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DFB-Frauen im EM-Finale: Fehlt nur noch das i-Tüpfelchen

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Von: Frank Hellmann

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Du kommst hier nicht durch: Sara Däbritz (links) und Lina Magull stoppen die Engländerin Lucy Bronze 2019 in Wembley - Deutschland siegte damals 2:1.
Du kommst hier nicht durch: Sara Däbritz (links) und Lina Magull stoppen die Engländerin Lucy Bronze 2019 in Wembley - Deutschland siegte damals 2:1. © imago images/Fotoarena

Die deutschen Fußballerinnen gehen als Außenseiterinnen ins Finale gegen England - eine Rolle, die ihnen behagt.

Fast täglich finden rund 87 000 Fans mit Ticket für das Finale der Frauen-EM zwischen England und Deutschland (Sonntag 18 Uhr/ARD) neue Nachrichten in ihrem elektronischen Postfach vor. Auf der einen Seite wird auf die vielfältigen Mitmachaktivitäten verwiesen, die es zuvor auf einer Fan-Party im Wembley-Park gibt. Auf der anderen Seite fehlen die warnenden Hinweise nicht, dass auf dem Areal kein Alkohol ausgeschenkt wird, nur Kartenbesitzer reinkommen und die Sicherheitskontrollen streng sein werden. Der Veranstalter verspricht – auch den 3000 deutschen Gästen – , dass jeder „ein sicheres und unvergessliches Erlebnis hat“. Alles andere würde auch überhaupt nicht zu einem fröhlichen Turnier passen, das trotz verdoppelter Zuschauerzahlen seinen familiären Charakter bewahrt hat.

Was die Dachorganisation Uefa und Englands Fußball-Verband (FA) überhaupt nicht brauchen: verstörende Bilder mit randalierenden Anhängern, die sich so sehr an der Aussicht berauschen, endlich, endlich nach 1966 wieder einen Pokal gewinnen zu können, dass alle Hemmungen fallen. Auch jetzt bespielt das Mutterland des Fußballs penetrant den Bezug zur (Männer-)WM 1966, obgleich Ellen White mit Geoff Hurst noch weniger zu tun hat als Alexandra Popp mit Horst Hrubesch – diese beiden telefonieren immerhin regelmäßig.

Hurst, Schütze des legendären „Wembley-Tores“, hat über die Parallelen zwischen der früheren Generation um Kapitän Bobby Moore und dem heute von Kapitänin Leah Williamson und Millie Bright geführten Ensemble gesprochen. „Was an diesem Team gut ist, dass sie alle füreinander kämpfen. Teamgeist und Kameradschaft sind die Grundlage – und da sehe ich eine Gemeinsamkeit zu unserer Zeit.“ So wie der 80-Jährige den ganz großen Bogen schlägt – ähnlich mächtig wie jener über der Kultstätte Wembley – sehen es aber viele. Ohne Pathos geht es auf der Insel nicht. Und wenn bei der BBC jetzt 15 Millionen einschalten wollen, die Trikots der „Lionesses“ überall ausverkauft sind, müssen wohl historische Dimensionen her.

Dies kann einer weit weg von London verfrachteten deutschen Delegation nur recht sein. Ein Gutes hat der sinnfreie Umzug nach Watford in die Grafschaft Hertfordshire: Der Tapetenwechsel in ein herrschaftliches Anwesen vor fast kitschiger Adelskulisse setzt noch mal neue Reize. Und eine Partylocation wurde auch schon entdeckt. Gefeiert wird so oder so auch am Montag. Der Empfang am Frankfurter Römer kommt unabhängig davon zustande, ob die deutschen Fußballerinnen im neunten EM-Finale auch das neunte Mal gewinnen.

Titel Nummer sieben gab es 2009 in Helsinki, als die heute als Sportpsychologin hinter dem Team arbeitende Birgit Prinz beim 6:2 im Endspiel gegen England zweimal traf. Genau wie die damalige EM-Torschützenkönigin Inka Grings, ehemalige Lebensgefährtin der heutigen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die da bereits lange ihre aktive Karriere beendet hatte. Die von der Vorfreude gepackte 54-Jährige („es wird ein großartiges Fußballfest“) speist ihre Zuversicht eher aus dem 9. November 2019, als ihr Team zu einem prestigeträchtigen Freundschaftsspiel in Wembley eingeladen war – und erst Merle Frohms mit einem gehaltenen Elfmeter und dann Klara Bühl mit einem späten Siegtor den Party-Crasher für 77 768 Augenzeugen spielte. „Da erinnere ich mich gern daran“, sagt die deutsche Torhüterin, die öffentlich wie befreit rüberkommt. „Es ist gut, dass wir ungefähr wissen, was auf uns zukommt.“

Die deutschen Fußballerinnen haben endgültig nichts mehr zu verlieren, es sei denn, sie würden überrollt wie Norwegen (0:8) in der Vorrunde oder Schweden (0:4) im Halbfinale. Aber dagegen wird schon Kapitänin Alexandra Popp vorgehen, die am Freitag in der finalen Pressekonferenz unter DFB-Hoheit versprach, alles zu geben. Die 31-Jährige will im Fernduell mit der ebenfalls sechsmal erfolgreichen Beth Mead nicht Torschützenkönigin, sondern Europameisterin werden. „Es wäre schön, das i-Tüpfelchen draufzusetzen.“ Die ebenfalls mit Weltklasseleistungen am Fließband aufwartende Lena Oberdorf findet es mit 20 Jahren höchst motivierend, „wenn das ganze Stadion gegen dich ist, dich am besten noch ausbuht.“

Aus dem aktuellen Kader haben 2013 allein Almuth Schult, Sara Däbritz und Svenja Huth eine EM gewonnen. Die damalige Prämie betrug übrigens 22 500 Euro. Diesmal winkt fast die dreifache Summe (60 000 Euro). Nur unwesentlich mehr spendiert der Gastgeber (55 000 Pfund, ungefähr 65 500 Euro). Entscheidend wird sein, dass die DFB-Frauen als die neuen Lieblinge der Nation wieder mit riesiger Defensivlust ans Werk gehen. Bitter wäre es nur, sollte die angeschlagene und am Freitag beim Training fehlende Marina Hegering ausfallen – sie würde durch Sara Doorsoun ersetzt. Es braucht Robustheit, um dem Powerstil der seit 19 Länderspielen ungeschlagenen Engländerinnen zu trotzen. Das DFB-Team hat aber nicht nur 21 von 27 Länderspielen gewonnen: Der den stärksten Block der Nationalmannschaft bildende Doublesieger VfL Wolfsburg warf in der Women’s Champions League erst den englischen Champion Chelsea FC (4:0, 3:3) in der Gruppenphase raus, dann im Viertelfinale den Vizemeister Arsenal WFC (1:1, 2:0). Die spielerischen Vorteile der deutschen Nationalspielerinnen waren unter dem Strich offenkundig. Unbezähmbar sind die englischen Löwinnen also nicht. Mag in Wembley vorher auch noch so laut gebrüllt werden.

Magazin S. 22/23

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