüngste in der Truppe, aber natürlich noch jung genug, um die Gefühligkeit der nachkommenden Generation zu kennen. Andererseits seit dem Sommer 2016 Stammkraft und somit bereits erfahren genug, um zu wissen, was sich verändert hat, seit der Bundestrainer in einer ziemlichen Nacht-und-Nebel-Aktion die Führungskräfte Mats Hummels, Thomas Müller und Jerome Boateng vor die Tür setzte, nachdem zuvor bereits Sami Khedira und Mario Gomez ausgeschieden waren.

Mit einer Prise Zynismus könnte man nun hinzufügen, auch ein Austausch des Bundestrainers selbst täte diesem Team gut. Denn geschadet hat es offenbar in den vergangenen zehn Tagen nicht, dass Joachim Löw verletzt verhindert war und sein Assistent Marcus Sorg übernommen hatte. 2:0 in Weißrussland am Samstag in Borissow, 8:0 gegen Estland am Dienstag in Mainz, insgesamt sechs Punkte und 10:0 Tore aufs nun prall gefüllte EM-Qualifikationskonto, ein einheimisches Publikum, das sich von dem Spiel der DFB-Elf mitreißen ließ wie lange nicht mehr, eine Mannschaft, die sichtlich Spaß bei der Arbeit hatte, ein Interimscoach, der seinen Job souverän erledigte, sowohl sportlich als auch medial. Es hat viel gepasst diesmal. Manch einer, der angesichts der offenkundigen Spielfreude und eines fühlbar hohen inneren Zusammenhalts auf die Idee kommen könnte, es ginge auch a la longue ohne Löw, wurde von Sorg verbal zurück in Reih und Glied versetzt: „Der Bundestrainer ist derjenige, der vorangeht und an dem sich alle orientieren. Deshalb sind wir alle froh, wenn er bald gesund zurück ist.“ Aus der Kabine hatten sie Löw zuvor bereits ein Grußvideo zukommen lassen.

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Joshua Kimmich ist kein Typ, der zu Übertreibungen neigen würde, eher ist der kleine Kerl mit dem großen Herzen im Kollegenkreis gefürchtet, weil er selbst zufriedenstellende Vorstellungen kritisch zu filetieren versteht und den Kameraden mit diesem anspruchsvollen Denkansatz ordentlich auf die Nerven gehen kann. Nach dem Überfall auf Estland, der gut und gerne auch in einer zweistelligen Abreibung hätte enden können, fand aber selbst die Passmaschine Kimmich kaum ein Haar in der Suppe. Es sprudelte nur so aus ihm heraus, unten, im Bauch der Arena: „Wir haben echt alle Gas gegeben.“ „Wir haben gezeigt, dass wir richtig Bock auf Fußball haben.“ „Jeder von uns ist gierig und hungrig.“ „Man merkt, dass wir untereinander gut klarkommen.“ „Jeder gönnt dem anderen ein Tor, eine Vorlage, eine gute Leistung.“

Die Art und Weise, wie sie gemeinsam Fußball spielen und wie sie miteinander umgehen, zeigt, dass Löws harte (und in der Art der Umsetzung kritikwürdige) Entscheidung von Anfang März, der drei absolute Führungskräfte zum Opfer fielen, strukturell richtig war. Die Jungen haben jetzt mehr Luft zum Atmen, und sie atmen in der Tat kräftig durch. Kimmich war schon 2017 beim Confed-Cup dabei, als eine international weitgehend unbekannte deutsche Mannschaft in Russland furios aufspielte und den kleinen Cup gewann.

Dieser Geist von Sotschi, der im Sommer 2018 an einer Laterne auf der Strandpromenade wieder verloren gegangen war, ist jetzt zurückgekehrt. Deshalb wehrt Kimmich Fragen nach der Bedeutung des Bayernblocks auch eher ab und weist vielmehr auf den Jahrgangseffekt hin: „Wir sind ein großer Block der Jahrgänge 1995/96. Wir haben schon in der Vergangenheit Erfolge zusammen gefeiert. Das tut uns gut.“ Kimmich gehörte zum Europameisterteam der U19 aus dem Jahr 2014, der Trainer hieß seinerzeit Marcus Sorg. Zu den Jahrgängen 95/96 zählen Männer wie Niklas Süle, Lukas Klostermann, Thilo Kehrer, Jonathan Tah, Julian Brandt, Niklas Stark, Serge Gnabry, Leon Goretzka, Leroy Sané und Timo Werner. Es gibt in dieser Gruppe keine grundlegenden Irritationen über die Art und Weise des Zusammenseins, wie sie etwa Mats Hummels noch unmittelbar vor der WM 2018 geäußert hatte, als er sich über das Verhalten mancher Jungprofis kritisch äußerte und auf bestehende Hierarchien verwies. Diese Hierarchien sind derzeit aufgebrochen, lediglich Manuel Neuer und Kimmich haben sich eine herausgehobene Akzeptanz erarbeitet. „Wir sind hier alle sehr vertraut miteinander“, berichtet Gnabry, „das macht es für jeden sehr viel einfacher.“

Auch Marcus Sorg hat festgestellt, dass „etwas zusammenwächst“. Etwas, das in der Kabine entsteht und sich dann auch aufs Spielfeld ausbreitet. Estland wurde Opfer des deutschen Esprits, aber auch einer mentalen und physischen Verfassung des DFB-Teams, die angesichts der vorhergegangenen zweiwöchigen Urlaubspause erstaunlich war. Das Publikum ging mit, genau das war es, was Sorg zuvor verlangt hatte: „Wir wollen Ursprung für Begeisterung sein.“ Nach einem Jahr, in dem die deutsche Mannschaft, ihr ehemaliger Präsident und ihr Management vor allem Ursprung für kollektiven Frust waren, ist das allemal ein kluger Ansatz.

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