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DFB-Frauen: Wie in der Semperoper

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Von: Frank Hellmann

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Zuversichtlich, den EM-Hype nutzen zu können: Bundestrainrein Martina Voss-Tecklenburg.
Zuversichtlich, den EM-Hype nutzen zu können: Bundestrainrein Martina Voss-Tecklenburg. © Imago

Die deutschen Fußballerinnen wollen beim Länderspiel gegen Frankreich vor vollem Haus zur Primetime in Dresden die Begeisterung von der EM in England nutzen.

Wie in einem harmonischen Ensemble ein Rädchen ins andere greift, haben die deutschen Fußballerinnen gerade erst bei einer Führung durch die Semperoper in Dresden bewundert. Sie haben den Musikern und Tänzern beim Aufwärmen zugesehen und einen Blick hinter die Kulissen geworfen, was für eine gelungen Aufführung alles veranlagt wird. Solch Anschauungsunterricht kann nicht schaden, wo der Vize-Europameister für das Freundschaftsspiel gegen Frankreich (Freitag 20.30 Uhr/ARD) in der Elbmetropole selbst eine größere Bühne betritt. Für die Neuauflage des EM-Halbfinals sind 24.500 Karten verkauft. Die Live-Übertragung zur Primetime dürfte zudem ein Millionenpublikum an den Fernseher locken.

Damit werden zentrale Forderungen erfüllt, die die EM-Heldinnen erhoben hatten. Es geht um mehr Sichtbarkeit, um mehr Anerkennung – und damit dauerhaft ein größeres Publikum. Bei Länderspielen, aber auch in der Bundesliga. Die Rekordkulisse beim Eröffnungsspiel bei Eintracht Frankfurt (23.200 Zuschauer) war ein erstes Ausrufezeichen, an den ersten beiden Bundesliga-Spieltagen kamen mit 47.238 Fans mehr als in der Hinrunde der Vorsaison. Der karge Besucherschnitt (811) dürfte Vergangenheit sein.

Die EM hat jenen Impuls gegeben, der eigentlich von der Heim-WM 2011 ausgehen sollte – der aber in Deutschland damals komplett verpuffte. „Die EM-Euphorie konnte mitgenommen werden, das sieht man anhand der Zuschauerzahlen“, konstatiert Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Die 54-Jährige ist erfreut über das positive Feedback der Fans. „Wir sind sichtbar, sie kennen die Namen, sie erkennen die Spielerinnen und das ist eine tolle Entwicklung.“ Es sei nun wichtig, nicht nachzulassen. Das gilt für alle Seiten.

Ihr Team ist gefordert, ansprechende Leistungen abzuliefern, auch wenn gegen die spielstarken Französinnen mit Marina Hegering (Fußverletzung), Sara Däbritz (Sprunggelenk), Lina Magull (Corona-Infektion) und Giulia Gwinn (Knieverletzung) vier EM-Stützen fehlen. Nun aber können sich diejenigen zeigen, die schon in England gerne mehr Spielanteile gehabt hätten. „Die Stammelf muss sich weiterentwickeln, und gleichzeitig muss man die Belastung steuern“, beschreibt Mittelfeldorganisatorin Lena Oberdorf den Spagat bis zur WM 2023 in Australien und Neuseeland. Der Traum: Am 20. August 2023 glückt in Sydney beim WM-Finale, was beim EM-Endspiel in Wembley nicht gelang. Für weitere Fortschritte brauchen die DFB-Frauen definitiv hochkarätige Testmöglichkeiten, die mehr bringen als freudlose Qualifikationsspiele.

Im nächsten Monat steht daher ungeachtet der Terminfülle eine Reise in die USA an, um zweimal gegen die Weltmeisterinnen (11. und 13. November) anzutreten. Fürs Frühjahr nächsten Jahres sind weitere Vergleiche gegen Topgegner in Vorbereitung – vielleicht kommt es zum Duell gegen Europameister England, dann auf deutschem Boden. Die Welle kann nur auf dem obersten Level geritten werden.

Es gibt aktuell kaum eine Nationalspielerin, die nicht von der gestiegenen Popularität im direkten Umfeld in irgendeiner Form profitiert. „Die EM hat extrem viel ausgelöst. Vor allem bei Leuten, die den Frauenfußball sonst nicht so viel verfolgt haben“, findet die Edeltechnikerin Linda Dallmann, die mit Blickrichtung auf die WM einen Stammplatz möchte. „Mir haben einige aus meinem Umfeld erzählt, dass es für sie das Fußball-Highlight des Jahres war. Dass wir so eine Euphorie schüren konnten, hatten wir ja noch nie. Das ist für uns die größte Wertschätzung“, versichert die 28-Jährige.

DFB-Kapitänin Alexandra Popp, die den Doppelpack anbrachte, der in der englischen Planstadt Milton-Keynes das umkämpfte Halbfinale entschied, stört sich nur daran, dass Verband und Vereine offenbar auf den Boom an der Basis nicht vorbereitet waren. Daran übt die 31-Jährige, die merkwürdigerweise nun schon wiederholt mit einem Karriereende vor der WM kokettiert hat, offen Kritik. Der DFB hat 50.197 Erstregistrierungen bei den Mädchen verzeichnet – und damit gar nicht gerechnet. Es fehlt in den Ballungsräumen an Personal, Plätzen und Kapazitäten.

Das wachsende Interesse am Frauen- und Mädchenfußball bekräftigt eine Studie, die die ehemalige Schweizer Nationalspielerin Bettina Baer für den DFB anfertigte. Demnach gibt es 39,7 Millionen Fußball-Interessierte in Deutschland, von denen 19 Millionen sowohl den Fußball der Männer als auch der Frauen verfolgen würden. Die Zahl dürfte in absehbarer Zeit noch steigen. Das wichtigste Zugpferd bleibt dabei ein erfolgreiches Frauen-Nationalteam, das am besten schon im Rudolf-Harbig-Stadion wieder Harmonie ausstrahlt.

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