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DFB-Frauen: Titelreife auf dem Prüfstand

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Von: Frank Hellmann

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Alles im Griff: Torhüterin Merle Frohms.
Alles im Griff: Torhüterin Merle Frohms. © IMAGO/AFLOSPORT

Um das zweite Gruppenspiel gegen Spanien zu gewinnen und bei der EM weit zu kommen, muss bei den deutschen Fußballerinnen der Defensivblock stehen. Ein Bundesliga-Team spielt dabei eine ganz entscheidende Rolle.

Es soll vorangehen im deutschen Frauenfußball, und zwar endlich nicht mehr im Kriechgang, sondern im Eiltempo. Deshalb ist pünktlich vor der EM in England vom Deutschen Fußball-Bund ein Strategiepapier („Frauen im Fußball FF27“) aufgesetzt worden, wobei gleich im Titel ein Anglizismus steckt. „FF“ steht für „fast forward“. Schnell vorwärts soll es gehen, wobei sich das deutsche Nationalteam als wichtigster Treiber diesen Slogan zu Herzen genommen hat. Nun wollen die DFB-Frauen ihren rasanten Fortschritt im zweiten EM-Gruppenspiel gegen Spanien (Dienstag 21 Uhr/ARD) bestätigen.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erwartet ungeachtet des Ausfalls von Weltfußballerin Alexia Putellas ein Weltklasseteam, wenn es im Duell zweier Titelanwärter bereits um den Gruppensieg geht. Erst kürzlich hielt die 54-Jährige fest: „Spanien ist in vielen Bereichen die Benchmark.“ Doch Selbstvertrauen und Selbstverständnis hat sich auch ihre Auswahl zurückgeholt, wovon sich in Brentford nun auch die allererste Leadership-Reise aus der Frauen-Bundesliga überzeugen will. Insgesamt 17 Vereinsvertreter mit DFB-Akademieleiter Tobias Haupt und dem Sprecher der Frauen-Bundesligen, Siegfried Dietrich (Eintracht Frankfurt), erhoffen sich bei einem viertägigen Insel-Trip neue Impulse für eine erfolgreiche Zukunft. Doch mitunter schadet auch der Blick in die Vergangenheit nicht. Als das DFB-Team bei WM oder EM regelmäßig die Trends setzte, bildete die Defensive stets die Basis, erinnert sich die einstige Weltklassetorhüterin Silke Rottenberg.

„Abwehrarbeit beginnt natürlich nicht erst am eigenen Sechzehner. Dennoch waren schon immer eine sehr dominante Abwehr und eine starke Torhüterin ein sehr wichtiger Garant auf dem Weg zum Titel“, sagt die zweimalige Weltmeisterin und dreimalige Europameisterin, die heute die Ausbildung der Nachwuchstorhüterinnen verantwortet. Der letzte von acht EM-Titeln 2013 in Schweden wurde auch nicht mit einem spektakulären Hurra-Stil, sondern einer disziplinierten Teamleistung errungen. In den K.o.-Spielen gegen Italien, Schweden und Norwegen hieß es drei Mal 1:0. So endete auch bei der WM 2019 das zweite Gruppenspiel gegen Spanien. Diesen (defensiven) Ansatz haben Trainerteam und Mannschaft längst verinnerlicht; es heißt, man habe bereits beim hinter verschlossenen Türen in Herzogenaurach ausgetragenen Test gegen die männlichen U16-Junioren von Jahn Regensburg gemerkt, wie sich alle gegen den Ball unterstützen.

Zum Spiel

Deutschland: Frohms - Gwinn, Hegering, Hendrich, Rauch - Oberdorf, Magull, Däbritz - Huth, Bühl, Schüller

Spanien : Paños - Sheila García, Paredes, Mapi León, Batlle - Bonmati, Guijarro, Guerrero - Lucía García, González, Caldentey.

Schiedsrichterin : Stéphanie Frappart (Frankreich)

Torhüterin Merle Frohms bekam gegen Dänemark (4:0) nur einen richtigen Schuss zu halten. „Wenn zehn vor mir einen guten Job machen, stecke ich gerne zurück“, sagt die 27-Jährige. Sie hat zudem festgestellt: „Auch nonverbal klappt die Kommunikation viel besser.“ Man harmoniert, auch ohne gegen ein ausverkauftes Stadion anschreien zu müssen.

Als Abwehrchefin gesetzt: Marina Hegering.
Als Abwehrchefin gesetzt: Marina Hegering. © IMAGO/Shutterstock

Eigentlich galt gerade die Viererkette zuvor als Achillesferse. Doch aus der Wackelabwehr könnte ein Bollwerk werden, findet Marina Hegering. „Spanien wird uns anders fordern“, glaubt die mit geringer Spielpraxis zur EM gereiste Abwehrchefin. Nur eine Gelbe Karte trübte die Freude über ihren gelungenen ersten Auftritt. Sie empfiehlt gegen Spanien: „Sehr gutes Pressing spielen und kompakt bleiben, weil sie mit Kurzpässen da gerne reinspielen.“ Die mit 32 Jahren älteste deutsche Spielerin lief am Freitag die drittmeisten Kilometer (10,0), weil sie sich ständig in den Aufbau einschaltete.

In überragende Form gekommen: Kathrin Hendrich.
In überragende Form gekommen: Kathrin Hendrich. © IMAGO/Eibner

Sie profitierte davon, dass Kathrin Hendrich ihre überragende Saison beim VfL Wolfsburg direkt ins Nationalteam überträgt. Die 30-Jährige fühlt sich in der zentralen Rolle viel wohler, „man hat einen anderen Bezug zum Spiel“. Hendrich und Hegering – das könnte nicht nur namentlich passen. Dass beide erst das zweite Mal in dieser Konstellation die Abwehrzentrale bildeten, war ihnen nicht anzumerken. Sicherheit vermittelte im defensiven Mittelfeld eine Lena Oberdorf, die ihre überragende Physis auch gegen Spanien ausspielen muss.

Als Abräumerin weltweit gefragt: Lena Oberdorf.
Als Abräumerin weltweit gefragt: Lena Oberdorf. © IMAGO/Sports Press Photo

Der 20-Jährigen haben englische Vereine gerade wieder derart unmoralische Angebote gemacht, dass der Doublesieger Wolfsburg ihren Vertrag vorsorglich gleich bis 2025 verlängert und die Bezüge sicherlich nochmal aufgestockt hat. „Lena wäre für jede Mannschaft der Welt eine absolute Verstärkung“, sagt Ralf Kellermann, der Sportliche Leiter. Am Mittellandkanal spielt kommende Saison der gesamte deutsche Defensivblock zusammen. Frohms kehrt aus sportlichen und privaten Gründen aus Frankfurt nach Niedersachsen zurück, bei Hegering spielen berufliche Perspektiven hinein, aus München nach Wolfsburg zu wechseln. Womit die vier zentralen Stützen bald täglich an den Abläufen feilen können, um bei der WM 2023 in Australien und Neuseeland noch etwas ganz Großes zu vollbringen. Schnell vorwärts soll es schließlich gehen.

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