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Schreibt nebenbei Analysen für Sky-Experte Erik Meijer: Manuel Baum.

Fußballlehrer-Lehrgang

Der Job, der alles fordert

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In dieser Woche verabschiedet der DFB die Absolventen seines 65. Fußballlehrer-Lehrgangs. Der Trainer als Traumberuf?

Manuel Baum, der Trainer des FC Augsburg, denkt sich immer was Besonderes aus für den Fall, dass sein Team Anstoß hat.

Beim Heimspiel gegen den großen FC Bayern etwa: ein forscher Angriff über die linke Seite, abgeschlossen mit einem scharfen Pass nach innen. Dorthin, wo bei den Münchnern zur Absicherung immer Leon Goretzka mitläuft, der höchstwahrscheinlich überrascht sein würde von der Augsburger Eröffnung. Und tatsächlich: Baums Augsburger erzwangen ein Goretzka-Eigentor. Gespielt: gerade mal 14 Sekunden.

Oder zwei Wochen später, das nächste Heimspiel, Dortmund ist der Gegner. Baum weist seine Spieler an, vom Anstoß weg den Ball weit wegzuhauen, ins Aus. Der absichtliche Fehlpass war keine Unzulänglichkeit, sondern Strategie: Borussia Dortmund bekam Einwurf fast auf Höhe der eigenen Torauslinie, die Augsburger positionierten sich umgehend für den Mann-gegen-Mann-Kampf. So gaben sie die Tonlage des Spiels vor und hatten die Dortmunder länger in deren Defensivzone, als es bei einem normalen Spielaufbau der Fall gewesen wäre. Stefan Effenberg erinnerte sich dann beim nächsten Doppelpass auf Sport1, „dass das im Fußballlehrer-Lehrgang vor ein paar Jahren ein Thema war“. In ihm sträube sich zwar alles gegen diese Art, in ein Spiel einzusteigen – aber ja, gebe er zu, könne einen Zweck erfüllen. Vor ein paar Jahren wäre ein Anstoß ein Anstoß gewesen. Man tippt den Ball zum nächststehenden Spieler. Ende. Kein besonderer Akt.

Manuel Baum ist ein Tüftler. Einhundert Stunden, so sagte er, investiere er in die Vorbereitung eines Spiels. Man sollte nicht nachrechnen, die Angabe ist natürlich übertrieben und kommt der Wahrheit nicht mal nahe, wenn man Traumsequenzen und das grundsätzliche Nachdenken über den Beruf am Steuer des Autos berücksichtigt. Unstrittig aber ist, dass Baum ein fleißiger Bundesligatrainer ist – und er für eine Generation steht, die mehr Zeit investiert, als es bei den Übungsleitern früher üblich war.

Bundesligatrainer zu sein, das war immer schon ein besonderer Beruf. Wegen des Erfolgsdrucks. „Die Leidenschaft, die Leiden schafft“ hieß in den 70er-Jahren eine Zeitungsserie über die Männer auf der Bank, die jeden Samstag 90 Minuten vor sich hinlitten und den Stress wegzupaffen versuchten; manche begannen auch zu trinken. Und selbst einer, der höchstes Ansehen genoss und um seine Zukunft nicht fürchten musste wie Ottmar Hitzfeld, sagte: „Sicher ist mein Job höchstens für den nächsten Monat.“

Pep Guardiolas Pensum ist Standard

Doch wenn man an Hitzfelds Zeit beim FC Bayern zurückdenkt, an die Jahre 1998 bis 2004 und 2007/08: Er fand immer noch Zeit für Werbetermine, für Motivationsvorträge bei Firmen (da war er sehr gefragt, wurde gezielt vermarktet), und Interviews gingen noch in der Woche, in der sie erbeten wurden. Hitzfeld konnte seine Work-Life-Balance ausgeglichen halten. Sein Parkplatz an der Säbener Straße war nicht immer belegt.

Er gehörte zu einer Generation von Trainern, die noch nicht überschwemmt wurden von Informationen über das Spiel. Positionsbestimmungen von Spielern mittels Kameras oder über Funktechnologie, Messungen von Geschwindigkeiten und Laufdistanzen – das steckte noch zwischen Vision und Prototyp. Was an Statistiken aufzutreiben war, das war die Frucht der Erfassung in Strichlisten. Welcher Spieler schlägt wie viele Pässe, wer tritt zu Standards von welcher Seite an, auf wen beim Gegner muss man aufpassen? Einer wie der beim FC Arsenal tätige Startrainer Arsene Wenger wurde belächelt, weil er für den Reifenhersteller und Uefa-Sponsor Castrol versuchte, einen Index zur Bewertung von Spielern zu erstellen. Aktionen sollten nach der Zone des Spielfelds bewertet werden, in der sie stattfinden.

Schon fast als Sensation galt, dass der deutsche WM-Torhüter von 2006, Jens Lehmann, und sein Trainer beim DFB, Andreas Köpke, Informationen über die Vorlieben der Elfmeterschützen Argentiniens hatten – im Wesentlichen waren es private Aufzeichnungen und eine kleine vom Spielerberater Maikel Stevens gepflegte Datenbank. Acht Jahre später, bei der WM 2014, hatte der DFB Zugriff auf Elfmeter-Filmsequenzen aus aller Welt, die sein Partner SAP auf eine eigens entwickelte Plattform stellte. Man spricht nun von Big Data, der schier unendlichen Verfügbarkeit von Informationen in Echtzeit, seit der WM 2018 ist der Live-Zugriff am Spielfeldrand via Internet erlaubt. „Aus Big Data“, sagt Oliver Bierhoff, der Innovations-Vordenker im DFB, „müssen Smart Data werden“.

Moderne Trainer setzen sich mit den Daten auseinander, sie tauchen immer tiefer ein in die Materie Fußball. Pep Guardiola war einer der Ersten, die das Vereinsgelände früh betraten und spätnachts verließen, die nicht nur auf dem Platz agierten, sondern im Büro. Als Guardiola 2013 beim FC Bayern anfing, sagte er, dass er von den großartigen Orchestern gehört habe, die es in der Stadt gebe: „Aber sie müssten raus an die Säbener Straße kommen und dort spielen, denn sonst finde ich keine Zeit.“

Schulungen künftig über Virtual-Reality-Brille

Guardiolas Pensum ist heute Standard. Auch wenn die Trainer – anders noch als Hitzfeld, der auf einen Assistenten vertraute (Michael Henke) – ganze Mitarbeiterstäbe um sich herum aufgebaut haben, in denen sie Aufgaben delegieren können, haben sie selbst immer mehr zu tun. Sie bereiten ein Training vor, halten es ab – und schauen es sich danach noch einmal an, denn sie haben es aufzeichnen lassen. Manche sogar von Drohnen.

Trainerarbeit geht immer tiefer ins Detail und die Einstimmung aufs Spiel über die Anweisung „Achtet auf die zweiten Bälle“ hinaus. Gefordert ist, dass der Trainer heutzutage einen Matchplan erstellt und nicht eine Taktik hat, die zu jedem Spiel die gleiche ist. Die ganz Fleißigen wie der auf Schalke nun aber geschasste Domenico Tedesco vertieften sich auch noch in Taktikblogs wie spielverlagerung.de.

Und es kommen weitere Herausforderungen auf die Branche zu. Die Akademie, die der DFB gegründet hat und die bis 2021 fertiggestellt werden wird, hat es sich zum Ziel gesetzt, in der Trainerausbildung neue Maßstäbe zu setzen.

Tobias Haupt, der vom Ismaninger Institut für Fußballmanagement nach Frankfurt gewechselt ist, um die Akademie zu leiten, sagt, dass Trainer sich auch an der Arbeit „in neuen Themenschwerpunkten“ beteiligen müssen: „Kognitive Fähigkeiten, Kreativität entwickeln, die Vorentscheidungen trainieren.“

Haupts Blick in die Zukunft: „Es wird kommen, dass der Trainer über eine Virtual-Reality-Brille Schulungen durchführen kann.“ Der Trainer wird sich mit Gerätschaften wie Footbonaut (Hoffenheim, Dortmund) und Soccerbot (Leipzig) beschäftigen müssen, in denen die Spieler auf beleuchtete Felder passen und schießen. „Wir müssen es schaffen, in den statischen Footbonauten Dynamik zu bekommen. Wenn wir einmal eine 3D-Simulation hinkriegen, können wir mit den Spielern für die individuelle Taktikschulung in eine reale Spielsituation eintauchen.“ Ziel: „Fußball ganzheitlich entwickeln.“ Der Trainer ist dabei eine wichtige Figur.

Schwer vorstellbar, dass man Friedhelm Funkel und Huub Stevens mit VR-Brille erleben wird. Manuel Baum, noch keine vierzig und technikaffin, wohl schon. Und einer wie der Augsburger kann vom Fußball einfach nicht genug bekommen. Nebenbei arbeitete er noch für Sky und schrieb Champions-League-Analysen für den Experten Erik Meijer. Und am vergangenen Wochenende, an dem die Bundesliga pausiert, wollte er keineswegs freinehmen. Man kann ja immer noch Amateur- und Jugendspiele anschauen. Was Trainer immer schon machten.

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