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DFB-Frauen: Mit kühlen Köpfen und heißen Herzen

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Von: Frank Hellmann

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Isolation beendet: Lea Schüller (Mitte) darf wieder mit Marina Hegering (links) und Lina Magull trainieren.
Isolation beendet: Lea Schüller (Mitte) darf wieder mit Marina Hegering (links) und Lina Magull trainieren. © dpa

Die deutschen Fußballerinnen stehen im EM-Viertelfinale gegen Österreich an einer wichtigen Weggabelung.

Kurz hatte auch Martina Voss-Tecklenburg mit Lena Lattwein und Jan-Ingwer Callsen-Bracker, dem für neurozentrisches Training zuständigen Experten und Ex-Profi, versucht, den Ball hochzuhalten. Es dauerte nicht lange, dann versprang der Bundestrainerin die Kugel, da half auch ein Ausfallschritt nicht mehr. Unter lautem Gejohle floh die 54-Jährige selbst aus dem Pulk der sich aufwärmenden Spielerinnen, bald schob sie zusammen mit Co-Trainerin Britta Carlson lieber ein Tor auf dem immer noch grünen, weil gut gewässerten Rasen des Grasshoppers Rugby Football Club in Brentford. Hier saß jeder Handgriff.

So wie überhaupt das Zusammenspiel an der Seitenlinie viel, viel besser funktioniert als bei der WM 2019 in Frankreich. Damals gab es ausgerechnet vor dem Viertelfinale gegen die bis dahin als Lieblingsgegner gehandelten Schwedinnen interne Verwerfungen, was zu einer überraschenden Aufstellung führte und letztlich zu einem vermeidbaren Ausscheiden. Deshalb wissen Voss-Tecklenburg wie Carlson, was sie jetzt vor dem ersten K.o.-Duell dieser Frauen-EM 2022 gegen Österreich am Donnerstag (21 Uhr/ARD) auf keinen Fall tun dürfen: Das perfekt durch die Gruppenphase gekommene Ensemble durch Experimente verunsichern.

Aber die werde es auch nicht geben, versicherte die für Analyse und Spieltaktik zuständige Carlson: „Wir werden und brauchen nichts groß zu verändern.“ Gegenüber 2019 gebe es „viel mehr Klarheit“, bestätigte die 44-Jährige, „wir kennen uns besser, beide Seiten hören zu und kommunizieren viel.“

Wenn Lina Magull wieder fit ist, beginnt jene Startelf, die sich gegen Spanien (2:0) bewährt hat. Die gesperrten Felicitas Rauch und Lena Oberdorf kehren zurück, Lea Schüller hat nach ihrer Corona-Infektion das Aufwärmprogramm mitgemacht. Trotz einer für England völlig untypischen Gluthitze – die Nachrichtensender überschlagen sich mit Warnungen und Hinweisen – haben die Deutschen vormittags eine „kurze, knackige Einheit“ (Carlson) und nachmittags eine Bootstour auf der Themse absolviert, die im Westen Londons wunderschöne Anblicke bietet. Mal rauszukommen, sei gerade jetzt wichtig, sagt Carlson, außerdem war die Teilnahme auf dem klimatisierten Schiff allen freigestellt.

Voss-Tecklenburg ist den Rad- und Fußweg am Ufer, den so genannten „Thames Path“, bereits abgefahren. Sie glaubt fest daran, dass auch ihr Team keine Orientierungsprobleme haben wird, wenn im vertrauten Community Stadium von Brentford gegen defensivstarke Gegnerinnen vor allem „Körperlichkeit und Geduld“ (Carlson) gefragt sein werden. „Die werden laufen bis zum Umfallen“, glaubt Kapitänin Popp, „sie leben ja extrem von ihrem Teamgedanken.“ Aber auch Popp und Co. haben in mühsamer Kleinarbeit noch einen tragfähigen Teamgeist entwickeln können. In Frankreich war letztlich vieles von einem über die Sozialen Medien verbreiteten Zusammengehörigkeitsgefühl nur gespielt, in England ist bislang kein Widerspruch zwischen virtueller und realer Welt zu entdecken.

Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter, erwartet ein leidenschaftliches Duell, „da spielt Herz gegen Herz.“ Aber bei allem Respekt vor Österreich müsse gelten: „Auch im Viertelfinale werden wir entscheiden, wer als Sieger vom Platz geht.“ Danach könnte es ein Halbfinale gegen Frankreich oder die Titelverteidigerinnen aus der Niederlande in der Planstadt Milton Keynes geben, wo das deutsche Team zuletzt in Zimmern ohne Klimaanlage übernachten musste.

Solche Themen hat die Protagonistinnen mehr beschäftigt als ein Beitrag von Hans Krankl, der als gut bezahlter Kolumnist den Bogen zu den Frauen spannt, um an historischen Taten Österreichs bei der WM 1978 in Argentinien zu erinnern, als Edi Finger am Mikrofon nach einem Sieg gegen Deutschland narrisch wurde.

„Ich bin zuversichtlich, dass Brentford unser zweites Cordoba wird. Ich glaube an unsere Damen – wir gewinnen 3:2“, hat die Legende, inzwischen 69, verbreitet. Auf Krankls Einlassung angesprochen, hob die in jenem Jahr geborene Carlson am Platzrand nur die Augenbrauen. Mit solchen Geschichten könne sie nicht viel anfangen. „Die Schlacht von Cordoba war das?“ Nein, es hieß immer „die Schmach von Cordoba“. Darüber aufgeklärt verwies Carlson darauf, das seien doch die Männer gewesen. Richtig. Und hat 44 Jahre später nicht ansatzweise etwas mit einem Viertelfinale einer Frauen-EM zwischen Deutschland gegen Österreich zu tun, für das sich in beiden Ländern nun Millionen interessieren.

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